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Neuer Roman von Tash AwEine kleine Farm in Zeiten von El Niño

Der neue Roman von Tash Aw wird wieder weltweit hoch gehandelt. Er erzählt vom ländlichen Malaysia, Klassenzugehörigkeit und einer schwierigen Liebe.

Literatur, die von sozialer Klasse erzählt, erlebt gerade einen Boom, und Texte, die von ersten Erfahrungen mit Queerness berichten, erfreuen sich ebenfalls schon seit einer Weile großer Beliebtheit. Beide Genres sind insofern kompatibel, dass sie sich gut aus einer höchstindividuellen Perspektive erzählen lassen: Die jugendliche Einsicht, dass die eigene Sexualität und/oder Klassenzugehörigkeit einen in einen Widerspruch mit der Umgebung setzen, kommt oft schlagartig und dramatisch, und die soziale Relevanz eines solchen Erweckungserlebnisses versteht sich fast von selbst.

Wie man aus der Kombination von Klasse, Queerness und Jugend erzählerisches Gold spinnen und auch international einen Nerv treffen kann, zeigt Édouard Louis’ Roman „Das Ende von Eddy“: Wenn der junge Eddy Bellegueule nicht nur gegen die beengten Klassenverhältnisse seiner Kindheit, sondern auch gegen die Homophobie seiner Umgebung aufbegehrt, muss man im Grunde nichts über den Schauplatz Nordfrankreich wissen, um den Text nicht nur für ein literarisches, sondern auch für ein soziologisches Ereignis zu halten.

Dass dieses Rezept auch im Globalen Süden aufgehen kann, zeigt der fünfte Roman des malaysischen Schriftstellers Tash Aw, der uns in eine Region führt, die dem deutschen Publikum noch weniger vertraut sein dürfte als Frankreich: Aws Protagonist ist der 16-jährige Jay, und sein sexuell-soziales Erweckungserlebnis findet in den Neunzigerjahren in einer abgelegenen Gegend Malaysias statt, die das Großstadtkind bei einer Reise mit seiner Familie kennenlernt.

Versnobte Hauptstädterinnen

In einer unterentwickelten Ecke des Bundesstaats Johor besitzen seine Eltern eine kleine Farm, eigentlich nur „ein ödes Stück Land“, das von einem ärmlichen Verwandten verwaltet wird. Für Jay ist es der erste Besuch dort, und während seine älteren Schwestern ihre Rollen als versnobte Hauptstädterinnen zelebrieren und sich ostentativ langweilen, entwickelt er eine Faszination für die Gegend und besonders für Chuan, den 19-jährigen Sohn des Verwalters.

Der Roman

Tash Aw: „Der Süden“. Aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda. Luchterhand, München 2026. 288 Seiten, 24 Euro

Der Süden ist kein idyllischer Schauplatz für eine Romanze: Das Land ist ausgetrocknet, die Wirtschaft ist es auch, die Menschen ziehen weg, wenn sie können, und allen ist klar, dass die Farm keine Zukunft hat. Nur der Verwalter Fong flüchtet sich in Luftschlossfantasien, aber Aw macht deutlich, was davon zu halten ist, indem er seinen Roman mit abgeholzten Tamarindenbäumen beginnen und enden lässt: ein „Kirschgarten“ in Zeiten von El Niño und Wirtschaftskrise, aber anders als bei Tschechow ohne jeden Deutungsspielraum, wie das Ganze ausgehen wird.

Jay hat wegen seiner Queerness bereits Gewalt erfahren, und in der Provinz ist an offene Homosexualität eh nicht zu denken

Spannender sind ohnehin die Auswirkungen dieser Tristesse auf die Wunschproduktion der Liebenden: Beide sind durchaus nicht ohne Sinn für Romantik, und der Roman beginnt mit Chuans Wunsch, die gerade begonnene Beziehung möge „für immer“ andauern.

Trotzdem wissen natürlich sowohl der sensible Jay als auch der pragmatischere Chuan, dass solche Fantasien eine kurze Halbwertzeit haben, besonders für ein schwules Paar wie die beiden: Jay hat in der Schule wegen seiner Queerness bereits Gewalt erfahren, und in der Provinz ist an offen gelebte Homosexualität sowieso nicht zu denken.

Der Elefant im Raum

Dazu kommt der Elefant im Raum, der beiden ebenfalls sehr bewusst ist und der den Roman strukturiert: Auch wenn Jays Eltern in der Hauptstadt keinesfalls zur Oberschicht gehören und (wie alle Figuren des Romans) als Angehörige der chinesischen Minderheit zusätzlicher Diskriminierung ausgesetzt sind, sind sie hier im Süden die ortsfremden Landbesitzer, die über das Schicksal von Chuan und seinem Vater bestimmen. J

ay kommt sich von Anfang an – völlig zu recht – wie ein Eindringling vor, und auch während sich seine Liebesgeschichte mit Chuan ziemlich gradlinig entwickelt, ändert sich an dieser Dynamik nichts. Er hat auf der Farm nach dem Ende der Ferien nichts mehr zu suchen, Chuan hat keine ernsthafte Perspektive, den Süden zu verlassen, und die beiden haben sich in dem engen Raum zu bewegen, der durch diese beiden unangenehmen Wahrheiten begrenzt wird.

Eine in dieser Weise durch die Klassenverhältnisse vorbestimmte Geschichte trotzdem aufregend zu erzählen, ist eine handwerkliche Herausforderung, die der Autor scheinbar mühelos meistert. Sein cooles, präzises Englisch war bereits in seinen vorherigen Romanen zu bewundern und wurde für dieses Buch von den ÜbersetzerInnen Pociao und Roberto de Hollanda angemessen lakonisch ins Deutsche übertragen.

Anders als in Aws weiter ausgreifenden früheren Werken trifft die knappe Sprache hier auf einen gleichermaßen reduzierten Gegenstand: Der Plot ist kurz und simpel, die Erzählweise unaufdringlich komplex. Jay erzählt seine Geschichte überwiegend aus der Ich-Perspektive, aber immer wieder bewegt sich der Roman kurz von der Hauptfigur weg und nimmt die Perspektive von Figuren in ihrem Umfeld ein. Indem auf diese Weise Jays Mutter Sui und der Verwalter Fong mit ihren jeweils eigenen Sehnsüchten und Geheimnissen zu Wort kommen, verankert Aw die Liebesgeschichte seines Protagonisten in größeren historischen und sozialen Kontexten und macht klar, dass auch individuelle Erlebnisse nie in einem luftleeren Raum stattfinden.

Elegant mit Informationen versorgt

Die Verbindungen zwischen Jays persönlichem Glück und Unglück, den weitgehend unausgesprochenen Konflikten und Traumata innerhalb der Familie und schließlich der Gegenwart und Vergangenheit Malaysias knüpft Aw subtil und diskret, und wie sparsam und elegant er uns beim Lesen mit Informationen versorgt, ist meisterhaft: Immer wieder wird in dem Roman die Chronologie durchbrochen, um einen bereits geschilderten Moment noch einmal aus einer anderen Perspektive und von einem leicht erweiterten Kenntnisstand aus zu erzählen, und die daraus entstehende Spannung trägt den Roman bis zum Ende, ohne dass er dabei jemals formal angeberisch oder verkopft wirkt.

Man tritt dem Autor nicht zu nahe, wenn man bemerkt, dass genau dieser knappe Stil, das perfekt beherrschte „Show, don’t tell“ und die Zurückhaltung, auf allzu belehrende Weise in lokale Sachverhalte einzusteigen, Voraussetzungen für den globalen Erfolg des schon jetzt üppig mit internationalen Literaturpreisen bedachten Buchs sind.

Dazu kommt die Tatsache, dass der in Großbritannien ausgebildete Aw wie alle ins Deutsche übersetzten malaysischen Autoren auf Englisch und nicht auf Malaiisch oder Chinesisch schreibt – dies setzt ihn in einen Widerspruch zur offiziellen Kulturpolitik des Landes und macht ihn gleichzeitig zum leicht zugänglichen Aushängeschild einer kosmopolitischen Literatur, die auf der ganzen Welt erfolgreich sein kann, weil sie von ihren LeserInnen nicht allzu viel Auseinandersetzung mit Fremdheit verlangt.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob bei dieser linguistischen und stilistischen Globalisierung der Literatur etwas verlorengeht. Trotzdem sollte man deswegen diesen brillanten Roman nicht links liegen lassen.

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