Neuer Münster-„Tatort“: Das Krimi-Rad nicht neu erfunden
Der „Tatort“ aus der Fahrradstadt Münster lebt von seinem Ensemble-Charme als Rückgrat. Die Mordfälle sind da auch diesmal nur die Bandscheiben.
F orensik, das ist ja die Rekonstruktion des Geheimnisvollen mithilfe von nüchternen Methoden. Wenn es also zum Beispiel dazu kommt, dass jemand tot in einer Tiefkühltruhe liegt, dann darf die gewöhnliche Beobachterin sogleich aufs Kreativste herumfantasieren, wie es dazu gekommen sein könnte. Die Forensikerin dagegen wartet lieber erst mal ab, bis der gute Mann aufgetaut ist, bevor sie irgendwelche Schlussfolgerungen zieht.
Diese Woche sind in Münster gleich drei Geheimnisvolligkeiten aufs Nüchternste zu rekonstruieren. Erstens ist da die schon erwähnte gefrorene Leiche. Zweitens ein über hundert Jahre altes Dokument, von dessen Echtheit die Ehre der Stadt Münster abhängt. Das dritte ist die Familie Hobrecht, zu der sowohl Dokument als auch Leiche gehören, und deren Mitglieder alle irgendetwas zu verbergen scheinen.
Das Ganze hat übrigens mit Fahrrädern zu tun, was aber eine Nebensache ist – als Münsteraner Lokalklischee charmant, ansonsten nicht weiter wichtig. Der entscheidende Punkt ist, wir haben es mit einem Familienunternehmen zu tun und in ebendem mit einer Unternehmerfamilie, und deren größtes Ekel ist nun also tot und tiefgefroren. Forensiker Boerne und Kommissar Thiel gehen den Fall gewohnt geradeheraus analytisch an, während Staatsanwältin Klemm sich ausnahmsweise mal heimlich mit dem Herzen verstrickt.
Die Sache hat den üblichen harmlosen Charme, den der beliebteste deutsche Tatort verlässlich aus seinem Ensemble bezieht. Der „Tatort“ in Münster lebt als Forensik-Tatort von der Situationskomik der Gegensätze. Leidenschaft versus Wissenschaft, heile Münsterwelt versus Mord und Totschlag, Klassendünkel gegen Bodenständigkeit. Das funktioniert und erfreut sich größter Beliebtheit seit über 20 Jahren, also warum sollte man an der Formel irgendwas ändern? Da müsste man ja quasi das Rad neu … hoppla! Sind Räder am Ende doch keine Nebensache?
„Die Erfindung des Rades“, So., 20.15 Uhr, ARD
Zusammen strahlen
Jan Josef Liefers spielt Gerichtsmediziner Boerne als den ins Komische verzerrten abgehobenen und weltfremden Professor, dessen Ego immer in irgendeiner peinlichen Lage zurechtgestutzt wird (dieses Mal muss er wegen verlorenen Führerscheins Rad fahren), Axel Prahl gibt als Gegenpart den hemdsärmeligen Softie Thiel. Mechthild Großmann als Staatsanwältin Klemm macht das Dreieck komplett in der Rolle der knallharten Bossin.
Und während alle drei Figuren strahlen, würden sie alleine für sich keinen Sinn ergeben. Ein Boerne-Solo-Spin-off wäre so platt wie unerträglich. So bilden die drei das Rückgrat der Reihe, in dem die Mordfälle nichts weiter sind als die Bandscheiben. Wie gesagt, es gibt gar keinen Grund, an dieser Formel irgendetwas zu rücken. Umso erstaunlicher, dass am Ende dieser Folge ein Abschied steht. Was nun? Muss Westfalen am Ende das Rad dann doch … na, Sie wissen schon!
Aber was war nun eigentlich mit dem Mann in der Tiefkühltruhe? Ganz einfach, der war reich, cholerisch, gewalttätig, rachsüchtig und eitel, weshalb genau jede und jeder der Hobrechts ein Motiv hätte. Obendrein liebt es diese Familie von Exzentriker*innen, allen um sich herum etwas vorzuspielen. Und wenn man in der Welt des Krimis eines lernt, dann dass man Leuten und dem, was sie über sich erzählen, nicht trauen sollte. Deswegen muss die Sache forensisch nüchtern geklärt werden. Das hätte übrigens von Anfang an allen Beteiligten viel erspart.
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