piwik no script img

Neue US-Angriffe auf Iran„Washington wird keinen sicheren Ort in der Region finden“

Der neue Führer Irans, Modschtaba Chamenei, nennt Israel in einer Erklärung ein „zionistisches Krebsgeschwür“. Vorsichtigere Worte wählte er für die USA.

Die Lage bleibt angespannt: Straßenszene in Teheran am 24. Mai Foto: Vahid Salemi/ap

Noch am Montag hatte Marco Rubio Hoffnung gemacht: „Ich glaube, die Welt wird in den kommenden Stunden ein paar gute Nachrichten erhalten“, sagte der US-Außenminister. Und die Welt glaubte daran, dass eine vorläufige Einigung zwischen USA und Iran fast beschlossen sei. Zumal sich der iranische Außenminister Abbas Araghtschi und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf auf dem Flug nach Katar befanden. Dort ist ein Teil der eingefrorenen iranischen Milliarden gebunkert. Deshalb war auch der iranische Zentralbankpräsident Teil der Delegation. Doch einen Tag später klingt Rubio plötzlich wieder vorsichtig und sagt, es sei kompliziert, alles brauche Zeit. Wie viel Zeit, wisse er nicht.

Etwa zeitgleich zur hoffnungsvollen Botschaft von Rubio am Montag meldete sich auch Mohammad Bagher Zolghadr zum ersten Mal zu Wort, seitdem er Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrats Irans wurde. Das Volk könne sicher sein, es würden keine roten Linien überschritten, schrieb er kurz und knapp. Dieser Satz erwies sich viel aussagefähiger als der von Marco Rubio, als die Reise nach Katar und als alle Vorhersagen von Experten.

Zolghadr, der sofort nach der Tötung von Ali Larijani auf dessen Posten folgte, gilt als Stimme von Modschtaba Chamenei, dem neuen Führer Irans. Nach der politisch-militärischen Enthauptung der islamischen Republik gelten vier Kommandanten der Revolutionsgarden als Sachwalter der „Republik“, oder dem, was von ihr übrig geblieben ist. Und Zolghadr ist einer dieser „Viererbande“, die Modschtaba Chamenei als den neuen Führer durchdrückten.

Damit auch wirklich jeder und jedem klar ist, im Namen wessen Zolghadr gesprochen hat und wohin die Reise gehen soll, meldete sich am Dienstag Modschtaba Chamenei selbst in einer langen Erklärung zu Wort. Der Anlass war zwar der Beginn der Pilgerfahrt nach Mekka. Aber derlei Anlässe werden gerne als Verkleidungen genutzt, um viel Wichtigeres zu übermitteln.

Das Hauptziel des Mullah-Regimes: überleben

„Washington wird keinen sicheren Ort in der Region finden“, sagte Modschtaba Chamenei. „Die Zeiten sind vorbei.“ Dazu wiederholte er den Satz seines getöteten Vaters: Israel, „dieses zionistische Krebsgeschwür“, werde die nächsten 25 Jahre nicht erleben. Ob Modschtaba Chamenei tatsächlich geistig wie körperlich in der Lage ist, eine solche Erklärung selbst zu verfassen, ist unklar.

Der Satz über Israel war eine indirekte Absage an eine Aussage von US-Präsident Trump vom Montag. Der hatte in seiner Euphorie über eine mögliche baldige Einigung verkündet, die Verhandlungen mit Iran gehörten zum Projekt des „Abraham-Abkommens“, also der Normalisierung der Beziehungen zwischen arabischen Ländern und Israel; vielleicht werde sich auch Iran dem anschließen.

Tatsächlich ist die Zukunft Irans total offen. Das Hauptziel derjenigen, die im Namen der Republik reden und handeln, ist zuallererst überleben. Und sie vertrauen darauf, dass sich die Welt mit der Schließung der Meeresenge von Hormus unter Druck setzen lässt. Irgendwann werde sich Trump zu mehr Zugeständnissen durchringen, da zwei für ihn wichtige Termine bevor stünden: die Fußball-WM, die im Juni und Juli in den USA, Mexiko und Kanada stattfindet, und die US-Zwischenwahlen im November dieses Jahres. Zugleich wissen sie, Trump ist unberechenbar und man darf ihn nicht überreizen.

Das ist der Grund ihres Schweigens über die US-Angriffe auf ihre Raketenstellungen und ihre Boote in der Nähe der Straße von Hormus. US-Attacken bedeuten nicht das Ende der Verhandlungen. Grade jetzt setzt Trump sich dafür ein, bald eine freie Schifffahrt in der Straße von Hormus zu erreichen, obwohl bei den bisherigen Beratungen zentrale Fragen wie die Zukunft des Atomprogramms oder die vollständige Freigabe von eingefrorenen iranischen Guthaben offengeblieben sind.

Nur noch 440 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 440 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare