Neue Staffel „Literarisches Quartett“: Solo plus drei

Im neuen Quartett wird krampfhaft versucht, an aktuelle Themen anzuknüpfen. Polemik und scharfe Kritik aber fehlen weitestgehend.

vier Menschen sitzen auf Polstermöbeln auf einer Bühne

Thea Dorn und noch ein paar Leute Foto: Svea Pietschmann

Sie macht es jetzt alleine. Erst war Thea Dorn, die sich irrerweise nach dem großen Ador­no benannt hat, als Gast in der Runde des „Literarischen Quartetts“, bis sie den Platz des ausgeschiedenen Maxim Biller als festes Mitglied übernahm. Jetzt ist sie nach dem Abschied von Christine Westermann und dem des vorherigen Gastgebers Volker Weidermann die neue Gastgeberin, und das neue Konzept dieser altehrwürdigen Sendung, die damit gewissermaßen in ihre dritte Staffel läuft, besteht im Grunde aus ihr. Thea Dorn bleibt nämlich das einzige ständige Mitglied des „Literarischen Quartetts“; sie darf sich für jede Sendung drei Gäste bestellen.

Am Freitagabend lief die erste Ausgabe des literarischen Solos plus drei, und zunächst einmal schien es, als ob Dorn die Gelegenheit tatsächlich nutzt, um sich noch weiter in den Vordergrund zu rücken. Allein saß sie da auf einem kleinen Zweiersofa, neben ihr lediglich ein wirrer Stapel Bücher und Zettel; auf dem Stuhl rechts von ihr der einzige geladene Mann des Abends, der Freitag-Chef und im Zweifel dann doch Linker Jakob Augstein, noch weiter rechts die RBB-Moderatorin und Autorin Marion Brasch. Auf der anderen Seite die österreichische Autorin Vea Kaiser.

Mit anderen Worten: Büchermenschen saßen durchaus da; außer Dorn, bei der sich über die Funktionsbezeichnung auch streiten ließe, aber keinE ausgewieseneR LiteraturkritikerIn. Das ist einerseits bezeichnend für das Verhältnis von Fernsehen und Literaturkritik. Andererseits weist es auf die Funktion von Literatursendungen jedenfalls im Verständnis des ZDF hin: ein gutes Empfehlungstool, das soll das „Literarische Quartett“ sein, gern auch mit Unterhaltungsfaktor, der sich aus Leidenschaft und einem Hang zur Polemik ergibt.

Für so etwas war Marcel Reich-Reinicki, der selige Gottvater dieses Formats, natürlich leicht zu haben, und Maxim Biller passte ebenfalls gut in diese Rolle. Am Freitag bei der Premiere mit Thea Dorn als Gastgeberin täuschte ausgerechnet der Charmebolzen Augstein immer mal polemische Qualitäten an. Hie und da ging es sogar um so etwas wie Literaturverständnis. Und um die Möglichkeit eines Streits darüber, was Literatur in diesen Zeiten noch auszurichten vermag.

Allgemeine Skepsis

Denn immerhin: Der gefühlige Ansatz, für den im „Quartett“ bis vor Kurzem noch Christine Westermann stand (in Nachfolge von Elke Heidenreich), blieb weitgehend draußen, und man konnte sich sogar darauf verlassen, dass Dorns immer leicht danebener konservativ-bildungsbürgerlicher Ansatz auch in dieser Konstellation nicht einfach durchging. Sondern fast wie gewohnt durchfiel: Außer „Altphilologin“ Kaiser, die aber auch skeptisch blieb, konnte niemand etwas mit dem graecophilen Wälzer anfangen, den Dorn als Vorschlag für die Diskussion mitgebracht hatte.

Ausgerechnet der Charmebolzen Augstein täuschte Polemik an

Moritz von Uslars „Deutschboden 2“ hingegen fanden alle außer Dorn gut; und über Ingo Schulze, einen Autor, der fast schon prototypisch für die gesamte Ödnis des deutschen Literaturbetriebs steht, konnte immerhin diskutiert werden. Das vierte Buch stammte von Vicki Baum und lohnt bestimmt der Wiederentdeckung.

Und so war es Thea Dorn hörbar ein Anliegen, die vorliegenden Bücher mit aktuellen Diskursen zu verknüpfen. Schulze war „politisch auf der Höhe der Zeit“, weil sein Buch in Dresden spielt und von der sukzessive Selbstnazifizierung eines ausgewiesenen Büchermenschen handelt; Vicki Baums Roman galt ihr als aus der Tiefe des vergangenen Raumes kommender Gegenbeitrag zur Metoo-Debatte. Sogar das Coronavirus fand endlich sein Antidot in Form eines Buches.

Wobei sich „Die Pest“ von Albert Camus natürlich immer zu lesen lohnt (und in Italien tatsächlich wieder zum Bestseller geworden ist).

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