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Neue Staffel „Euphoria“„Breaking Bad“ für die Gen Z

Endlich ist die dritte Staffel von „Euphoria“ da! Rue begibt sich weiterhin auf wahnsinnige Sidequests. Aber wie steht es um den Kern der Geschichte?

Sydney Sweeney in „Euphoria“ Foto: hbo/ap

Die HBO-Serie „Euphoria“ verherrlicht Drogenmissbrauch, romantisiert die Erfahrungen psychisch labiler Teenager und ästhetisiert das Leben während der Highschool irgendwo in einer Kleinstadt in den USA. Und war genau wegen ihrer Brutalität und Ehrlichkeit ein Riesenerfolg. Nun kehrt die Serie für ihre dritte und wohl letzte Staffel zurück. Nach mehreren Todesfällen, Zerwürfnissen im Cast und Streik im Writers Room, sind die Charaktäre rund um Rue Bennet mittlerweile aus dem Highschool-Alter raus.

Dabei war bisher genau dieser Aspekt der Serie so tragend. Im Mittelpunkt steht in der ersten Staffel die 17-jährige Rue Bennet, die ihre Trauer um den Vater mit jeglichen Pillen, Pulvern und Getränken erstickt. Sie belügt ihre Familie, bricht auf Partys zusammen, verliebt sich in ihre neue Mitschülerin Jules, trennt sich und gerät in der zweiten Staffel in die Hände eines Drogenbosses. Auch ihre Mit­schü­le­r:in­nen verlieren sich in einem Sog aus Selbsthass, toxischen Beziehungen und Einsamkeit.

Den Ton der Serie, die von Gewalt und Missbrauch erzählt, setzt Rue direkt in der ersten Folge, als sie Nate Jacobs, den charismatischen, mindestens narzisstischen und beliebtesten Typen auf ihrer Schule wieder sieht. „And once during the freshman formal, he tried to finger me on the dance floor without my permission. But like, that’s America. And if they were throwing an end of summer party. Of course, I’d fucking go.“

Die Serie

„Euphoria“, dritte Staffel, 8 Folgen, ab 13. April bei HBO Max, Sky und WOW

„Euphoria“ war maßgeblich so ein riesiger Erfolg, weil sie uns –pandemiebedingt zu Hause sitzend – zeigte, was wir draußen verpassten. Wir sehnten uns nach Freiheit, Exzess und Lebensfreude, all das vereinte die Geschichte und besonders die Ästethik von „Euphoria“. Nur eben komplett darüber.

Partyszenen komplett in blau oder rot schimmerndes Licht getaucht, extravagante Outfits, viel Haut, viel Glitzer, am Anfang sauber aufgeklebt, am Ende des Abends verschmiert in Augenwinkeln und auf Wangen. „Euphoria“ war in den Themen over the top. Im Look noch mehr. Genau diese Ästethik feierten die Fans. Bis Skandale und Streiterei in die Realität sickerten.

Stimmungswechsel

Denn nach zwei Staffeln wandelte sich die Stimmung. Dem Serienschöpfer Sam Levinson wird vorgeworfen, die gefeierte Ästethik von der kanadisch-ungarischen Fotografin Petra Collins übernommen zu haben, die nach eigenen Angaben zu Beginn wenige Monate an der Serie mitgearbeitet hatte. Bereits 2015, drei Jahre vor Produktionsbeginn, hatte sie auf Instagram Bilder gepostet mit Teilen des späteren Casts in blauem, soften Licht, mit extravaganten Haaren und Make-up.

Auch Sidney Sweeny, die die tragische Rolle von Nates Freundin Cassie Howard spielt, steht mittlerweile in der Kritik. Im Herbst 2025 war sie das Werbegesicht einer American-Eagle-Jeans-Kampagne, die als rassistisch und sexistisch kritisiert worden war.

Der Musiker Labyrinth, der gemeinsam mit Zendaya, die herzzereisenden Songs für die Serie geschrieben hat, löste sich kurz vor der Veröffentlichung der neuen Staffel mit einem Instagram-Statement von „Euphoria“ und dem Label Columbia Records. („Ich bin fertig mit der Industrie, fuck Columbia, double fuck Euphoria.“)

Dazu kamen die Verluste von den Schauspielern Angus Cloud und Eric Dane. Dane, bekannt aus „Grey’s Anatomy“, starb an seiner ALS Erkrankung. Cloud war ein noch junger, unerfahrener Schauspieler. Serienschöpfer Levinson hatte, wie er in einem Interview in der New York Times schildert, versucht, ihn im Kampf gegen die Drogensucht zu unterstützen. „Eigentlich sollte sein Charakter am Ende der ersten Staffel sterben, aber ich konnte es nicht.“

Cloud galt als Fan-Favorit, spielte ironischerweise einen gutmütigen Drogendealer, der Rue zur Seite stand. Clouds plötzlicher Tod an einer Überdosis habe ihn während seiner Arbeit an der dritten Staffel nicht losgelassen, so Levinson. „Ihn zu verlieren, ließ mich darüber nachdenken, welche Geschichten ich wirklich erzählen will.“ Themen der dritten Staffel seien „das Gute und Böse, die Freiheit und ihre Konsequenzen und dass Gefühl, jederzeit sterben zu können“.

Mindestens zweimal blickt daher die nun ein wenig ältere, aber kaum weisere Rue in der ersten Folge der neuen Staffel dem Tod ins Auge. Sie arbeitet mittlerweile bei Drogenboss Laurie, der sie seit der zweiten Staffel 100.000 Dollar für Drogen schuldet. Sie spießt ihr Auto auf den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko beim Schmuggel auf, weil die Rampe nicht funktioniert, schluckt Augapfel große Ballons, in denen sich Fentanyl befindet, und lässt sich von einem Zuhälter einen Apfel vom Kopf schießen.

Der Kern geht verloren

Alles, wie immer bei „Euphoria“? Rues wahnsinnige Sidequests bleiben, doch der Rest des Kerns geht verloren. Cassie, inzwischen Mitte zwanzig und weiterhin auf der Suche nach Bestätigung will mit ihrem OnlyFans-Account die geplante Hochzeit mit Nate finanzieren. Der hat die Baufirma seines Vaters übernommen und ist so überfordert mit den Aufträgen, dass er vergisst, den cholerischen, manipulativen Freund der letzten beiden Staffeln zu spielen und willigt sogar in Cassies Finanzpläne ein.

Tragende Figuren, wie Cassies Frenemy Maddy und Rues Kindheitsfreundin Lexi gehen mittlerweile brav Jobs in der Entertainment-Branche in Hollywood nach.

Auch wenn die Suche nach sich selbst, nach Bestätigung und Liebe auch Themen in der dritten Staffel bleiben, fehlt ein Teil der „Euphoria“-DNA. Die zarte Liebe zwischen Jules und Rue, die wie so oft in Highschool-Dramen zu plötzlich und zu dramatisch endet, spielt kaum eine Rolle mehr. Auch Fragen nach wahrer Freundschaft und Ersatzfamilien stellen sich die scheinbar erwachsenen Figuren nun kaum. „Euphoria“ emanzipiert sich vom Teenie-Drama, dem man zurecht immer vorwerfen konnte, dass kaum einer wie 16 aussah, zu einer Mischung aus „Breaking Bad“ gepudert mit dem Wüstenstaub eines Westerns.

Konsequent ist, dass die Highschool nicht für immer ist, das weiß auch Sam Levinson. Vielleicht ist es also an der Zeit, sich den Glitzer aus dem Augenwinkel zu wischen und zu schauen, was die Welt für die verlorenen Teenie-Seelen zu bieten hat.

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