Neue Serien auf der Berlinale: Inseln, Intrigen und Immobilienhaie
Die Berlinale setzt in ihrem Serienprogramm auf europäische Produktionen. Gänzlich abwesend waren aber große Highlights. Vier Serien im Porträt.
Es geht auch ohne die USA. Das möchte uns wohl die Auswahlkommission der Berlinale Special Sektion, die für die Serien auf dem Berliner Filmfestival zuständig ist, zu verstehen geben. Während der hiesige Markt noch immer von US-amerikanischen Produktionen dominiert wird, setzt die Berlinale – mit einer chilenischen Ausnahme – gänzlich auf europäische Serien.
Doch nicht nur die USA fehlen im Programm, auch auf echte Highlights hat die diesjährige Berlinale verzichtet. In den letzten Jahren haben Premieren von „Better Call Saul“ oder auch deutsche Produktion wie „4 Blocks“ oder „Der Schwarm“ für Aufsehen gesorgt. Dieses Jahr ist mit „Lord of the Flies“ die größte Produktion nicht einmal eine Weltpremiere, die Serie ist in Großbritannien längst bei der BBC zu streamen. Die Folge der fehlenden Highlights sind zum Teil halb gefüllte Kinosäle. Schade, denn auch das diesjährige Programm zeigt: Serien haben durchaus einen Platz auf der großen Leinwand verdient.
„Mint“, deutscher Streamingstart noch unklar
„Lord of the Flies“, ab 24. Februar auf Sky und WOW
„La casa de los espíritus“, ab 29. April bei Amazon Prime
„Ravalear – Not For Sale“, deutscher Streamingstart noch unklar
Fliegende Funken
Es ist die klassische Geschichte der verbotenen Liebe, der Starcrossed Lovers. Als sich Shannon (Emma Laird) und Arran (Ben Loyle-Carner) am Bahnsteig eines kleinen schottischen Bahnhofs gegenüberstehen, ist es zumindest für Emma Liebe auf den ersten Blick. Getrennt vom Gleisbett grinsen sie sich an, er imitiert ihre Bewegungen und das hat etwas kindisch Liebevolles. Offensichtlich ist auch Arran bezaubert von Shannons glitzernden Augen. Es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass buchstäblich Funken über die Bildfläche tanzen, sobald sie Blicke austauschen.
Die 22-Jährige sucht Nähe, die ihr bevormundender Vater Dylan (Sam Riley) ihr, was Männer angeht, verweigert. Denn, dass sie mit den falschen Typen in Kontakt kommt, kann er nicht riskieren. Dylan ist der Kopf einer mächtigen Gangsterfamilie, Shannons Oma (Lindsay Duncan) die matriarchalische Strippenzieherin im Hintergrund. Was genau die Familie und ihre Handlanger machen, ist unklar, außer dass sie offenbar einen Haufen Kohle verdienen und ihren Gegnern öfter mal aufs Maul hauen müssen. Blöderweise ein Mitglied der rivalisierenden Gang: Arran.
Die abgewandelte Erzählung der Montagues und Capulets bekommt mit Charlotte Regans – stellenweise etwas langatmigem – „Mint“ eine visuell eigenwillige Übersetzung. Gerade wenn Emma und Arran allein sind, geht das Geschehen in fragmentarische Bildschnipsel über, teils gestochen scharfen, teils altes Camcorder-Material, harte Schnitte, extreme Nahaufnahmen, die sich mit surrealen Elementen zu einer Collage zusammensetzen. Plötzlich sind sie an einem anderen Ort als noch wenige Sekunden zuvor, isoliert von der Welt, nur um im nächsten Moment wieder im schottischen Dorf zu landen. Dann schweben sie, vom Liebesrausch beflügelt, durch die Luft.
In genau diesen Momenten sind Shannon und Arran frei von dem, was ihre Umstände ihnen vorschreiben wollen. Bis die Realität wieder einbricht und eine Waffe an Arrans Schläfe gerichtet wird.
Die Jungs auf der Insel
Was geschieht, wenn eine Gruppe Jungs allein auf einer einsamen Insel ist, auf der die üblichen gesellschaftlichen Konventionen nicht gelten und sie von dunklen Trieben geleitet werden? Nichts Gutes. Das weiß auch „Lord of the Flies“, der neueste Versuch, den literarischen Stoff von William Golding aus dem Jahr 1954 filmisch umzusetzen. Diesmal als vierteilige Miniserie.
Nach einem Flugzeugabsturz müssen sich die überlebenden Jungen im Alter von etwa 6 bis 12 Jahren auf einer sonst menschenleeren Südseeinsel zurechtfinden. Schnell ist mit Ralph (Winston Sawyers) ein beliebter Anführer gewählt, auch wenn Jack (Lox Pratt) sich eigentlich für den Posten interessierte. Schließlich gibt er sich als Jagdchef zufrieden. Der unmittelbar liebenswürdige und pragmatische Piggy (David McKenna) schlichtet zwischen den beiden und kümmert sich um logistische Fragen: Wer schützt die „Littluns“, die Kleinen? Welche Regeln gelten bei den Versammlungen? Wie soll Trinkwasser gelagert werden? Und wo die Toiletten eingerichtet?
Es ist McKennas Schauspieldebüt und das ist kaum zu glauben, so selbstverständlich und natürlich liefert er seine Zeilen. Überhaupt ist dieser Kindercast schauspielerisch fantastisch.
Für die Neuinterpretation des Romans ist Jack Thorne verantwortlich, der bereits als Drehbuchautor der Netflix-Erfolgsserie „Adolescence“ bekannt ist. Gemeinsam mit Regisseur Mark Munden erkundet er in „Lord of the Flies“ erneut die Abgründe der jungen männlichen Psyche. Es dauert nicht lange, bis diese nach den anfänglichen Abenteuergefühlen an die Oberfläche treten. Jack stempelt die vernünftigen Entscheidungen von Piggy und Ralph schnell als langweilig ab und gründet ein zweites Camp, das mehr Spaß versprechen soll. Doch dessen Mitglieder, die alle zur Jägertruppe gehören, verfallen bald einem Blutdurst.
Die eindringliche Musik, die spürbare Hitze sowie allgegenwärtiger Schweiß und Dreck tragen dazu bei, dass sich ein Unwohlsein beim Zusehen einstellt. Sicherlich ist daran auch die Bestie schuld, die die Kleinen in der Nacht ausgemacht haben wollen. Die Größeren lachen sie deshalb aus und reden ihnen ein, sie hätten das nur geträumt. Doch dann sehen auch sie etwas im Wald lungern.
Literarisches Vorbild
Es gibt literarische Stoffe, die so viele Bilder im Kopf entstehen lassen, dass eine Verfilmung es schwer hat, gegen die Bilder im Kopf anzukommen. „Geisterhaus“ der chilenischen Bestsellerautorin Isabel Allende von 1982 ist so eines. Mittels einer Familiensaga erzählt Allende die Geschichte Chiles des 20. Jahrhunderts. Und zwar gleichermaßen fantasievoll, humoristisch und grausam. In ihrem Roman, der dem magischen Realismus zugerechnet wird, entwirft sie eine Welt in allen Farben, die man sich nur vorstellen kann.
Die achtteilige Serie von und mit Francisca Alegría will diese Geschichte nun auf die Leinwand bringen. Ein erneuter Versuch – in den 1990er Jahren gab es schon eine Verfilmung mit Meryl Streep. Die Serie bleibt nah am literarischen Vorbild und zeigt, wie die Oberschichtsfamilie Trueba mit politischen Intrigen und gesellschaftlichen Umschwüngen umgehen muss.
Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive der Enkeltochter Alba. Sie entdeckt die Tagebücher ihrer Großmutter Clara und lernt damit nicht nur die Geschichte der Familie kennen, sondern auch, dass Clara übernatürliche Fähigkeiten hatte. Sie konnte mit Toten sprechen, Unglücke vorhersehen und durch Gedankenkraft Gegenstände bewegen.
Im Original ist die Handlung komplex, was durch die fantasievolle Sprache gebrochen wird. Mit diesem Erzählton kann die Serie leider nicht mithalten. Es macht zwar Spaß, das bunte und detaillreiche Szenenbild anzugucken, doch die Elemente des magischen Realismus – die das Buch ausmachen – sind oft etwas plump umgesetzt. Ohnehin übertreibt die Serie den Einsatz der dramatischen Mittel: Der Wind pfeift ohrenbetäubend laut, lässt Fenster knallen und Kinder zittern. Die musikalische Untermalung nimmt jede Überraschung vorweg und möchte die Gefühlswelt der Zuschauer_innen diktieren.
Wer sich davon nicht stören lässt, entdeckt, dass das Hauptthema Allendes Geschichte nicht aktueller sein könnte: der dringend notwendige Widerstand gegen das Patriarchat.
Immobilienhaie in Barcelona
Es sind noch ein paar Stunden, bevor das Restaurant sein 100. Jubiläum feiert. In einem kurzen Moment der Ruhe setzt sich die Großfamilie am Mittag um den gedeckten Tisch, stößt mit Rotwein an. Denn es gibt noch einen weiteren Grund zu feiern, den Sohn Àlex (Enric Auquer) seinen Eltern verkündet. Das Restaurant „Can Mosques“ in Barcelona-Raval, das sie seit Jahrzehnten leitet, wird bald ihres sein. Mit der Hilfe von Investoren können sie den Laden kaufen. Die Stimmung ist feierlich: Endlich gehört der Familie, was ohnehin längst zu ihnen gehört.
Doch die Freude ist nicht von langer Dauer. Klar ist die katalanische Serie keine Familienkomödie, sondern eine Verbrecherserie. Und in „Ravalear“ sind die Verbrecher diejenigen, die auch in der Realität die Großstädter_innen – nicht nur in Barcelona – in Angst und Schrecken versetzen: Immobilienhaie. Denn der Deal mit den Investoren platzt, das Haus geht an einen Immobilienriesen und das Restaurant soll plötzlich das sechsfache an Miete bezahlen.
Dass es sich nicht lohnt, mit legalen Mitteln gegen solche Verbrecher vorzugehen, ist schnell klar. Deswegen sucht die Familie andere Wege, um ihr Restaurant zu erhalten.
Ravalear wirkt nicht wie ein klassischer Krimi, sondern streckenweise wie eine Doku über die Vernichtung einer Großstadt. Echte Aufnahmen aus den Straßen Ravals, bei denen die Augen der Passanten verpixelt werden, verstärken diesen Eindruck. Serienmacher Pol Rodríguez wurde von der Geschichte des Restaurants seiner Familie inspiriert, dass nach 90 Jahren schließen musste. Diesem wahren Hintergrund ist es wohl zu verdanken, dass diese Serie nicht nur emotional berührt, sondern auch ein kämpferisches Gefühl hinterlässt: Wir müssen uns schon wehren, wenn wir wollen, dass sich etwas ändert.
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