Neue Musik aus Berlin: Jazz-Raketen und Klassenkampf

Otis Sandsjö liefern auf ihrem neuen Album „Mauerpark Liquid Jazz“. Black Heino recken die Fäuste für die Arbeiterklasse und das Digitalprekariat.

Die vier Bandmitglieder von Black Heino

Black Heino präsentieren ihr neues Album „Menschen und Maschinen“ Foto: John Brömstrup

„Y-Otis“, das klingt irgendwie nach Space und Science-Fiction, das könnte auch der Name eines Raumschiffs sein. Unter diesem Titel veröffentlicht der schwedische Saxofonist und Klarinettist Otis Sandsjö seine Alben, auf „Y-Otis“ (2018) folgt nun „Y-Otis 2“. Das passt insofern, als Sandsjö durchaus als kleine, unterschätzte Rakete im Jazz-All gelten darf.

Der seit 2016 in Berlin ansässige Musiker tritt dabei nicht nur als Solomusiker in Erscheinung. So arbeitet er mit der gefeierten Schweizer Jazzerin Lucia Cadotsch zusammen; auch bei Cadotschs im November erscheinenden neuen Werk („Speak Low II“) hat er wieder mitgewirkt. Vor Corona war Sandsjö zudem bei den denkwürdigen, vom Hocker reißenden Live-Auftritten des tollen Quinetts Koma Saxo zu erleben.

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Das zweite Solowerk „Y-Otis 2“ kommt extrem gut aus der Startrampe, der Opener „waldo“ ist so etwas wie eine schräge Saxofon-getriebene Eingangsfanfare, dann kommt mit dem Drum'n'Bass- und Broken-Beat-beeinflussten „tremdoce“ schon ein Kernstück des Albums, das einem zeigt, wohin die Reise geht: Sandsjö steuert mit „Y-Otis 2“ bei weitem nicht nur Jazz-Planeten an, er nimmt auch viele Impulse aus der elektronischen Musik mit – etwa im 90er-Dance-beeinflussten „bobby“, im chillig-loungigen „koppom“ oder in „oisters“ mit seinem Synthie-Einstieg.

Otis Sandsjö: „Y-Otis 2“ (WeJazz/GoodToGo)

Black Heino: Menschen und Maschinen“ (Tapete Records/Indigo)

Sandsjös Saxofon- und Klarinettenklänge sind in ein Pop-Universum eingebunden, er selbst hat seine Musik „Mauerpark Liquid Jazz“ getauft. So nennt er sie zum einen wegen ihres zwischen den Genres changierenden, fluiden Charakters, so heißt sie aber auch, weil das Studio von Petter Eldh – in dem Lucia Cadotsch, Koma Saxo und eben auch Sandsjö aufnehmen – sich in Nähe des Parks befindet. Fortan darf das Studio guten Gewissens als Cape Canaveral des Berliner Jazz gelten.

Rock'n'Roll als Klassenkampf

Die Berliner Postpunk-Band Black Heino ist dagegen etwas irdischer unterwegs und sucht das Paradies im Hier und Jetzt – ganz im Marx'schen Sinne setzt die Combo dabei auf die Veränderung der Produktionsverhältnisse. „Menschen und Maschinen“, so der Titel des neuen Albums, ist inhaltlich tatsächlich Klassenkampf mit den Mitteln des Rock'n'Roll.

Insbesondere geht es den Herren um Sänger und Gitarrist Diego Castro darum zu beschreiben wie das Nutztier Mensch im Zeitalter von (Ro)Bots und KI langsam überflüssig wird: „Menschen und Maschinen/ ein neues Wesen macht sich breit/ das Gespenst der Nutzlosigkeit/ Menschen und Maschinen/ sie sind Freunde in der Not/ kommen vom Band und nicht vom Boot“, singt Castro.

Black Heino haben schon auf früheren Alben auf kluge Art und Weise Kritik an den Verhältnissen – um mal im Jargon zu bleiben – formuliert. Mit dem Album „Heldentum und Idiotie“ (2016) entwickelten sie ihren Stil zwischen Fehlfarben-Postpunk und Garage Punk/Rock, es folgten zwei viel versprechende EPs (von einer ist hier noch der Song „Pfaffenbrot“ enthalten).

Stilistisch breiter aufgestellt

„Menschen und Maschinen“ ist musikalisch ein ordentlicher Schritt nach vorn, dem Sound hat es gut getan, dass Beatsteaks-Drummer Thomas Götz das Album produziert hat. Denn stilistisch sind Black Heino jetzt breiter aufgestellt, die Rock-Kanten sind klarer zu hören.

Die vielen Zitate sind toll, der Anfang des Titelsongs weckt Reminiszenzen an Bowies „Let's Dance“ und den Drum-Beat von „Be my Baby“ (The Ronettes), „Alexa!“ erinnert ein bisschen an „Lost in The Supermarket“ von The Clash (und an noch irgendwas anderes, das mir gerade nicht einfällt...).

Ein äußerst gescheites Werk, das bestens in unsere Zeit passt und nicht nur die schöne neue Arbeitswelt besingt („Homo Oeconomicus“, „Bambusschrott“), sondern auch über Bürgerrechte und Mündigkeit im digitalen Zeitalter sinniert („Alexa!“, „Social Bots vs King Ludd“). In diesem Sinne: Hoch die internationale Solidarität!

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