Neue Comics: Mœbius trifft Miyazaki: Mit Kolonialhelm in der Zukunft
„Jäger und Gejagter“ von Mœbius erscheint erstmals auf Deutsch. „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ von Hayao Miyazaki kommt in einer Gesamtausgabe.
Comic: Carlsen Verlag
Apathisch sitzt Major Grubert unter einem kolossalen Gemälde. Der sonst so stolz wirkende Mann mit dem markanten schwarzen Schnurrbart ist zum Museumswärter degradiert. Wie kam es dazu?
Major Grubert, auch der „fatale Major“ genannt, sieht meist aus wie die idealisierte Darstellung eines Kolonialbeamten des späten 19. Jahrhunderts – manchmal aber auch wie eine Karikatur davon. Der Zeichenstil wechselt zwischen locker realistisch und stark überzeichnet, der Mann trägt kurze Hosen und einen erdrückend großen Kolonialhelm. Dieser Look wirkt wie ein Widerspruch – denn die Geschichte spielt in einer mehrdimensionalen Science-Fiction-Welt.
Im eben im Berliner Avant-Verlag erschienenen Band „Jäger und Gejagter“ lässt die französische Comiclegende Mœbius ihren Major Grubert vor einem surrealistischen Gemälde sagen: „Welch sonderbares Werk! Man fragt sich, was der Künstler damit wohl sagen wollte … vielleicht wusste er es selbst nicht.“ Das liest sich fast wie ein Selbstverweis: Der 2012 verstorbene Mœbius ließ seine Geschichten gern abdriften, sodass sie kaum noch Sinn ergaben.
Jean Giraud, wie der 1938 geborene Künstler bürgerlich hieß, zählt zu den einflussreichsten Comiczeichnern seiner Generation. Zunächst hatte er mit Westerncomics Erfolg („Leutnant Blueberry“). Mitte der Siebziger gelang ihm dann unter dem Pseudonym Mœbius – benannt nach dem unendlichen Möbiusband – der Durchbruch als Schöpfer phantastischer Comics. Als einer der Gründer des 1975 in Paris entstandenen Avantgarde-Magazins Métal hurlant schuf er völlig neue Bilderwelten: Träume und Alpträume von fremden Planeten, Raumschiffen und Lebensformen.
Vom Western zum Science-Fiction-Pionier
Sein erster großer Zyklus, „Arzach“, bestand aus kurzen, farbenprächtigen Bildergeschichten ohne Worte. Der menschliche Held fliegt darin ziellos mit einem Flugsaurier über bizarre Landschaften und erlebt skurrile, erotische, gewalttätige und komische Abenteuer.
Mœbius: „Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter“. Aus dem Französischen von Lilian Pithan. Avant-Verlag, Berlin 2026, Hardcover, 64 Seiten, 30 Euro
Hayao Miyazaki: „Nausicaä aus dem Tal der Winde“. Aus dem Japanischen von Junko Iwamoto und Jürgen Seebeck. Carlsen Verlag, Hamburg 2025, 4 Doppelbände, Band 1: 272 Seiten, Hardcover, 20 Euro
Ein weiteres Schlüsselwerk ist „Die hermetische Garage des Jerry Cornelius“, eine Fortsetzungsgeschichte, die zwischen 1976 und 1979 in Métal hurlant erschien und an die auch „Jäger und Gejagter“ anknüpft. Anders als die farbigen Arzach-Comics ist die rund 100 Seiten lange „Hermetische Garage“ komplett in Schwarz-Weiß gehalten und enthält auch Text. Auf einem namenlosen Asteroiden trägt Major Grubert in kurzen Episoden einen scheinbar existenziellen Machtkampf mit dem zunächst unsichtbaren Jerry Cornelius aus. Weitere Figuren sind Gruberts Geliebte Malvina und ein gewisser „Bogenschütze“. Der Major, zunächst Nebenfigur, entwickelt sich im Verlauf zum Protagonisten und entpuppt sich schließlich als Superhelden-Parodie – und als Weltenschöpfer.
Mœbius arbeitete hier improvisiert, ähnlich der Écriture automatique der Surrealisten. Die Fortsetzungsfolgen wurden zur Spielwiese für zeichnerische und erzählerische Experimente, durchzogen von vielfältigen literarischen Verweisen. In dieser Mischung aus überwältigenden Science-Fiction-Bildern, satirischem Komik und Popkulturbezügen schuf Mœbius ein Meisterwerk – das er 1994 mit „Der Mann von der Ciguri“ fortsetzte. In dieser wieder farbigen Geschichte gerät Grubert in eine Zufallswelt, die unserer heutigen Erde ähnelt, trifft einen Doppelgänger seiner selbst und seinen Schöpfer Mœbius. Der 2008 erschienene Band „Jäger und Gejagter“ liegt nun erstmals auf Deutsch vor und schließt an diese Vorgänger an.
Zurück in die Garage
Wieder landet der Major in der hermetischen Garage. Er kommt einem Komplott gegen sich selbst auf die Spur und muss sich, um einen „Tar-Hai’schen Zauber“ und die dadurch ausgelöste Depression zu bekämpfen, von einer Schamanin behandeln lassen. Dabei tappt er in eine Falle: Er wird in eine Traumwelt gelockt, aus der es keinen Ausweg gibt.
Noch stärker als im Vorgängerband knüpft Mœbius hier an die ursprüngliche, schwarz-weiße Ästhetik der „Garage“ an. Er zeigt erneut seine enorme Kunstfertigkeit bei labyrinthischen planetaren Wüsten- und Stadtlandschaften, die an aztekische Kunst erinnern. Einige seitenfüllende Panels zeigen Mœbius von seiner besten Seite – gewaltige, den Rahmen sprengende Visionen und Metamorphosen.
Mœbius’ fantastische Bildwelten prägten auch Künstler in Japan. Katsuhiro Otomo, Schöpfer der Manga- und Anime-Reihe „Akira“, beschrieb die eleganten, ausdrucksstarken Linien von Mœbius als eine Offenbarung – „ein Universum, das die Leser aus ihren Routinen katapultierte“. Mœbius’ visuelle Innovationen, die sich auch in Filmdesigns wie „Alien“, „Das fünfte Element“ und „Tron“ niederschlugen, standen im Gegensatz zu den eher technikaffinen Ansätzen der japanischen Science-Fiction. Otomo wollte „Die hermetische Garage“ gemeinsam mit Mœbius verfilmen, doch das Projekt scheiterte – wie zuvor schon Mœbius’ und Alejandro Jodorowskys „Dune“-Filmprojekt in den Siebzigern.
Auch der berühmte Anime-Regisseur Hayao Miyazaki (geboren 1941, unter anderem bekannt durch „Chihiros Reise ins Zauberland“) erlebte 1980 beim Lesen von „Arzach“ einen Schock – wie er später berichtete, waren alle Mangaka erschüttert, und er denke noch heute an Mœbius’ unglaubliches Gespür für Raum.
Miyazaki unter Mœbius’ Einfluss
Miyazaki arbeitete lange an Zeichentrickserien wie „Heidi“ mit, bevor er 1979 seinen ersten eigenen Animationsfilm „Das Schloss des Cagliostro“ realisierte. Danach schuf er – nach eigener Aussage „unter dem Einfluss von Mœbius“ – sein Durchbruchswerk „Nausicaä aus dem Tal der Winde“. Das Magazin Animage hatte ihn gebeten, einen Manga zu zeichnen. Als Vorbild diente ihm die mutige Phäakenprinzessin Nausicaä aus Homers „Odyssee“, die die Natur liebt. Er verband sie mit einer alten japanischen Märchenfigur, der „Insekten liebenden Prinzessin“, die ebenfalls von der Natur fasziniert und deshalb eine Außenseiterin ist. So entstand die Figur der Prinzessin Nausicaä, die in einer postapokalyptischen, verseuchten Zukunft lebt und ihr Volk gegen feindliche Völker, Naturdeformationen und andere Gefahren verteidigt.
Mit „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ schuf Miyazaki ein rund 1.000-seitiges Manga-Epos um diese mutige, selbstlose Heldin – der einzige Manga, den er eigenhändig zeichnete, entstanden zwischen 1982 und 1994. Die ersten 16 Kapitel dienten als Vorlage für den gleichnamigen Anime, den Miyazaki 1984 selbst inszenierte. Wegen der damaligen Produktionsbedingungen und der noch einfachen Animationstechnik fiel der Film deutlich weniger komplex aus als die Vorlage.
Das Manga-Original – gerade vom Hamburger Carlsen Verlag in einer schönen vierbändigen Hardcoverausgabe neu aufgelegt – übertrifft den Film auch visuell: Miyazaki zeichnete die gesamte Geschichte mit Sepia-Tinte und entwarf eine giftige und zugleich wunderschöne Natur voller überdimensionaler Insekten. Mœbius’ Einfluss zeigt sich etwa in Nausicaäs Kostüm und ihrem Raumgleiter, die an „Arzach“ erinnern. Der Erfolg von Manga und Film ermöglichte Miyazaki 1985 die Gründung seines eigenen Animationsstudios: Studio Ghibli, heute eines der bekanntesten Namen der japanischen Animeszene.
Mœbius wiederum war ein großer Bewunderer von Miyazakis Filmen, besonders von „Nausicaä“ – so sehr, dass er seiner Tochter den Namen der jugendlichen Heldin gab. Während Mœbius in den wilden Siebzigern Visionen unendlicher Freiheit im Science-Fiction-Gewand für ein erwachsenes Publikum zeichnete, schenkte sein Geistesverwandter Miyazaki späteren Generationen märchenhafte Geschichten mit klarer Öko-Botschaft: Kümmert euch um euer Wunder von einem Planeten!
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