: Nett und machthungrig
Vizekanzler, Bundesfinanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil will Politik machen für Leute, die 3.500 Euro im Monat verdienen. Politische Freunde attestieren ihm, nicht vorwärtsgewandt genug zu denken
Aus Walsrode, Keflavík, Peking und Ulm Anna Lehmann und Stefan Reinecke
Der Neujahrsempfang der SPD-Walsrode findet in einem Restaurant im Gewerbegebiet statt. Es gibt Schnittchen und Kaffee, ein Gitarrist spielt Pop-Hits aus den letzten 50 Jahren. Es ist Sonntagvormittag, Ende Januar. Lars Klingbeil erscheint pünktlich um 11 Uhr mit seinem Jungslächeln. Er schüttelt Hände, man freut und begrüßt sich. Alles wirkt sehr lässig. Klingbeil trägt ein leicht verknittertes weißes Hemd. In seiner Rede sagt er dreimal „Heimat“. Heimat ist, wo man verknitterte Hemden tragen darf.
Walsrode ist nicht reich und nicht arm, nicht schön und nicht spektakulär hässlich. Steakhouse und Fahrschule, verklinkerte Einfamilienhäuser, Pizzeria. Sparkasse. Wenig Leerstand, durchschnittliche Arbeitslosenquote, 30.000 EinwohnerInnen. Walsrode ist niedersächsische Provinz, westdeutsch und „normal“. Lars Klingbeil hat hier sein Wahlkreisbüro. Neben KiK, Amtsgericht und Thaimassagesalon. Aufgewachsen ist er in Munster, 40 Kilometer von hier. Der Vater war Soldat, die Mutter Verkäuferin.
Berlin, die Metropole, sagt Klingbeil, nehme sich zu wichtig. „60 Prozent der Deutschen wohnen nicht in Großstädten“, sondern in Orten wie Walsrode. Bei Merz klingen „Kreuzberg ist nicht Deutschland“-Parolen nach grimmigem Kulturkampf. Bei Klingbeil nicht. Er klingt sowieso selten grimmig. Und für Kulturkampf hat er nichts übrig.
Klingbeil spielt in seiner Freizeit Gitarre, macht Kickboxen und Crossfit, liebt Bayern München und schaut auf Dazn Fußball. Er sagt von sich, man solle ihn lieber nach Songs als nach Büchern fragen. Vielleicht ist Klingbeil wie Walsrode.
Jetzt ist er Vizekanzler, Finanzminister, SPD-Vorsitzender, und das mit erst 48 Jahren. Dabei war Klingbeil als Co-Parteichef mitverantwortlich für den Absturz der SPD bei der Wahl 2025. 16,4 Prozent – das mieseste Wahlergebnis der Sozialdemokraten seit 1887. Trotzdem besetzte der Mann mit dem netten Lächeln noch in der Wahlnacht ungerührt das Machtzentrum der SPD, verhandelte den Koalitionsvertrag mit der Union und schickte eine ganze SPD-MinisterInnenriege in den Vorruhestand. Wenn es darauf ankommt, kann der nette Lars auch Machiavelli.
„Es gab damals machtpolitisch keine Alternative, die funktioniert hätte“, sagt der Politikwissenschaftler und Sozialdemokrat Wolfgang Schroeder. Ohne Klingbeils Griff nach der Macht hätte sich die Partei womöglich in internen Scharmützeln aufgerieben. Jetzt ist Klingbeil der zweitmächtigste Mann hinter Friedrich Merz und duzt den Kanzler.
Dass Klingbeil unbedingt Vizekanzler und SPD-Vorsitzender werden musste, sahen jedoch viele GenossInnen skeptisch. Nur zwei Drittel wählten ihn 2025 zum Parteichef, ein spektakulär miserables Ergebnis. Obwohl er danach tapfer erklärte, man müsse nun nach „vorne gehen“ – die Misstrauenserklärung der Partei traf ihn ins Mark.
„Lars ist ein Machtmotor unter der Karosserie des netten Schwiegersohns“, sagt einer, der eng mit ihm zusammengearbeitet hat. Daran sei nichts falsch, aber man wüsste gern, wohin die Maschine fährt. Wahrscheinlich wüssten das viele Menschen nicht – sonst stünde die SPD ja nicht bei 15 Prozent.
„Machtmotor“, das mutet derzeit fast hochstaplerisch an. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg sind die Sozialdemokraten im Wettstreit um die Staatskanzlei chancenlos, in Sachsen-Anhalt könnten sie im September sogar aus dem Landtag fliegen. In Mecklenburg-Vorpommern liegt derzeit die AfD klar vorn, in Berlin die Linkspartei. Bleibt Rheinland-Pfalz. Dort regiert die SPD seit 25 Jahren. Verliert sie dort im März die Wahl, kann es auch für Klingbeil ungemütlich werden.
In der niedersächsischen Provinz hat Klingbeil gelernt, wie Politik funktioniert. Als Schülersprecher setzte er sich für eine Busverbindung ein, damit die Jugendlichen am Wochenende von der Disko zurück nach Hause kommen. 2005, mit Mitte 20, war er kurz im Bundestag, 2009 begann in Berlin sein Aufstieg. 2017 wurde er Generalsekretär, 2021 Co-Parteivorsitzender.
Michael Lebid, groß, graue Haare, Altbürgermeister und Rentner, sagt in Walsrode: „Lars ist damals nur in den Bundestag gekommen, weil ich Nein gesagt habe.“ Lebid war SPD-Bürgermeister im benachbarten Bomlitz und vor die Wahl gestellt – Bundestagskandidatur oder Bürgermeister – entschied er sich, vielleicht nicht untypisch für diese Gegend, für Bomlitz. Klingbeil war damals noch Juso, trug ein Augenbrauenpiercing und machte Rockmusik. Im Heidekreis „war er damals als Linker verschrien“, sagt Lebid. Aber das war ein Irrtum. „Lars war immer Realpolitiker.“
Auf einem Transparent, das hier im Walsroder Restaurant an der Empore hängt, steht: „Aus Liebe zum Heidekreis“. Der SPD-Landratskandidat sagt aufgekratzt: „Auch wenn du mit der schwarzen Limousine kommst, du bist unser Lars.“ Wenn Lars Klingbeil sich hier nicht gut fühlt, dann nirgendwo.
Er fühlt sich gut. Knapp 300 Leute sind da. Nicht nur GenossInnen, sondern auch UnternehmerInnen und ein Sparkassendirektor, die Feuerwehr, das THW und die CDU. Am Ende wird Geld für Profamilia gesammelt. Die „krasse Öffnung“ des Neujahrsempfangs, sagt Klingbeil, war seine Idee – weg von der SPD-Parteiveranstaltung, auf in die gesellschaftliche Mitte. Er ist stolz darauf. Kleine Dinge, die funktionieren. Vielleicht versteht man Klingbeil und wie er die Welt sieht besser, wenn man Walsrode kennt.
Dazu gehört auch, viele mitzunehmen wie Aynur Colpan, 34, Co-Chefin der SPD im Heidekreis. Klingbeil ermunterte sie 2020: „Mach das doch.“ Sie wurde seine Nachfolgerin und ist auch Bürgermeisterin in Buchholz an der Aller – die erste Bürgermeisterin mit jesidischen Wurzeln bundesweit. Die Idee, Jüngere zu fördern, kam Klingbeil eben nicht erst in Berlin, als er die alte SPD-Garde nach der Wahl 2025 abservierte.
Er kümmert sich, sagen auch CDU-Leute …
Der Heidekreis war lange in CDU-Hand. Bis Klingbeil kam. Er gewann den Wahlkreis, auch gegen den Bundestrend. Seit 2009 bekam er bei Bundestagswahlen immer viel mehr Stimmen als seine Partei. 2025 wählten ihn im Heidekreis 42 Prozent, die SPD nur 25. Warum ist das so?
Andre Lüdemann, parteiloser Bürgermeister in Visselhövede, liest die konservative Welt, ist ein Fan der Agenda 2010 und kennt Klingbeil seit Langem. „Lars schafft es, über die Parteigrenzen hinweg als angenehm wahrgenommen zu werden“, sagt Lüdemann. Vielleicht hat Klingbeil aus der SPD im Heidekreis einfach eine bessere CDU gemacht.
Und – er kümmert sich. Das hört man von vielen in Walsrode. Auch von CDU-Leuten. Am Samstag vor dem Neujahrsempfang war Klingbeil fast den ganzen Tag in Rotenburg an der Wümme, um den SPD-Kommunalwahlkampf 2026 in Niedersachsen vorzubereiten – bemerkenswert für einen Vizekanzler. Er hat Bodenhaftung, etwas Kurt-Beck-haftes. Viele, die oben ankommen, legen sich einen unsichtbaren Kokon an, auf dem steht: Ich bin wichtig, du nicht. So ist Klingbeil eher nicht.
Er will nicht als Machtmaschine gesehen werden, sondern als Repräsentant der normalen Leute. Auf sozialdemokratisch heißt das: der fleißigen, hart arbeitenden Mitte. Unter Klingbeils Führung will die SPD nicht mehr als Anwältin von BürgergeldempfängerInnen und Langzeitarbeitslosen gelten. Man wolle wieder Partei der Arbeit und nicht der Arbeitslosigkeit sein, so das Motto des Parteivorsitzenden. Norbert Walter-Borjans, Klingbeils Vorgänger in diesem Amt, hat Zweifel, ob das reicht. Er sagt: „Die SPD war immer dann stark, wenn sie es geschafft hat, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit zivilgesellschaftlichem Engagement – vom Umweltschutz über die Kultur, den Einsatz für Gleichberechtigung und die internationale Zusammenarbeit bis zu den Friedensinitiativen – zusammenzubringen.“ Klingbeils Fokus auf die „hart arbeitende Mitte“ greife zu kurz. Wenn alles andere zum nachrangigen Gedöns würde, wäre der Anspruch der linken Volkspartei und damit die Rolle eines mehrheitsfähigen Originals dahin.
An Klingbeil kommt in der SPD derzeit niemand vorbei. Aber kann er die SPD wiederbeleben? Kann er die SPD in der Regierung mit der Union disziplinieren und gleichzeitig als Alternative zu dieser Union profilieren?
Klingbeils Neujahrsansprache in Walsrode klingt wie erwartet – aufbauend. Man dürfe das Land nicht schlechtreden. Deutschland sei ein Rechtsstaat mit freien Medien. Wirtschaftskrise? Untergang des Westens? Putin? Alles wahr. „Aber wir kriegen das hin.“ Wenn „die vernünftigen Kräfte“, SPD und Union, Unternehmer, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen, dann wird das schon.
Das ist die politische Kernbotschaft. Alle zusammen, dann wird das schon. So kennt er es aus dem Heidekreis. Für Klingbeil ist die Welt kein Heidekreis im Großformat. Aber den Pragmatismus hat er hier gelernt. „Ich mache Politik für Leute, die 3.500 oder 4.000 Euro verdienen“, sagt er.
Der Boden aber wankt auch in der niedersächsischen Provinz, der Alltagswelt der Autohäuser, Tankstellen, Industriejobs. In Walsrode malt Maike Bielfeldt, Geschäftsführerin der IHK in Niedersachsen, ein schwarzes Bild. Der Autoindustrie, dem Herz der Wirtschaft in Niedersachsen, gehe es mies. Das Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel – katastrophal. Endlose Bürokratie. Und die SPD rede über Erbschaftsteuer, anstatt den Unternehmen zu helfen. Klingbeil holt sein Handy aus der Tasche und tippt etwas ein. „Der Herbst der Reform ist längst zum Krisenwinter geworden“, sagt die Frau von der Industrie- und Handelskammer, Klingbeil schaut weiter auf sein Handy.
Krise allerorten. Auch in Walsrode ahnt man, dass kleine Dinge, die funktionieren, nicht mehr reichen könnten. „Mein Plan für 2026“, sagt Klingbeil später im Heimathaus in Visselhövede, „ist es, das Land starkzureden.“ Seine tiefe, manchmal monotone Stimme klingt beruhigend. Das ist nicht schlecht in einer Zeit, in der viel wackelt.
Wolfgang Schroeder, Politologe
Westen kaputt, Exportweltmeisterschaft perdu, AfD ante portas. Lars Klingbeil lässt sich keine Nervosität anmerken. Seine immer gleiche Tonlage spiegelt das Sowohl-als-auch der bundesdeutschen Konsensdemokratie wider, in der Wahlen in der Mitte gewonnen werden. Politische Führung bedeutet, Gemeinsamkeiten zu suchen. Ich halte es für falsch, permanent als Wadenbeißer aufzutreten“, sagt Klingbeil. Gerade in Zeiten von Disruption und Trump hält er das für nötig. Also – Mitte und Maß.
Dieses Konsensimage kommt an. Im Januar 2026 lag er auf Platz drei im Beliebtheitsranking der SpitzenpolitikerInnen. Dass er unerschütterlich ausgeglichen wirkt, hat vielleicht mit seiner überstandenen Zungenkrebserkrankung zu tun, die er mit Mitte 30 überwand. „Man blickt anders auf das Leben, wenn man einmal so kurz vor der Klippe stand“, hat er in einem Podcast der Zeit gesagt.
Klingbeil zählt manchmal auf, was Schwarz-Rot alles schon geleistet hat. Es klingt wie Fleißkärtchen sammeln, nicht nach entschlossenem Regieren. Er verhüllt Inhalte oft in einer rhetorischen Wattewolke. Vor lauter Dauerregieren und Funktionieren, so scheint es, hat die SPD vergessen, warum es sie gibt.
Herr Klingbeil war es eine kluge Entscheidung, Vizekanzler und SPD-Vorsitzender zu werden? „Wenn ich als SPD-Vorsitzender eine Grundsatzrede halte, lote ich aus, dass dies zu meinen Aufgaben als Finanzminister und Vizekanzler passt. Diese Balance gelingt.“
Doch mitunter wirkt sie wie ein mühsamer Spagat. Als die SPD im Januar ein Konzept zur Besteuerung von Milliardenerben vorlegte, nannte er das einen „wichtigen Impuls“. Zu eigen machen wollte er sich das Konzept aber nicht – es hätte den Koalitionsfrieden gefährdet. Mancher Genosse schüttelt den Kopf: Ein SPD-Chef müsste sich doch mit Milliardären anlegen.
Lars Klingbeil sagt oft: „Da bin ich ganz klar.“ Es ist eine Art Refrain in seinen Reden. Aber es ist eben nicht immer klar, was der SPD-Chef genau meint. Und auch nicht, wer gerade spricht – der Finanzminister, der sparen muss, der SPD-Chef, der die Partei profilieren soll, oder der Vizekanzler und Generalist, der oft auf weltpolitischer Bühne unterwegs ist.
Ein paar Tage vorm Empfang in Walsrode war Klingbeil mit Bundeskanzler Merz im Hubschrauber nach Davos geflogen. US-Präsident Donald Trump hatte dort die Drohung vom Tisch genommen, Grönland militärisch anzugreifen. Klingbeil macht in Sachen Trump ungewöhnlich klare Ansagen. Die transatlantischen Beziehungen befänden sich „in der Auflösung“, sagte er Mitte Januar und kritisierte die Nachgiebigkeit der EU beim Zolldeal mit den USA. Die hartnäckige Illusion, dass Trump wie ein böses Gespenst wieder verschwinden wird, er teilt sie nicht.
Klingbeil genießt Reisen ins Ausland. Und setzt sich als Stratege in Szene. Als Co-Parteichef trieb er nach Putins Überfall auf die Ukraine 2022 die außenpolitische Neuaufstellung der SPD voran – Fokus: „Sicherheit vor Russland“. Er reiste nach Asien und in die Türkei. Als Vizekanzler besuchte er als erster Minister der Merz-Regierung im November 2025 China. Die SPD hat gute Kontakte zur Kommunistischen Partei, das zahlt sich aus. In Peking, in der Großen Halle des Volkes, saß er der KP-Führung gegenüber.
Klingbeil fliegt auch mal parallel zum Außenminister in die USA und landet vor diesem zum Tankstopp auf Island. Kurzentschlossen schlendert er dort zur Regierungsmaschine des Kollegen, um mal „Hallo“ zu sagen.„And who are you?“, fragt die isländische Außenministerin, die zur Begrüßung Johann Wadephuls auf den Flughafen in Keflavík geeilt ist. Der Außenminister, der gerade ausgestiegen ist, wirkt überrascht, als Klingbeil ihm auf die Schulter tippt. „Sind wir hier in Klingonien?“
Vizekanzler Klingbeil wirkt manchmal wie das Pendant zum Außenkanzler Merz. Dabei sind seine Profilierungschancen auf diesem Feld mäßig. Oder läuft er sich schon für seine nächste Rolle warm – die des Kanzlers? Eine kühne Vermutung.
Anfang Februar ist der SPD-Chef im Wahlkampf in Baden-Württemberg unterwegs. Schwieriges Terrain. Das Rennen um den Sieg machen Schwarze und Grüne unter sich aus. Die SPD kann bei der Wahl im März schlimmstenfalls einstellig werden.
Klingbeil steht in der Eingangshalle von Magirus in Ulm, einem Hersteller von Nutzfahrzeugen. Die Industriehalle ist vollgestopft mit gewaltigen roten Feuerwehrwagen, einige mit der längsten Drehleiter der Welt. Andreas Stoch, SPD-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, betont, wie „wirtschaftsfreundlich die SPD“ ist, Klingbeil nickt. Die SPD sei „nicht für ein Nischenthema“ da, sagt er, sondern für die Wirtschaft.
„Lars Klingbeil im Gespräch“ heißt das Format. Rund 250 GenossInnen sind gekommen. Der SPD-Chef dankt erst mal, dass man bei Magirus sein darf. Es sei nicht mehr selbstverständlich, dass Unternehmen offen für Politiker der Mitte sind. Ihm gehe es nicht um die SPD, sondern um die „stabile demokratische Mitte, um CDU, SPD, Grüne, FDP“. Der Satz, dass es jetzt wirklich nicht um die SPD geht, sagt der SPD-Vorsitzende erstaunlich oft.
Nach 20 Minuten sagt Klingbeil: „Es kann nicht sein, dass man an den Zähnen der Leute ihren Geldbeutel erkennt.“ Ein sozialdemokratischer Satz. Der Applaus ist zum ersten Mal spontan, nicht nur höflich. Dann macht der Klingbeil, was er nach solchen „SPD pur“-Sätzen oft tut. Er verwandelt sich in den Vizekanzler und sagt – in den Applaus hinein – aber. Aber wir müssten auch den Sozialstaat reformieren.
Beim Pressegespräch in Ulm sagt er, dass „den Sozialstaat zu planieren, nicht unsere Tonalität“ ist. Aber die SPD dürfe nicht die Status-quo-Partei sein. Er kritisiert die CDU-Kampagne gegen die telefonische Krankschreibung. Aber man dürfe nicht verschweigen, dass „der Krankenstand bei uns höher ist als in anderen Ländern“. Lars Klingbeil ist ein Ja-aber-Politiker, der fast alle Sätze mit Halteseilen versieht. Seine Botschaften bringen kaum jemand in Rage, sie elektrisieren auch kaum jemand.
Auch politische Freunde attestieren ihm, zu risikoscheu zu sein, zu viel auf Stabilität und zu wenig auf politische Weiterentwicklung zu setzen. Die SPD kann professionell regieren und verwalten. Aber woher kommen die kreativen Impulse?
„Die Machtarchitektur in der SPD ist zu homogen“, sagt der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder. Der innere Kreis um Klingbeil habe „ein ähnliches, technokratisches Mindset und zeichnet sich kaum durch Generationenmischung aus“. Und: „Die Klingbeil-SPD ist eine Organisation ohne Wettbewerb – ohne zerstörerische Machtkämpfe, aber auch ohne konstruktiven Wettbewerb“.
… als kreativer Kopf gilt er nicht
Kurzum: Das Problem der SPD ist nicht Klingbeil, sondern dass es nur noch Klingbeil und keinen Konterpart auf Augenhöhe gibt. Co-Parteichefin Bärbel Bas punktet als Co-Vorsitzende durch ihre Authentizität, aber nicht durch taktische Raffinesse oder strategischen Weitblick. Und der junge Generalsekretär Tim Klüssendorf spielt, was Macht angeht, nicht in Klingbeils Liga. Klug wäre der mächtige Klingbeil, wenn er in der Partei sein eigenes Gegenteil aufbauen würde. Jemanden, der hat, was ihm fehlt. Einen kreativen Kopf, der es eher mit Büchern als mit Musik hat, und zuspitzen kann.
Zum Beispiel beim Thema Gerechtigkeit. Klingbeil erzählt zur Erbschaftsteuer immer die gleiche Geschichte. Bei ihm im Heidekreis habe früher gegolten: Wer sich anstrengt, bringt es zu einem eigenen Haus und Wohlstand. Heute könnten die Fleißigen, die nichts erben, noch so ehrgeizig sein – sie würden sich nie eine Eigentumswohnung in Berlin leisten können. Das, sagt Klingbeil auch in der Magirus-Halle in Ulm, „ist Gift für die Gesellschaft.“
Und dann kommt wieder ein Aber. Aber es gehe „nicht um Neid“, er sei „nicht für Klassenkampfrhetorik“.
Die SPD legt sich bei der Erbschaftsteuer mit den Familienunternehmern an, der am besten organisierten Lobby von Großkonzernen in Deutschland. Doch Klingbeil sagt in Ulm: „Ich will niemandem Geld wegnehmen.“ Die SPD müsse bei der Debatte „Polarisierungen“ vermeiden. Er macht nicht den Eindruck, als würde er in der Schlacht für eine neue Erbschaftsteuer viel wagen wollen. Mit angezogener Handbremse wird man die kaum gewinnen.
Das ist eine Grenze von Klingbeils politischem Stil. Harter, entschlossener Streit mit Eliten ist darin nicht vorgesehen.
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