Netflix-Show „Kaulitz & Kaulitz“: Als Tom Kaulitz gegen Rechtsradikale demonstrieren ging
Das Kaulitz-Universum von Tom und Bill besteht inzwischen aus einem fröhlichen, ausschweifenden kalifornischen Lifestylepaket mit Realityshow und Podcast.
E s ist eine der besten Szenen aus „Emily in Paris“. Darin zögert Emily, vor 12 Uhr mittags Wein zu trinken, worauf ihre Freundin Mindy sie beruhigt: „Oh, it’s breakfast wine!“ Gegen Bill und Tom Kaulitz sind Emily und Mindy allerdings Waisenmädchen: Es ist kaum zu fassen, was die beiden 36-Jährigen während „Kaulitz & Kaulitz“ alles kippen.
Das müssen sie aber auch. Das Kaulitz-Universum, aufgebaut auf dem vor 21 Jahren mit der Band Tokio Hotel und deren Hit „Durch den Monsun“ ersungenen Ruhm, besteht bekanntlich mittlerweile weniger aus Musik als vielmehr aus einem fröhlichen, ausschweifenden kalifornischen Lifestylepaket, zu dem neben der just gestarteten dritten Realitystaffel auch ein preisgekrönter, quasselstrippiger Podcast namens „Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood“, eine Tequilamarke, eine Antikatertablette namens BillPill, Mode und das Cocktailbuch „Cheers Maus“ gehören.
Das Buch ist nicht nur aufgrund seiner äußerlichen Ähnlichkeit mit dem bekanntesten Cocktailrezeptbuch der Welt, Frank Caiafas „The Waldorf Astoria Bar Book“ – in edlem dunkelgrünem Stoffeinband mit eingestanzten Goldlettern –, bemerkenswert, sondern auch wegen eines Rezepts, das Mindy gefallen würde: „Breakfast Martini“. Zusätzlich zu den üblichen Zutaten Gin und Orangenlikör sollen kleine Herzchen aus Toast, die an den Glasrand gesteckt werden, das Frühstücktypische daran sein: wegen der Kohlenhydrate, die man morgens braucht.
Jenni Zylka schreibt hier regelmäßig über Film.
All das ließe sich leicht als spinnerte Vorzeigeexzentrik zweier abgehobener Realitystars abtun. Doch die Kaulitze zeigen etwas, was man selten vor der Realitykamera findet: Die Zwillingsbrüder, einer queer und selig promiskuitiv, der andere ebenso selig verheiratet mit der sogenannten Modelmama Heidi Klum und somit Stiefvater einiger Teens und Twens, lieben sich (und diverse andere Menschen, Tiere und Getränke) wahrhaftig und uneingeschränkt.
Sie lieben sich und andere wahrhaftig
Wenn Bill davon erzählt, dass er für seinen Bruder selbstverständlich „jede Kugel nehmen würde“, oder Tom sagt, dass er nur am Hals seiner Ehefrau schnuppern müsse, um ihr nicht mehr böse zu sein, weil sie einfach so verdammt gut rieche, dann ist das wirklich rührend und bringt hoffentlich jeden homophoben und misogynen Menschen auf der Welt dazu, seinen Hass an der Straßenecke abzugeben. (Natürlich nicht an der Straßenecke, an der Bill neulich noch stand: Die Serie zeigt neben vielen anderen mehr oder weniger dekadenten Ausflügen und Reisen auch das Making-of eines Vogue-Covershootings, bei dem Bill in Designerkleidung etwa an der teilweise mit Naziparolen vollgemalten Bushaltestelle seines Heimatdorfs, eines sachsen-anhaltischen Kaffs posiert.)
Die Fähigkeit zur bedingungslosen Liebe scheinen die Männer dabei mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Die Mutter, die in der Serie ebenfalls zu Gast ist, schaut bei ihrem gutmütigen Partner sogar über einen Bartzopf hinweg. Das will schon etwas heißen.
Jene unbekümmerte Mischung aus starkem Humanismus und ebensolchem Hedonismus macht vor komplexen Themen wie Sucht, Kapitalismus, Rechtsradikalismus, (queerem) Kinderwunsch und Homophobie nicht halt. Zwischen dem Dampfgeplauder und dem auf Effekt gescripteten Staralltag mit Autoauktionen in Arizona und Schlossbesuch mit Mama erfährt man, wie Tom als Teenager gegen rechts demonstrieren ging und wie Bill zu einem tröstlichen und ermächtigenden Rollenvorbild für Gen-Z-Queers wurde.
Aus Toms in der neuen Staffel geäußerter wortwörtlichen Schnapsidee, gesünder zu leben, wird zwar erwartungsgemäß nichts (Bill: „Sport ist nicht gut für meinen Körper!“). Doch um die Kaulitze braucht man sich keine Sorgen zu machen – sie passen gut aufeinander auf.
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