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Neofluxus-Kunst in BochumGlanz und Elend des Verfalls

Mit Witz widmen sich Yuko Mohri und Ei Arakawa-Nash der Gegenwart. Der Ausstellung „How We Meet“ gelingt ein Brückenschlag zur Geschichte des Hauses.

Katastrophen sind möglich: Wie eine makabre Pointe wirkt, dass vor fünf Jahren die bewundernswerte Galeristin Ingrid Baecker ausgerechnet infolge der Ahrtalflut auf schreckliche Weise starb. Auch in Erinnerung daran zeigt das Kunstmuseum Bochum gerade die Ausstellung „How We Meet“ mit den Neofluxus-Größen Yuko Mohri – sie hat 2024 bei der Biennale von Venedig Japan vertreten – und Ei Arakawa-Nash, der es dieses Jahr tut.

Baecker nämlich war für Bochums Verankerung in der Kunstwelt und für die Fluxus-Bewegung weltweit ungemein wichtig. Diese strebte an, die Welt der toten mit lebendiger Kunst „zu überschwemmen“. So hatte Georges Maciunas 1963 in seinem „Manifesto“ eine Definition dieser damals neuen Strömung versucht. Sie lehnte den Leistungsdruck und Verwertungszwang für ihre Arbeiten ab: „Whatever you do is fine“, war das von George Brecht, einem anderen ihrer Protagonisten, ausgegebene Credo. Egal was du machst, es ist okay: „No catastrophes are possible.“

Der Anspruch, lebendig zu sein, verankerte in Fluxus von Anfang an dabei auch eine ökologische Komponente. Die Interventionen und Kunstaktionen reagierten mit wachsendem Schrecken und finsteren Späßen auf den zerstörerischen menschlichen Konsum von Welt. Die Kohlestadt Bochum, Baeckers Heimat, war dafür eine einleuchtende Kulisse.

Die Ausstellung

How We Meet – Yuko Mohri und Ei Arakawa-Nash, Kunstmuseum Bochum, bis 13. 9., samstags mit Obst. Mittwochs 12-20 Uhr, sonst 10-17 Uhr, montags geschlossen

Water Money Salad Performance von Ei Arakawa-Nash zusammen mit Studierenden der Kunstakademie Düsseldorf, 2.9. 18 Uhr, bei freiem Eintritt

Dort betrieb sie, erst in der Privatwohnung, ab 1970 dann in der Tiefgarage des mütterlichen Hauses, zum Schluss in der Bergstraße in ganz eigenen Räumen eine Galerie, in der von Anfang an Wolf Vostell, Allan Kaprow oder Alison Knowles gezeigt wurden.

Retterin der Kunst

Vor allem aber bewahrte sie die Avantgarde davor, sich in Köln und Düsseldorf in elitär-akademischen Blasen des Kunstbetriebs nur noch selbst zu bestätigen. Sie lockte sie – und alle kamen! – in den Alltag des Ruhrpotts, konkret: an Orte wie das Einkaufszentrum Ruhr Park, wo es eben noch etwas in Bewegung und Wallung brachte, wenn Charlotte Moorman nackt auf dem Rücken liegend Cello spielte.

Baecker wechselte dann später nach Köln. Ihre Sammlung aber hat sie dem Bochumer Kunstmuseum vermacht: Unter dem Titel „How We Met“, der den einer zentralen Fluxuspublikation zitiert, waren die Relikte, Dokumentationen und Serials der Konzerte, Happenings, Videos und Performances hier im vergangenen Jahr zu sehen, um den Neuerwerb zu feiern. Die jetzige Schau, „How We Meet“, tritt dagegen im Präsens den Beweis an, dass Fluxus nicht versiegt ist.

Der Impuls pflanzt sich fort, die Anti-Kunst-Kunst performt weiter. So beschließt Arakawa-Nash seine Happeningreihe „Water Money Salad“ mit Studierenden der Düsseldorfer Kunsthochschule am 2. September, wobei der Titel natürlich an Wolf Vostells „Salat“ erinnert: Er hatte vor 55 Jahren einen Güterwaggon mit Blattgemüse mehrere Tage lang zwischen Köln und Aachen hin und her fahren lassen und danach einen Stahlkoffer mit einer Auswahl an Salatköpfen bis zur endgültigen Dekomposition, was seinerzeit erheblich moralisierende Brot-für-die-Welt-Entrüstung verursachte.

Anarchischer Witz

Ja, die Vorfahren waren mit anarchischem Witz ihren Atomtodängsten begegnet. Er ähnelt dem, mit dem die zwei Ja­pa­ne­r*in­nen sich dem konkret-messbaren, schleichenden Untergang stellen, der die Gegenwart geprägt: So hat Arakawa-Nash das Konzept „Kyoto-Protokoll“ für die Bochumer Ausstellung als ein Kunstwerk gescripted.

Grundlage ist die errechnete CO2-Bilanz der Reise von seinem Wohnort Los Angeles über Venedig – im Pavillon in den Giardini lässt er massenhaft gruselige Babypuppen an Tauen herumklettern – ins Ruhrgebiet. Verursacht hat der Trip demnach 3,47 Tonnen CO2-Äquivalent, die der Künstler wiederum in die Größeneinheit Schritte auf Stelzen umgerechnet hat. Das Publikum nun bekommt die Gelegenheit, etwas für sein gutes Gewissen zu tun.

Es soll sich in einem Einkaufswagen bereitgestellte Holzklötze mit Klebeband unter die Sohlen kleben und kompensatorische Steps zählen, die von der Aufsicht zu dokumentieren sind. Wenn 72.000 gemacht wurden, kann Arakawa-Nash sie über eine UN-Plattform registrieren lassen und ein Zertifikat erwerben: Es soll real dem Dongjiang-Flussprojekt helfen. Vor allem aber macht es Emissionshandel als einen wackelig-hinkenden und stolpernden Prozess erlebbar.

Das Trommeln des Untergangs

Noch schöner findet sich der Verfall der Welt in Mohris neuestem Kapitel ihres Langzeitprojekts „Moré Moré“. Das Wort bedeutet „undicht“, der Untertitel „leaky“ unterstreicht, dass es auf den Sinn hier durchaus mal ankommt. Es hat in Japan seit Fukushima ja auch einen besonders prägnanten Klang. Seit 2011 dokumentiert die Tokyoter Künstlerin fotografisch die einfallsreichen Konstruktionen, mit denen die U-Bahn-Arbeiter das an zahllosen Stellen in die Metroschächte der größten Stadt der Welt eindringende Wasser auffangen.

Diese aus Gummistiefeln, alten Schirmen, Zinkgießkannen, Eimern und Flatterband geschaffenen genialen Interimsplastiken bastelt sie nach, auch in Venedig waren solche Installationen 2024 zu erleben. Hier allerdings stehen sie nicht auf dem dunkel strukturierten Marmorboden des japanischen Pavillons, sondern in einem weißen langen Saal.

Und das ist von Vorteil: Wie ein dürrer Wald aus toten Bäumen ragen die Gebilde auf, an denen wie Lianen Gummischläuche hängen: Mit Pumpen hat Mohri das Wasser in einen Kreislauf überführt und dafür gesorgt, dass seine Bewegung Bongos, Becken, Snaredrums oder anderes Schlagwerk in Schwingung versetzt. Und wie verzaubert bleibt man stehen, um ihm zu lauschen, diesem zarten, aber beharrlich-fordernden Trommeln der Katastrophe.

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