Nationalsozialismus in Berlin: Eine Mauer aus erhobenen Armen
Bei der „Köpenicker Blutwoche“ 1933 erprobten SS und SA offen den nationalsozialistischen Terror. Wichtig wäre Gegenwehr gewesen – doch die Zivilgesellschaft versagte.
Die Beklemmung verdichtet sich zum Schock, als wir plötzlich vor diesem Schwarzweißfoto stehen: ein Beerdigungszug, vorneweg Männer in Uniformen. Aus der Gruppe fällt der Satz, das habe „viel mit dem zu tun, was man gerade jeden Abend in den Nachrichten sehen muss“ – der Sprecher meint Berichte über das Abschmelzen der Demokratie in den USA, mit den tödlichen ICE-Aktionen, mit einem Präsidenten, der alles deckt. Zu sehen ist auf dem Foto am Gedenk- und Erinnerungsort „Köpenicker Blutwoche“ allerdings etwas anderes: die Bestattung dreier SA-Männer im Jahr 1933.
Auf dem Bild schreitet Joseph Goebbels voran, geschniegelt, mit jener Gutsherrenart, die Macht beansprucht, ohne sie erklären zu müssen. Auf den Bürgersteigen stehen Tausende Köpenickerinnen und Köpenicker. Die Arme sind erhoben, der Hitlergruß formt eine Mauer aus Zustimmung. Niemand hat die Hände in den Taschen, niemand wendet sich ab. Zivilcourage ist auf diesem Foto nicht einmal ansatzweise zu erkennen – sie kommt schlicht nicht vor.
Der Besuch des Gedenk- und Erinnerungsortes „Köpenicker Blutwoche“ im ehemaligen Amtsgerichtsgefängnis in der heutigen Puchanstraße, anlässlich des internationalen Gedenkens an die Opfer des Holocaust, gestaltet sich für die rund 20 Teilnehmenden zu einem harten Ritt – man sieht es ihnen an. Denn die nachdrückliche Führung von Museumspädagoge Matthias Wiedebusch ordnet individuelle Schicksale konsequent in den historischen Prozess der nationalsozialistischen Machteroberung ein. Sie zeigt, wie Gewalt nicht plötzlich ausbrach, sondern organisiert, legitimiert und öffentlich vollzogen wurde.
Die „Köpenicker Blutwoche“ steht für einen der frühen und besonders offenen Gewaltexzesse der Nationalsozialisten nach der Machtübernahme 1933. Ende Juni jenes Jahres verwandelte sich Köpenick in „ein Labor des Terrors“, so sagt es Wiedebusch. Und das habe die Nazis selbst erstaunt, wie wenig Gegenwehr aus der Bevölkerung kam. SA und SS verschleppten, folterten und ermordeten politische Gegnerinnen und Gegner, Jüdinnen und Juden – mitten in der Nachbarschaft, oft vor den Augen der Öffentlichkeit. Als wollten sie austesten, wie weit sie gehen können.
Gegenwehr als Vorwand
Im Betsaal, der ehemaligen Gefängniskapelle, schildert Wiedebusch anschaulich, wie die Köpenicker Blutwoche ins Rollen kam. Am Abend des 21. Juni 1933 stürmten drei SA-Männer zum zweiten Mal das Haus der Familie Schmaus. Sie wollten den Sozialdemokraten Johann Schmaus sowie seine Söhne Anton und Hans festnehmen.
Anton stellte sich den Männern in den Weg. In Notwehr schoss er auf die Eindringlinge: Zwei SA-Männer traf er tödlich, ein dritter wurde im Schusswechsel vermutlich von den eigenen Leuten verletzt. Anton Schmaus stellte sich freiwillig der Polizei. Man brachte ihn ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Dort wurde ihm in den Rücken geschossen. Schwer verletzt kam er ins Krankenhaus, wo er nach weiteren Misshandlungen im Januar 1934 starb.
Anton Schmaus ist auch deshalb eines der bekanntesten Opfer der Köpenicker Blutwoche, weil seine Gegenwehr den Nazis als Vorwand diente, den Terror zu entfesseln. Sie instrumentalisierten die Tat propagandistisch – auch das ist auf dem eingangs erwähnten Schwarzweißfoto eingeschrieben. Die Köpenicker Blutwoche steht bis heute stellvertretend für jene besonders brutale Phase der nationalsozialistischen Machteroberung, in der SA und SS gezielt und öffentlich auf Einschüchterung, Folter und Mord setzten. Es war ein früher Moment, in dem die Nazis Einschüchterung und Mord nicht heimlich, sondern demonstrativ einsetzten – und in der die Zivilgesellschaft vollständig versagte.
Hunderte wurden misshandelt
Am Ende hatten die Nazis mindestens 23 Menschen getötet, ihre Leichen bei helllichtem Tag in öffentlichen Wäldern aufgehängt, in Säcke gesteckt und in der Dahme versenkt. Hunderte hatten sie misshandelt: auf dem Heimweg aus der Straßenbahn gezerrt, durch Straßen gejagt, in Kneipen geprügelt, aus denen die Schreie nach draußen drangen.
Möglich wurde dieser Horror durch den Ausnahmezustand nach dem Brand des Reichstags Ende Februar 1933. Mit der entsprechenden Verordnung setzte das NS-Regime zentrale Grundrechte außer Kraft: die Freiheit der Person, die Unverletzbarkeit der Wohnung, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, den Schutz des Eigentums. Unmittelbar darauf folgte eine Welle von Verhaftungen, Misshandlungen und Morden, die nun als staatliches Handeln ausgegeben werden konnten.
So kurz nach der sogenannten Machtergreifung erfüllte die Gewalt einen doppelten Zweck: Sie verbreitete Angst und Schrecken – und sie zwang zur Positionierung. Wer zur „Volksgemeinschaft“ gehören wollte, musste sich zeigen: auf der Straße, am Fenster, auf dem Bürgersteig. Und wer sich zuvor außerhalb der Kommandozentralen von Gesellschaft und Staat verortet hatte, durfte sich ermutigt fühlen, auf der untersten Ebene politischer Herrschaft mitzuwirken – und Gewalt auszuüben.
Wiedebusch, der hier seit Jahren Führungen anbietet, reagiert aufmerksam und trotz seiner Routine mit spürbarem Nachdruck auf die Fragen und Bemerkungen der Besucherinnen und Besucher zu dem Foto. Er berichtet, dass das Interesse an der Gedenkstätte seit Monaten deutlich wächst. Zugleich veränderten sich die Gespräche, sagt er: Immer häufiger erzählten Menschen persönlich von ihrer Angst. In einer Gegenwart, in der Ausgrenzung wieder lauter wird und Gewaltfantasien erneut öffentlich artikuliert werden, tut ein Besuch dieses Ortes doppelt weh.
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