Nachruf auf Otfried Nassauer: Beharrlich für den Frieden

Man muss sich mit dem Militär auskennen, um es effektiv zu kritisieren, fand Otfried Nassauer. Nun ist er im Alter von 64 Jahren gestorben.

Porträtfoto Orfried Nassauer vor einem Gemälde

Otfried Nassauer war ein Unikum, ein Einzelwesen Foto: Wolfgang Borrs

BERLIN taz | Viele Jahre hatte Otfried Nassauer sein Büro, sein Archiv, sein Wissenszentrum in einer der schönsten Straßen von Berlin-Prenzlauer Berg. Und dort konnte man ihn treffen im Café nebenan. Unentwegt rauchend parlierte er wie auf Knopfdruck über die jeweils jüngste Umdrehung der Rüstungsbeschaffungsdebatte, der Afghanistan-Debatte, eigentlich jedweder Debatte aus dem Bereich Krieg und Frieden.

Ein amüsiertes Kichern aus seinem Bartgestrüpp begleitete seine Ausführungen meistens: freundlicher Unglaube darüber, was alles schon wieder in der öffentlichen Diskussion richtigzustellen war. In den Räumen des BITS, seines Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit, bogen sich die Regale unter den Aktenordnern. Wie gut, dass Otfried alles im Kopf zu haben schien, was dort abgeheftet war. Man mochte die prekäre Balance der Papierberge nicht gefährden.

Irgendwann mussten er und seine wenigen ebenfalls so entgegenkommenden Mitarbeiter raus, Otfried fasste den Plan, das ganze Zeug zu einem aufgelassenen sowjetischen Militärflugplatz im Brandenburgischen zu verfrachten. Was daraus geworden ist, dazu hätte man ihn rechtzeitig befragen müssen. Denn am Samstag erreichte uns die Nachricht, er sei gestorben, schon vor wenigen Tagen, mit 64 Jahren und sowieso viel zu früh.

Otfried Nassauer, der einmal Theologie studiert hatte, war ein Unikum, ein Einzelwesen. Einer der wenigen, die fanden, dass man sich mit dem Militär schon auch befassen muss, wenn man das Militär effektiv kritisieren will – so wie eben auch AtomkraftgegnerInnen viel über Atomkraft wissen sollten, wenn sie ernstgenommen werden wollen.

Er kannte jede verdammte Schraube

Nur bei Krieg und Frieden meinen speziell die deutschen Linken und Linksliberalen ja seit jeher, es reiche für die politische Auseinandersetzung vollkommen, „für den Frieden“ zu sein, und dass man den Krieg womöglich dadurch aus der Welt bekomme, dass man sich mit seinen Mitteln am besten gar nicht beschäftige.

Otfried aber kannte jede verdammte Schraube an den Kampfdrohnen, die die Bundeswehr beschaffen wollte, an den U-Booten, die nach Israel geliefert wurden, an den Leopard-Panzern, die Saudi-Arabien von Krauss-Maffei Wegmann kaufen wollte.

In der taz hat er teils als Autor geschrieben, teils wurde er als Experte auch befragt und zitiert – ein journalistisch manchmal etwas schwieriger Rollenwechsel, aber andere Medien machten es genauso, er war eben unersetzlich. Regelmäßig und besonders umfassend hat er in der Sendung „Streitkräfte und Strategien“ des NDR publiziert. Möge er in Frieden ruhen.

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