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Nachruf auf Nina LitwinowaDie unerträgliche Schwere des Seins

Von der sowjetischen Elite zur furchtlosen Dissidentin: Nina Litwinowa kämpfte ein Leben lang gegen Unrecht in ihrer Heimat. Nun hat sie aufgegeben.

Die russische Menschenrechtsaktivistin Nina Litwinowa ist tot Foto: Andrew Rushallo-Arno/centrum europy/screenshot

Nein, das hätte Nina Litwinowas Großvater Maxim Litwinow nie für möglich gehalten, dass seine Enkelin eine zentrale Figur der sowjetischen und später der russischen Dissidenten werden würde.

Maxim hatte sich früh mit Wladimir Lenin angefreundet, war schnell in der sowjetischen Diplomatie ganz nach oben gekommen, von 1930 bis 1939 sowjetischer Außenminister, anschließend sowjetischer Botschafter in den USA und auf Kuba.

Doch seine Enkelin Nina Litwinowa, die als Teil der sowjetischen Elite in einer Wohnung mit Blick auf den Kreml aufgewachsen, in Biologie promoviert, am Institut für Ozeanologie in Moskau zu Schlangensternen geforscht hatte, wandte sich bald der Dissidentenbewegung zu. In den 1960er Jahren wurde der Einsatz für politische Gefangene ihr Schwerpunkt.

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie den Verdacht, an Depression zu leiden? Oder haben Sie sogar suizidale Gedanken? Andere Menschen können Ihnen helfen. Sie können sich an Familienmitglieder, Freun­d:in­nen und Bekannte wenden. Sie können sich auch professionelle oder ehrenamtliche Hilfe holen – auch anonym. Bitte suchen Sie sich Hilfe, Sie sind nicht allein. Anbei finden Sie einige Anlaufstellen.

Akute suizidale Gedanken: Rufen Sie den Notruf unter 112 an, wenn Sie akute suizidale Gedanken haben. Wenn Sie sofort behandelt werden möchten, finden Sie Hilfe bei der psychiatrischen Klinik oder beim Krisendienst.

Depression und depressive Stimmung: Holen Sie sich Hilfe durch eine Psychotherapie. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe kann Ihnen ferner Hilfe und Information zum Umgang mit Depression bieten.

Kummer: Sind Sie traurig und möchten jemanden zum Reden haben? Wollen Sie Sorgen loswerden und möchten, dass Ihnen jemand zuhört? Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr besetzt. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Sie können auch das schriftliche Angebot via Chat oder Mail in Anspruch nehmen.

Onlineberatung bei Suizidgedanken: Die MANO Suizidprävention bietet eine anonyme Onlineberatung an. Wenn Sie über 26 Jahre alt sind, können Sie sich auf der Webseite registrieren. Sollten Sie jünger sein, können Sie hier eine Helpmail formulieren.

Hilfsangebot für Kinder, Jugendliche und Eltern: Die Nummer gegen Kummer hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern, Jugendlichen und Eltern zu helfen. Kinder erhalten dort Unterstützung unter der Nummer 116 111, Eltern unter 0800 111 0 550, und bei der Helpline Ukraine unter 0800 500 225 0 finden Sie auch Hilfe auf Russisch und Ukrainisch.

Hilfsangebot für Mus­li­m:in­nen: Die Ehrenamtlichen des Muslimischen Seelsorgetelefons erreichen Sie anonym und vertraulich unter 030 443 509 821.

Bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention können Sie nach weiteren Seiten und Nummern suchen, die Ihrem Bedarf entsprechen.

Einer der ersten politischen Gefangenen, den sie betreute, war ihr Bruder Pawel Litwinow. Der hatte sich kurz nach dem sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei im August 1968 mit einer kleinen Gruppe von Dissidenten auf den Roten Platz gestellt, um dagegen zu protestieren.

So besuchte sie Gerichtsprozesse, brachte den Gefangenen Lebensmittel, Briefe und Literatur, informierte die Samisdat-Zeitschrift Chronik der laufenden Ereignisse über die Lage der politischen Gefangenen.

Massenmord, Umweltverbrechen, Ukrainekrieg

Auch nach dem Ende der Sowjetunion blieb der Einsatz für politische Gefangene der Schwerpunkt ihrer Menschenrechtsarbeit. Unter anderem besuchte sie den Prozess gegen den Historiker Jurij Dmitrijew. Dmitrijew hatte einst das Massengrab der Opfer der Erschießungen in Sandarmoch entdeckt, wo in den 1930er Jahren Mitarbeiter des Innenministeriums NKWD mehr als tausend Angehörige der ukrainischen Kulturelite ermordeten.

Ich bin am Ende meiner Kräfte. Tag und Nacht quält mich meine Hilflosigkeit. Ich schäme mich, ich gebe auf, verzeiht mir bitte

Nina Litwinowa, Menschenrechtsaktivistin, hat Suizid begangen

Gemeinsam mit seinen Kollegen konnte der Historiker zahlreiche Namen und Details der Verantwortlichen rekonstruieren. In der Folge hatte man ihn wegen fingierter Anschuldigungen zu Kinderpornografie verurteilt.

2013 geriet ein weiterer Verwandter in Haft. Dima Litwinow, der Sohn ihres Bruders Pawel, war mit einem Greenpeace-Schiff in die Arktis aufgebrochen, um gegen eine Ölplattform des russischen Konzerns Gazprom zu protestieren. Anschließend saß er zwei Monate in St. Petersburg in Untersuchungshaft.

Der russische Angriff auf die Ukraine 2022 raubte Litwinowa den Schlaf. Mehrfach hatte sie sich an Mahnwachen gegen den Krieg beteiligt. Gleichzeitig unterstützte sie Menschen, die wegen ihrer Antikriegsproteste zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt worden waren.

Abschiedsbrief einer 80-Jährigen

Am 12. Mai hat Nina Litwinowa, inzwischen 80, ihren Kampf gegen Krieg und Repressionen aufgegeben und ihrem Leben ein Ende gesetzt. „Ich muss gehen“, schrieb sie in einem von ihrer Cousine Mascha Slonim veröffentlichten Abschiedsbrief. „Ich kann das Leben nicht mehr ertragen, seitdem Putin die Ukraine überfallen hat, unschuldige Menschen tötet und ständig Tausende einsperrt, die gequält und getötet werden, dafür, dass sie genauso wie ich gegen den Krieg und das Töten sind.“ Sie habe versucht, diesen Menschen zu helfen, schreibt sie weiter. „Ich bin am Ende meiner Kräfte. Tag und Nacht quält mich meine Hilflosigkeit. Ich schäme mich, ich gebe auf, verzeiht mir bitte.“

Russlands Leitmedien berichteten nur kurz über den Freitod der Enkelin des früheren Außenministers. Kein Wort über die Beweggründe. Nina sei immer da gewesen, wo der Schmerz am größten war, schreibt die Menschenrechtsorganisation Memorial in ihrem Nekrolog. Und fügt hinzu, dass die beste Form des Erinnerns an Nina Litwinowa die Fortführung ihrer Arbeit sei.

Haben Sie suizidale Gedanken? Dann sollten Sie sich unverzüglich ärztliche und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wenden Sie sich an die nächste psychiatrische Klinik oder rufen Sie in aktuen Fällen den Notruf an unter 112. Eine Liste mit weiteren Angeboten finden Sie unter taz.de/suizidgedanken.

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