Nachruf auf Eric Carle: „Raupe Nimmersatt“-Autor ist tot

Ohne ihn würde es den konsumkritisch interpretierten Kinderbuchklassiker nicht geben. Nun ist Eric Carle im Alter von 91 Jahren gestorben.

Autor Eric Carle - im Hintergrund die kleine Raupe Nimmersatt

Der Kinderbuchautor Eric Carle ist im Alter von 91 Jahren gestorben Foto: Richard Drew/ap/dpa

Ganz am Ende, wenn die kleine Raupe sich in einen „wunderschönen“ Schmetterling verwandelt hat, leuchten die Flügel in vielen Farben. Blau sieht man in verschiedenen Abstufungen, Grün, Gelb, Rot, Orange, Violett, mit erkennbarem Strich und feinen Einsprengseln hingetuscht auf das Papier.

Am Anfang ist die Raupe noch grün gewesen, mit rotem Kopf. Doch dann hat sie sich im Fortgang der Geschichte all die anderen Farben angeeignet, indem sie sich erst durch Früchte und darauf durch proteinhaltigere Nahrung gefressen hat. Durch grüne Birnen und dunkelblau-violette Pflaumen, rote Erdbeeren und orange Apfelsinen, einen gelben Käse, eine braune Wurst, einen blau-gelb geringelten Lolli, eine giftgrüne saure Gurke und manches mehr.

Den sich wiederholenden Schlusssatz der einzelnen Seiten wird nicht mehr vergessen, wer Eric Carles Kinderbuchklassiker „Die kleine Raupe Nimmersatt“ gelesen hat: „Aber satt war sie noch immer nicht.“

Ausdruck des nicht zu stillenden Habenwollens

Eric Carle wurde 1929 in den USA geboren, doch kehrte er Mitte der dreißiger Jahre mit seinen Eltern nach Deutschland zurück. Bis 1952 lebte er in Stuttgart, wo er in der Akademie der bildenden Künste studierte, dann emigrierte er zurück in die USA und wurde Kinderbuchautor.

Bis ins hohe Alter entwarf und zeichnete er, „10 kleine Gummienten“ erschien noch 2005. Doch er wird vor allem der Autor des Buches „Die kleine Raupe Nimmersatt“ bleiben, das auf deutsch 1969 erschien, ein Welterfolg wurde und bis heute von Eltern ihren Kindern vorgelesen wird.

„Die kleine Raupe Nimmersatt“ ist im Laufe der Jahrzehnte schon konsum- und auch kapitalismuskritisch interpretiert worden, als Ausdruck des nicht zu stillenden Habenwollens des Menschen. Aber das muss man nicht so sehen. Es ist tatsächlich etwas vom geradezu raubtierhaften Aneignungs- und Lebenswillen von Säuglingen und Kleinkindern auf diesen Seiten; die Wirkung der Handlung beruht gerade auch darauf, dass das kindliche Wollen nicht wegverniedlicht wird. Doch ist es eben eingebunden in eine Entwicklungsgeschichte – und in ihr geht es keineswegs nur um eine individuelle Verwandlung, sondern um eine Aufnahme der Welt.

Buntheit und Differenziertheit der Welt

Ganz am Anfang, noch bevor das „kleine Ei“ der Raupe „nachts im Mondschein“ auf einem Blatt liegt und bevor auf der nächsten Seite im Schein der lächelnden Sonne – „knack“ – die kleine hungrige Raupe schlüpft, sieht man eine von Eric Carle hingetupfte Blumenwiese. Alle Farben, die am Schluss in den Flügeln des Schmetterlings schimmern, finden sich schon hier, das dunkle Gelb, das Helle Grün, die verschiedenen Schattierungen von Blau und Rot, das Orange, das Braun und das Violett.

In ihrer individuellen Entwicklungsgeschichte hat sich die kleine Raupe die Buntheit und Differenziertheit der Welt angeeignet, es war ihr Hunger auf die Welt, der nicht zu stillen war. Und die Sonne – Eric Carle war ein ganz wunderbarer Zeichner von freundlichen, den Menschen zugewandten Sonnen – lächelt dazu wohlgefällig.

Eric Carle ist, wie jetzt bekannt wurde, am vergangenen Wochenende im Alter von 91 Jahren in New York gestorben.

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