Nachhaltigkeit bei Olympia: Die künstlichen Spiele
Perfekte Pisten bei Olympischen Winterspielen sind ohne Kunstschnee kaum denkbar. Echter frischer Schnee stört. Welche Folgen hat das für die Natur?
Die Fernsehbilder der letzten Tage haben makellose Skipisten und perfekte Bedingungen in den italienischen Dolomiten gezeigt. Olympische Winterspiele ohne Schnee, das wäre undenkbar. Für Veranstalter:innen ist die Beschneiung der Pisten allerdings längst ein logistisches Projekt: Einige Medien hatten im Vorfeld der Spiele berichtet, dass bis zu 100 Prozent der Pisten in Cortina d’Ampezzo und Livigno künstlich beschneit werden müssten.
Angesichts von Wasserknappheit stand schnell der Vorwurf im Raum, der olympische Schnee gehe zulasten der Region und ihres Tourismus. Wie tragfähig sind diese Prognosen zur Halbzeit der Spiele? Eines vorweg: Außerplanmäßig sind derzeit kaum Pisten geschlossen, die nicht für die Wettkämpfe genutzt werden – auch wenn der Dachverband für Natur- und Umweltschutz in Südtirol Mitte Januar dieses mögliche Szenario angekündigt hatte.
Diskutiert worden war eine mögliche Schließung vor allem wegen des akuten Wassermangels der Flüsse, aus denen das Wasser für die zahlreichen Schneekanonen entnommen wird. Eine Schließung während der Spiele aus diesem Grund sei jedoch grundsätzlich nicht plausibel gewesen, erklärt Robert Steiger von der Universität Innsbruck, der unter anderem zu Wintertourismus und Klimawandel forscht. Die Pisten seien bereits im November und Dezember letzten Jahres beschneit und anschließend geöffnet worden.
Eine spätere Schließung der touristischen Pisten würde voraussetzen, dass während der Olympischen Spiele weiter beschneit werde und dadurch andernorts Wasser fehle. „Das ist schlicht falsch“, sagt Steiger. Während der Wettkämpfe könne nicht beschneit werden, weil die Pisten anschließend erneut präpariert werden müssten. Organisatorisch sei das nicht umsetzbar.
Knapp eine Million Kubikmeter Wasser benötigt
Die touristischen Pisten bleiben geöffnet, die befürchteten massiven Einbußen für die lokalen Betreiber:innen bleiben augenscheinlich aus. Doch damit ist die Debatte nicht beendet. Die Veranstalter:innen in Mailand und Cortina d’Ampezzo haben im Vorfeld besonderen Wert auf die Nachhaltigkeit der Spiele gelegt: kurze Wege, bestehende Wettkampfstätten, vorhandene Hotelinfrastruktur. Ein Gegenentwurf zu früheren Spielen, deren Neubauten nun oftmals als Ruinen verwahrlosen.
Gleichzeitig fließen für die künstliche Beschneiung enorme Wassermengen. Schätzungen sprechen von nahezu einer Million Kubikmeter allein für den benötigten Kunstschnee. Wie passt das mit dem Nachhaltigkeitsversprechen zusammen? Der hohe Anteil künstlich beschneiter Pisten stehe nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Olympischen Spielen, betont Robert Steiger. In Italien würden inzwischen durchschnittlich rund 80 Prozent der Skipisten technisch beschneit, unabhängig von einzelnen Großereignissen. In Österreich bewege man sich in einer ähnlichen Größenordnung, in anderen Ländern liege der Anteil etwas darunter.
Trotzdem hat Kunstschnee erhebliche Folgen für die unmittelbare Umwelt. Der teils alarmierende Wassermangel in den Flüssen der Region ist nur eine der sichtbaren Konsequenzen. Hinzu kommen Auswirkungen auf die Böden selbst.
Robert Steiger verweist darauf, dass technisch erzeugter Schnee einen höheren Wassergehalt hat als natürlicher Schnee. „Das bedeutet, dass im Frühjahr beim Abschmelzen mehr Wasser frei wird. Dieses Wasser kann verstärkt in die Pisten einsickern. Gerade an sehr steilen Hängen besteht dann die Gefahr, dass bei intensiver Schneeschmelze der Untergrund ins Rutschen gerät und Erosionsprozesse in Gang gesetzt werden.“
Dennoch gibt es Ansätze, die technische Beschneiung zumindest ressourcenschonender zu gestalten. So können Schneekanonen und Filtrationsanlagen mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen betrieben werden. Auch Rückhaltesysteme auf dem Berg tragen dazu bei, Wasser kontrollierter zu führen. Teilweise werde das bei der Schneeschmelze anfallende Wasser aufgefangen und gezielt abgeleitet, erläutert Steiger. „Letztendlich muss man technische Maßnahmen ergreifen“, sagt er.
Der olympische Winter folgt demnach längst nicht mehr allein den Gesetzen der Natur, sondern vor allem denen der Planbarkeit. Besonders paradox: Ausgerechnet der natürliche Schneefall wurde in der Woche vor den Spielen zum Störfaktor; zu spät und viel zu weich. Während Millionen Liter Wasser zuvor eingesetzt wurden, um ideale Wettkampfbedingungen technisch herzustellen, musste natürlicher Neuschnee später von den Pisten geräumt werden.
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