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Nach der Nachwahl in GroßbritannienLabour jetzt nur noch drittklassig

Der Triumph der Grünen in einer Labour-Hochburg stellt Starmers Partei vor ein neues Problem: Überflügelt wird sie nicht nur rechts, auch links.

Hat die Nachwahlen in Gorton und Denton gewonnen: die Kandidatin der Grünen, Hannah Spencer Foto: Temilade Adelaja/reuters

Unterstützt Großbritanniens Labour-Regierung die US-Angriffe auf Iran oder nicht? Vergeblich versuchte die BBC-Journalistin Laura Kuenssberg in ihrer TV-Show am Sonntagmorgen den britischen Verteidigungsminister John Healey dazu zu bringen, Aussagen Kanadas und Australien zu folgen, welche sich hinter die Angriffe Israels und der USA stellten. Er wollte das ebensowenig tun wie eine Verurteilung der Angriffe als völkerrechtswidrig aussprechen. Großbritannien sei nicht beteiligt gewesen, sagte er lediglich. Dann aber nannte er Iran eine „Quelle des Bösen“.

Am Samstag hatte Premierminister Keir Starmer bereits gesagt: „Das Vereinigte Königreich spielte keine Rolle in diesen Schlägen.“ Aber Irans Regime sei „fürchterlich“, es sei eine Bedrohung, und „unsere Streitkräfte sind im Einsatz und britische Flugzeuge sind heute im Himmel als Teil einer koordinierten regionalen Verteidigungsoperation, um unser Volk, unsere Interessen und unsere Alliierten zu verteidigen“. Doch verweigerte Großbritannien den USA die Erlaubnis, britische Militärbasen für ihre Angriffe zu benutzen.

In diesen Tagen geht es bei so etwas in Großbritannien mehr als um die Lage im Mittleren Osten. Mit der von Labour am Donnerstag an die Grünen verlorenen Nachwahl im Manchester-Wahlkreis Gorton & Denton, seit fast 100 Jahren eine Labour-Hochburg, steht die Zukunft der Labour-Regierung auf dem Spiel.

Die Grüne Hannah Spencer holte den Sitz Gorton & Denton souverän mit 40,7 Prozent; Labour kam mit 25,4 Prozent der Stimmen sogar nur noch auf den dritten Platz hinter Reform UK. Es ist der erste grüne Sieg bei einer britischen Parlamentsnachwahl überhaupt.

Die Grünen surfen auf der Gaza-Welle

Zwar sollte man nicht zu viel aus Nachwahlen ablesen, doch der Wahlsieg der Grünen zeigt, dass Labour sich nun nicht mehr nur nach rechts gegen Reform UK von Nigel Farage behaupen muss, die seit über einem Jahr alle Meinungsumfragen anführt, sondern auch nach links, wo die Grünen sich mehr und mehr profilieren.

Die Nahostpolitik hat daran einen großen Anteil. Unter dem im September 2025 gewählten neuen Chef Zack Polanski artikulieren die Grünen nicht mehr ökologische Themen an erster Stelle, sondern soziale Themen und immer wieder das Thema Gaza.

Im Nachwahlkampf von Gorton & Denton verbreiteten die Grünen Wahlkampfmaterial in der pakistanischen Sprache Urdu, die auf Fotos Vizepremierminister David Lammy mit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zeigten und Regierungschef Keir Starmer mit dem indischen Premierminister Narendra Modi. Danach am Freitag kritisch gefragt, antwortete Polanski, es zeige, mit welcher Art von Leuten die beiden Umgang hätten.

Doch dafür hätte man auch Politiker aus China oder Saudi-Arabien nehmen können. Es ging um Mobilisierung muslimischer Wähler gegen Labour.

Am Samstag ließ sich der stellvertretende Grünen-Parteichef Mothin Ali auf einer Veranstaltung gegen den Irankrieg fotografieren, umringt von durch ihre Fahnen erkennbare Un­ter­stüt­ze­r:in­nen der Islamischen Republik. Und in derselben TV-Sendung, in der Verteidigungsminister Healey eine klare Position vermied, sagte Grünen-Chef Polanski, der Krieg sei „illegal“ und „unprovoziert“.

Der linke Labour-Flügel fordert mehr Klarheit

Londons Labour-Bürgermeister Sadiq Khan, ein Muslim, dessen Amt im Mai zur Wahl steht, behauptet nun, Labour müsse progressive Wäh­le­r:in­nen viel klarer ansprechen als bisher. Die stellvertretende Labourvorsitzende Lucy Powell sagte, mit dem von der Parteiführung abgeblockten Manchester Bürgermeister Andy Burnham als Kandidat hätte Labour die Nachwahl gewonnen.

Dahinter steht, dass Burnham populärer ist als Keir Starmer und parteiintern als dessen potenzieller Rivale und Nachfolger gehandelt wird. Mit Burnham und Powell verbündet ist die im September wegen Steuerhinterziehung zurückgetretene frühere Vizepremierministerin Angela Rayner, auch sie fordert jetzt einen klaren linken Stil.

Glaubt man Starmers Innenministerin Shabana Mahmood, ist jedoch das Gegenteil zu erwarten. Mahmood ist gerade von einem Besuch in Dänemark zurückgekommen und will jetzt in Großbritannien strenge Einwanderungsregeln nach dänischem Modell einführen: zeitlich begrenztes Asylrecht, Rücksendung so bald die Behörden es für sicher halten, geschlossene Abschiebezentren. Das entspricht früheren Forderungen von Reform UK und folgt auf Ankündigungen von Reform UK, sie würden bei einer Regierungsübernahme eine britische Version der berüchtigten US-Migrationspolizei ICE schaffen.

Alle paar Tage ein neuer Personalskandal

Die Nachwahlniederlage Labours liegt nicht nur an uneindeutiger Politik. Dahinter stehen auch zahlreiche Skandale wie der um Starmers Berufung des Labour-Politikers Peter Mandelson zum Botschafter in den USA, obwohl bekannt war, dass er engen freundschaftlichen Kontakt zu Jeffrey Epstein pflegte. Die Affäre hat Mandelson sein Amt und seinen Sitz im Oberhaus gekostet und eine vorübergehende Festnahme eingebracht, dazu den Rücktritt von Starmers Stabschef und früherem Wahlkampfleiter Morgan McSweeney.

Diesen Samstag folgte ihm der Minister für Digitalisierung, Josh Simons. Er hatte von einer PR-Agentur erfundende Behauptungen über zwei Sunday-Times-Journalisten verfassen und verbreiten lassen, die nicht deklarierte Wahlkampfspenden an den von McSweeney geleiteten Thinktank Labour Together aufgedeckt hatten.

Am Wochenende wurde zudem Joe Docherty, ein gerade ins Oberhaus beförderter 57-jähriger Bildungsbeauftrager, von Labour suspendiert, nachdem bekannt wurde, dass er in seinem vorherigen Job an einer Oberschule während der Arbeitszeit mit Kolleginnen sexuelle Kontakte pflegte. Eine weitere von Starmer nominierte Labour-Abgeordnete des Oberhauses, Ann Limb, verzichtete am Wochenende auf ihr Mandat – ihr werden finanzielle Unregelmäßigkeiten vorgeworfen.

Vor einer Woche hatte Labour mit Matthew Doyle bereits einen neu ins Oberhaus beförderten Labour-Abgeordneten ausschließen müssen. Matthew Doyle hatte einen Politiker im Wahlkampf unterstützt, der unter Anklage stand, kinderpornografische Bilder zu besitzen.

Die Häufung all dieser Fälle wirft permanent neue Fragen bezüglich Starmers Personalpolitik und Urteilsvermögen auf. Spätestens die britischen Kommunal- und Regionalwahlen Anfang Mai könnten Labour zu einer klaren Politik zwingen, nämlich den Fall Keir Starmers.

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