Nach der Gewalt in Südafrika: Aufräumen und zittern

In Südafrika kehrt wieder Normalität ein. Doch in Namibia wappnen sich Sicherheitsbehörden gegen mögliche Nachahmer.

Ein Mann fegt Müll von einer Straße.

Durban am 15. Juli: Ein Freiwilliger beseitigt die Spuren der Zerstörungen und Plünderungen Foto: Rogan Ward/reuters

WINDHOEAK/DURBAN taz | In Namibia sind die Behörden in höchster Besorgnis: Im Nachgang der Unruhen in Südafrika vergangene Woche zirkulieren nun Drohungen mit Gewalt und Plünderungen auch in den sozialen Medien des Nachbarlandes.

Namibias Armee ist in Alarmbereitschaft versetzt worden, und die Polizei hat ihre Überwachung von Einkaufszentren ausgeweitet. Bis Montag wurden vier Menschen wegen der Drohungen auf sozialen Medien von der Polizei vorgeladen und befragt. „Sie wurden nicht festgenommen, es sind Personen von Interesse“, sagte der stellvertretender Polizeichef Joseph Shikongo.

Ismael Basson, Polizeikommissar der zentralnamibischen Region Khomas, wurde in Berichten mit der Aussage zitiert, man nehme solche Drohungen sehr ernst. Khomas ist die Region um die Hauptstadt Windhoek und durch sie verlaufen fast alle Fernverkehrsrouten des Landes.

In den Einkaufszentren Maerua und Grove in der namibischen Hauptstadt Windhoek wurde die Polizeipräsenz verstärkt, zuweilen knattern Hubschrauber über den Malls. Solche Einkaufspassagen waren in Südafrika Hauptziel der gewaltsamen Plünderungen geworden, die nach dem Haftantritt des dortigen Expräsidenten Jacob Zuma ausgebrochen waren. Die Gewalt in Südafrika erwies sich als vorgeplant, und so fürchtet man in Namibia nun ähnliche Planungen.

Gewalt behindert Sauerstofflieferung

„Als Regierung müssen wir zugeben, dass wir auf eine orchestrierte Kampagne öffentlicher Gewalt, Zerstörung und Sabotage dieser Art schlecht vorbereitet waren“, hatte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa am vergangenen Freitag gesagt. „Wir hatten nicht die Kapazitäten und Pläne bereit, um rasch und entschieden zu reagieren.“ Dieses Versäumnis soll sich in Namibia nicht wiederholen. Präsident Hage Geingob hat sein Bedauern über die Auswirkungen der Zerstörungen in Südafrika ausgedrückt und damit indirekt klar gemacht, er stünde bereit.

Die Gewalt in Südafrika hat auch direkte Auswirkungen auf Namibia gehabt. So wurden medizinische Sauerstofflieferungen beeinträchtigt, ein schwerer Rückschlag für den ohnehin schwierigen Kampf gegen die aktuelle Covid-19-Welle in Namibia. Straßenblockaden in Südafrika hielten auch andere Lastwagenlieferungen in das Nachbarland tagelang auf. Südafrika ist Namibias wichtigster Handelspartner und von dort kommen die meisten essen­ziellen Importgüter.

Hoffnung auf Rekordernte

In Südafrika selbst kehrt nach den schweren Unruhen mit 212 Toten und Schäden in Milliardenhöhe allmählich die Normalität zurück. Die Lebensmittelindustrie beliefert den Handel wieder, geschlossene Autobahnen sind wieder frei und im strategischen Hafen Durban wird wieder gearbeitet.

„Im Vergleich mit der düsteren Lage vor wenigen Tagen gibt es erheblichen Fortschritt“, erklären gemeinsam Wandile Sihlobo und Sidiso Ntombela, die Chefökonomen der südafrikanischen Agrarhandelskammer Agbiz und des Nationalen Landwirtschaftsrates NAMC. Die Gewalt habe zwar Befürchtungen über Nahrungsmittelknappheit genährt, die seien jetzt aber vorbei.

Südafrika fährt dieses Jahr die zweitgrößte Maisernte seiner Geschichte ein, mit über 16 Millionen Tonnen. Das Aufheben der Sperrungen der Autobahnen N2 und N3, die vom Hafen Durban aus die Küste entlang beziehungsweise in Richtung der größten südafrikanischen Stadt Johannesburg führen, macht es jetzt wieder möglich, diese Ware problemlos zu transportieren.

„Es hat sich gezeigt, dass es Ergebnisse bringt, wenn Industrie und Regierung zusammenarbeiten“, so die Ökonomen. Allerdings bestünden Sicherheitsrisiken in der Provinz KwaZulu/Natal – Heimatprovinz des Expräsidenten Jacob Zuma – rund um Durban. „In diesem Gebiet müssen Regierung, Wirtschaft und Sozialpartner sich weiter engagieren, um Normalität herzustellen.“

Aufräumen mit dem „Ubuntu“-Geist

Sorge bereitet unter anderem, dass bei den Unruhen auch über 30 Schulen zerstört wurden. Südafrikas Kinder seien ohnehin besonders stark von den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie betroffen, warnt das Hilfswerk „Save the Children“, mit 750.000 Kindern ohne Schulunterricht: 1.718 Schulen seien geschlossen, weil sie während der Lockdowns Vandalismus ausgesetzt waren. Nun kämen noch mehr dazu.

Die Ökonomin Siobhan Redford betont, dass nun vor allem die Covid-19-Impfprogramme in KwaZulu/Natal wieder aufgenommen werden müssen. Sie setzt auf Südafrikas Gemeinschaftssinn „Ubuntu“, mit dem am vergangenen Wochenende kollektive Aufräum­aktionen betrieben wurden: „Sicherlich haben diejenigen, die ihre zerstörten Geschäfte, Häuser und Schulen wiederaufbauen müssen, noch einen langen Weg vor sich, aber hoffentlich kann der Ubuntu-Geist, der jetzt Südafrika ergriffen hat, genug Schubkraft erzeugen.“

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