Nach dem Erdbeben in Kolumbien: Krisenmanagement und mangelndes Taktgefühl
Zehn Tage nach dem schweren Erdbeben in Kolumbien ist die Bilanz für die neue Regierung durchwachsen. Immerhin: Die Institutionen haben funktioniert.
Foto: Samir Rojas/Getty
Montag vor einer Woche bebte um 7.34 Uhr Ortszeit in Kolumbien die Erde. Mit einer Stärke von 7,4 war es das schwerste registrierte Erdbeben dieses Jahrzehnts. Während das Erdbeben aus den internationalen Schlagzeilen gerät, ist es in Kolumbien weiter das beherrschende Thema – und Kritik am Krisenmanagement wird lauter. Sowie am Taktgefühl der neuen Regierung.
Bilder vom Wochenende zeigen zum Beispiel den Wohnungsbauminister Jaime Andrés Beltrán unter Palmenschirmen am Karibikstrand, im Kreise seiner Lieben, während viele seiner Landsleute seit dem Erdbeben kein Dach mehr über dem Kopf haben. Noch mehr als die Bilder erzürnte die Erklärung des Ministers die Gemüter: Er sei auch Ehemann, Vater und Kind – und setze die Familie an erste Stelle, rechtfertigte er sich per Video. Anders als andere Beamte stelle er seine Arbeit nicht über die Familie.
Die Wogen gingen hoch, die Opposition strebt einen Misstrauensantrag an. Am Montagabend sah sich Beltrán zu einer Entschuldigung gezwungen – die allerdings kaum anders klang als die bisherigen Rechtfertigungen. Präsident Abelardo de la Espriella steht weiter hinter ihm.
Der neue ultrarechte Präsident hat null politische Erfahrung. Am dritten Tag im Amt traf ihn das Erdbeben. Was erschwerend hinzukommt: Es hatte keine Amtsübergabe gegeben, genannt empalme. So heißt der Prozess, der den Übergang von der alten zur neuen Regierung in Kolumbien möglichst reibungslos gestalten soll – bis in die staatlichen Einrichtungen wie der Katastrophenbehörde. Doch de la Espriella hatte den Prozess abgebrochen. Er und sein linker Vorgänger Gustavo Petro sind sich spinnefeind.
Die Institutionen haben einigermaßen funktioniert
So saß in der Katastrophenschutzbehörde zum Zeitpunkt des Bebens immer noch der Direktor der Vorgängerregierung. Javier Pava war es auch, der in den ersten Momenten das Gesicht der Behörde in den Medien war. De la Espriellas Kandidat war zwar schon verkündet, doch das Dekret für ihn fehlte immer noch.
Vielleicht auch deshalb kündigte der Präsident etwa eine Stunde nach dem Erdbeben per Video an, die Leitung des Katastropheneinsatzes selbst zu übernehmen. Er bereiste die am schwersten betroffenen Städte und schickte Minister durchs Land. Schließlich hatte er im Wahlkampf versprochen, sich besonders um die Regionen zu kümmern und den Zentralismus aufzubrechen. Wohingegen der neue Innenminister Rodrigo Lara offen sagte: „Ich weiß nicht, was in Chocó passiert.“ Chocó ist eine überwiegend von Afrokolumbianer*innen bewohnte Region, die historisch wegen strukturellen Rassismus vom Staat vernachlässigt wurde.
Unter diesen schwierigen Voraussetzungen haben die kolumbianischen Institutionen noch recht gut agiert. „Alle Institutionen haben funktioniert“, sagte zum Beispiel María José Torres Macho, die ranghöchste Vertreterin der Vereinten Nationen in Kolumbien. Die Zusammenarbeit der UN mit den Behörden sei durch den Regierungswechsel nicht beeinträchtigt worden.
Klar wurde auch: Die Pazifikregion, namentlich Chocó, war nach dem Beben lange so allein wie vor dem Beben. Und wie so oft zuvor: ohne Strom, ohne Internet, ohne Telefon, ohne medizinische Versorgung. Das Krankenschiff „Benkos Bihoé“ lag zum Beispiel am Tag des Bebens schon länger ohne Personal und Treibstoff vor Anker. Die neue Gesundheitsministerin musste es erst ausstatten.
Große Debatte über die internationale Hilfe
Bei den ersten Auftritten redete de la Espriella teils so, als ob er noch im Wahlkampf sei – was in Kolumbien bei einigen auf Kritik stieß. In Buenaventura, wo am Pazifik Kolumbiens größter Hafen liegt und das dennoch zeitweise von Hilfe abgeschnitten war, warf er Fußbälle mit Propagandaaufdruck aus dem Auto. Auch das kam bei vielen nicht gut an.
Problematisch sind auch die Zahlen. Das Präsidialamt veröffentlicht mitunter andere Informationen als andere Regierungsinstitutionen. In den ersten Tagen war die Vereinigung kolumbianischer Hauptstädte, Asocapitales, wohl die wichtigste Quelle für Journalist*innen. Die Pressearbeit der Präsidentschaft ist ungenügend, es fehlt an Ansprechpartner*innen, Nachfragen sind nicht möglich.
Doch die größte Debatte kreist um die internationale Hilfe. Kolumbien hat anfangs internationales Rettungspersonal von Ländern abgelehnt, die es anboten – und stattdessen nur Hilfsgüter und anderes Fachpersonal abgefordert. Später akzeptierte das Land zum Beispiel Rettungskräfte aus den USA und Israel – was der Regierung den Vorwurf einbrachte, dass vor allem die ideologische Nähe eine Rolle spiele.
Gleichzeitig kamen die privaten berühmten „Topos Aztecas“ (Aztekenmaulwürfe) aus Mexiko ins Land, die sich unter Kolumbianer:innen wegen ihres Einsatzes im Nachbarland Venezuela Respekt erarbeitet hatten. Deren Anwesenheit hat nichts mit dem internationalen Hilfsprozedere zwischen Regierungen zu tun. Sie arbeiten nach anderen Protokollen – was zu Konflikten führt. So beschwerte sich der Anführer der Topos in Cali, Carlos Cienfuegos, dass die staatlichen Retter aus den USA zu feige zum Retten seien.
Marshallplan und Spenden von Shakira
Was den Wiederaufbau betrifft, der auf die Rettung und Bergung folgt, bleibt abzuwarten. De la Espriella hat seinen Unterstützer Donald Trump gebeten, die Strafzölle aufzuheben, mit denen Trump den früheren linken Präsidenten Gustavo Petro gestraft hat. Bisher ohne Erfolg.
De la Espriella hat einen „Marshallplan“ angekündigt und an Privatwirtschaft und Banken appelliert, auf dass sie sich beteiligen und/oder günstige Kredite vergeben mögen. In der geerbten Haushaltskasse herrscht Ebbe. Innenminister Rodrigo Lara setzt auf Spenden von Baumaterial. Bleibt zu hoffen, dass dieses Mal erdbebensicher gebaut wird. Selbstgebaute Häuser stellen derzeit das größte Risiko dar in Kolumbien, weil sie in der Regel die Erdbebenbaunorm nicht erfüllen.
Deutlich praktischer und erfahrener kamen zwei Weltstars herüber: Popstar Shakira besuchte am Montag mit Howard Buffett, dem Sohn des Milliardärs und Philanthropen Warren Buffett, das Departamento Chocó. Ihre Stiftung Pies Descalzos ist dort seit fast 20 Jahren tätig. Zusammen mit ihrem „Freund“ Buffett versprach sie den Bau von zehn Schulen und den Wiederaufbau einer Universität.
Zuvor hatte der Fußballnationalspieler Jhon Arias zusammen mit seiner Frau Alejandra Ayala um Spenden geworben. Sie ist Anwältin, spezialisiert auf Menschenrechte und internationales humanitäres Recht. Beide stammen aus Quibdó. Sie haben aus eigenen Geldern ein Flugzeug mit medizinischem Personal und Hilfsgütern finanziert.
Die bisherige Schadensbilanz des Bebens legt jedenfalls nahe, dass der Bedarf noch gewaltig sein dürfte. Nach Angaben von Präsident Abelardo de la Espriella sind Gesamtschäden von umgerechnet etwa 8,3 Milliarden Euro entstanden. Davon entfielen rund 6,8 Milliarden auf Gebäude, etwa 1,5 Milliarden auf Infrastruktur. Dies sei die Schätzung eines privaten Unternehmens, sagte de la Espriella am Montag. Knapp 27.000 Wohnhäuser seien zerstört, mehr als 120.000 beschädigt. Fast 300 Menschen starben, mehr als 4.000 wurden verletzt, 143 gelten noch als vermisst.
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