Nach dem Erdbeben in Kolumbien: Die Zahl der Toten dürfte weiter steigen
Noch gibt es nicht aus allen Regionen verlässliche Schadensmeldungen nach dem Erdbeben vom Montag. Der neue Präsident hat den Notstand ausgerufen.
Der Turm der Kathedrale in Manizales, das Wahrzeichen der Stadt, ist umgeknickt, als sei er weggeschmolzen. Es war eins der ersten einprägenden Bilder nach dem verheerenden Erdbeben in Kolumbien. In Pereira zeigten Videos, wie Menschen um ihr Leben rennen. In Cali graben Helfer im Schutt von zusammengestürzten Gebäuden teils mit bloßen Händen nach Überlebenden.
Es war mit Stärke 7,4 das schwerste registrierte Erdbeben dieses Jahrzehnts, meldet der Kolumbianische Geologische Dienst. Es war bis Venezuela, Panama und Ecuador zu spüren. Mindestens 110 Menschen sind dabei nach Regierungsangaben gestorben. 87 wurden verletzt. Mehr als 2.000 Menschen galten am Montagabend (Ortszeit) als vermisst. Mindestens 1.500 Häuser sind unbewohnbar. Rund 60 stürzten komplett ein. Laut dem Innenministerium waren mehr als 20 Gemeinden betroffen. Die Zahlen dürften weiter steigen – auch weil einige Gegenden schwer zu erreichen oder von der Kommunikation großteils abgeschnitten sind. Sogar in der Hauptstadt Bogotá schwankten mehrere Minuten die Gebäude und Menschen eilten in Schlafanzügen und Arbeitskluft ins Freie.
Am heftigsten traf das Beben, soweit bislang bekannt, die drittgrößte Stadt Cali sowie Manizales und Pereira, die beide in der unter Tourist*innen bekannten Kaffeezone liegen. Mehrere Flughäfen wurden geschlossen – und viele davon waren es am Abend immer noch. Erdrutsche machten Straßen unpassierbar, Krankenhäuser und Schulen wurden beschädigt. Pereira hat mit bisher mindestens 55 die meisten Todesopfer zu verzeichnen. Der Strom blieb dort über weite Teile des Tages weg, auch Internet und Telefon.
Die Suche nach Überlebenden geht weiter. Rettungskräfte und freiwillige Helfer suchen teils mit bloßen Händen. Es sind Notunterkünfte eingerichtet, damit Menschen nicht unter freiem Himmel schlafen müssen. Die Sammlung von Hilfsgütern und Blutspenden ist angelaufen.
Besonders betroffen: die abgehängte Region Chocó
Präsident Abelardo de la Espriella traf das Erdbeben am dritten Tag im Amt. Er rief den nationalen Notstand aus, um Hilfsmittel zu mobilisieren. Am Montag reiste er zu mehreren Städten, die besonders getroffen wurden. Er hatte im Wahlkampf dem Zentralismus den Kampf angesagt. In Quibdó sagte er: „Das soll die Chance sein, dem Land zu sagen: Chocó wird nie mehr vergessenes Land sein.“ Regierung und lokale Behörden mobilisierten alle Ressourcen und arbeiteten ungeachtet politischer Differenzen zusammen, sagte er in Cali. Auch hunderte Soldat*innen wurden geschickt, um bei Such- und Bergungsarbeiten zu helfen.
In Cali wurde das gigantische Petronio-Festival abgebrochen, das der afrokolumbianischen Musik der Pazifikregion gewidmet ist. Viele der Beteiligten stammen aus der Region Chocó oder haben dort Verwandtschaft.
Behörden und Expert*innen warnten vor Panik und versuchten, Falschmeldungen zu entkräften, die vor allem in den sozialen Medien und Whatsapp kursierten. Darunter vor allem die, dass Erdbeben vorhersehbar seien – und zu einer gewissen Uhrzeit Nachbeben kommen würden. Das ist falsch: Es gibt kein Warnsystem für Erdbeben – weder Auftreten, Stärke noch Ort sind vorhersehbar.
Das Beben ereignete sich um 7.34 Uhr Ortszeit. Das Epizentrum lag in der Gemeinde San José Del Palmar im Pazifik-Departamento Chocó, 103 Kilometer unter der Erde. Chocó ist eine der ärmsten Regionen des Landes, überwiegend von Afrokolumbianer*innen bevölkert und historisch vernachlässigt. Große Teile werden von bewaffneten Gruppen kontrolliert.
Die Verbindung zum Rest des Landes ist auch ohne Erdbeben problematisch. Weite Teile des Chocó sind nur per Flugzeug oder Boot zu erreichen. Die Region kommt auch in den kolumbianischen Medien selten vor. Während am Montag relativ schnell aus den anderen Katastrophengebieten Nachrichten und Daten eintrafen, fielen selbst in Quibdó, der Hauptstadt des Chocó, Strom und Telefonverbindung aus. Sogar das sonst praktisch unverwüstliche Whatsapp scheiterte. Im Laufe des Nachmittags meldeten sich immer mehr afrokolumbianische Stimmen zu Wort, die mehr Berichterstattung über die Lage dort forderten – und in der kargen Nachrichtenlage und den schweren Auswirkungen des Bebens Symptome des strukturellen Rassismus sahen, den auch die Vereinten Nationen Kolumbien attestiert haben.
Häufige Erdbeben und eine Baunorm
Kolumbien befindet sich in einer seismisch aktiven Zone. Mehrere tektonische Platten treffen aufeinander. Im Fall des aktuellen Bebens hat das mit der Nazca-Platte zu tun, die in der Pazifikzone unter die südamerikanische Platte taucht. Nach Schätzungen gibt es in Kolumbien monatlich rund 2.500 Erdbeben – ein Großteil passiert für die Bevölkerung unbemerkt.
Kolumbien verfügt seit 1984 über eine Erdbeben-Baunorm, die mehrfach aktualisiert wurde und laut Expert*innen Menschenleben schützt – wenn sie denn umgesetzt wird. Allein in Bogotá sind rund 60 Prozent der Gebäude selbstgebaut, ohne fachliche Überwachung, erklärt Daniel Ruiz, Professor an der Fakultät für Ingenieurswissenschaften an der Universität Javeriana. Das hat damit zu tun, dass die Stadt ungeplant wuchs. Es ist davon auszugehen, dass sie die Norm nicht erfüllen.
Ebenso sei wohl ein großer Teil der Bauten von vor 1984 nie nachgerüstet wurden. Denn das wurde nur bei öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Krankenhäusern und Unis überprüft. Für die anderen sei es keine Pflicht –und die Eigentümer*innen schreckten vor den Kosten zurück.
Und die eigentlich sinnvolle Norm habe einen Haken: Bauherren müssen zwar entsprechende Pläne für eine Baugenehmigung absegnen lassen. Ob das fertige Gebäude dem aber entspricht, werde nicht nachgeprüft.
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