NS-Bürokrat und Lebensretter: Held oder keiner
Osnabrücks Oskar Schindler? Als Bürokrat in den besetzten Niederlanden rettete Hans Calmeyer Tausende Juden – aber das ist nicht die ganze Geschichte.

Später war er Mitglied der NSDAP, marschierte als Wehrmachtssoldat in die Niederlande ein, wurde dort Teil der deutschen Besatzungsbürokratie. Diese Position nutzte er, um Menschen vor den Vernichtungslagern zu bewahren – rund 17.000 Leben will Calmeyer gerettet haben, indem seine Dienststelle Zweifel am „ganz oder teilweise jüdischen Blut“ formulierte und wissentlich gefälschte Papiere akzeptierte.
1992 erkannte die israelische Holocaustgedenkstätte Yad Vashem im 20 Jahre zuvor verstorbenen Calmeyer einen „Gerechten unter den Völkern“, einen Nichtjuden also, der während der Schoah ein hohes persönliches Risiko auf sich genommen hat, um jüdische Menschen zu retten; eine Auszeichnung, die an hohe Hürden geknüpft ist.
War er also der über jeden Zweifel erhabene Retter, den in Osnabrück heute mancher prominent gewürdigt sehen möchte, am liebsten in Gestalt eines „Calmeyer-Hauses“? Taugt dieser bessere Deutsche nicht bestens zur Vermarktung der „Friedensstadt“ – so wie Erich-Maria Remarque und Felix Nussbaum?
Dass seine Rolle komplizierter war, sagen Historiker*innen nicht nur in den Niederlanden, wo er immer auch als bestens funktionierendes Rad in der Okkupationsmaschinerie angesehen wird. Nicht nur gibt es Zweifel an der Zahl der Geretteten, es konnte sich schlicht auch nicht jeder die Rettung leisten, der sie gebraucht hätte: Anwälte, Ärzte, Gutachter verdienten daran.
Auch in Osnabrück gibt es Stimmen, die nach der Würdigung des ganzen, des ambivalenten Calmeyer rufen, wenn bis 2022 ein neuer „Geschichtsort“ entsteht – nicht bloß bequeme Legenden gepflegt. Was eine Debatte unter Fachleuten sein könnte, schlägt schon mal hohe Wellen, denn geführt werden diese Diskussionen nicht frei von Eitelkeiten und persönlichen Motiven, und sie haben rasch auch mit Geld und seiner Beschaffung zu tun und mit schnöde parteipolitischen Frontlinien.
Insofern ist der Osnabrücker Umgang mit seinem gebrochen großen Sohn dann wieder beispielhaft: für den wechselhaften Umgang mit komplizierter deutscher Geschichte.
Mehr über den Streit um das Gedenken an Hans Georg Calmeyer lesen Sie in der taz nord am Wochenende oder hier.
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