Umgang mit der Shoa: Keine Lichtgestalt

Heißt die Villa Schlikker in Osnabrück bald “Calmeyer-Haus“? Es wäre die Weißwaschung eines Mittäters des Holocaust. Eine Petition dagegen läuft.

Porträt Hans Calmeyer

Janusgesichtiger Charakter: Hans-Georg Calmeyer Foto: Yad Vashem/Wikimedia Commons

HAMBURG taz | Der Donnerstag vor Pfingsten war für Osnabrück kein guter Tag. Der Stadt gelang zwar, was ihr sonst fast nie gelingt: Sie fand weltweit Beachtung. Aber das geschah ungewollt. Und das Ergebnis war ein Image-GAU.

Dirk Brengelmann, der deutsche Botschafter in Den Haag, nahm an diesem Tag eine Petition an Bundeskanzlerin Angela Merkel entgegen, unter­zeichnet von 260 Professoren vieler Staaten, Hochschulen und Fachrich­tun­gen, Anwälten, Rabbinern, Holocaust-Überlebenden, Künstlern.

In den Niederlanden initiiert durch den Philosophieprofessor Johannes Max van Ophuij­sen und den Journalisten Hans Knoop, will die Petition verhindern, dass der Geschichts-Lernort, zu dem die Villa Schlikker des Museums­quar­tiers Osnabrück derzeit umstrukturiert wird, den Namen “Calmeyer-Haus“ erhält.

Die Bundesregierung möge die finanzielle Unterstützung verweigern, sollte das dort geplante „Friedenslabor“ den Namen „eines hohen Beamten des Naziregimes in den Niederlanden tragen“. 1,7 Millionen Euro Bundesfördermittel hat Osnabrück für die Gebäudesanierung eingeworben; Mitte 2023 soll das „Labor“ eröffnen.

Weltweite Resonanz

„Ich bin zuversichtlich“, sagt van Ophuijsen, „dass die Namhaftigkeit unserer Unterzeichner dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit der Kanzlerin zu erlangen“. Medial gebe es schon jetzt weltweite Resonanz, sagt Knoop. „Sollte das Calmeyer-Whitewashing wirklich stattfinden, wäre das ein inter­na­tio­na­ler Skandal.“

Hans-Georg Calmeyer – ein Name, der seit 1945 für Kontroversen sorgt. Unbestreitbar ist: Der Osnabrücker Jurist, von März 1941 bis September 1944 hochrangiger NS-Verwaltungsbeamter in Den Haag, hat dazu beigetragen, dass viele Juden der Ermordung entgingen.

Unbestreitbar ist aber auch: Viele Juden ließ er ins KZ deportieren, ins Vernichtungs­lager; er ist also zugleich Mittäter der Shoa (taz berichtete). „Sehr ambivalent“, sagt Knoop. „500 als Arier Registrierte hat er zu ‚neu entdeckten Juden‘ erklärt. Die gingen dann mit in die Transporte.“

Ginge es nach der Osnabrücker „Hans Calmeyer-Initiative“ (HCI) und der Stadtrats-CDU, insbesondere ihrem Fraktionschef Fritz Brickwedde, würde Calmeyer definitiv Namensgeber.

Alfons Kenkmann, Geschichtsdidaktiker der Universität Leipzig und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats, den Osnabrück 2017 berufen hat, um die inhaltliche Ausrichtung des neuen Lernorts festzulegen, warnt davor, fordert einen „differenzierten, wissenschaftlichen Blick“. Auch Osnabrücks Kulturdezernent Wolfgang Beckermann mahnt „Versachlichung“ an.

Nicht nur der Name des „Labors“ ist umkämpft. Ginge es nach der HCI, würde das neue Haus eher ein Calmeyer-Erinnerungsort. Kulturverwaltung, Museum und Beirat erarbeiten dagegen einen Bildungsort zur NS-Geschichte. Calmeyer steht dabei nicht im Hauptfokus, wird kritisch hinterfragt, in all seiner Widersprüchlichkeit. Die Petition leistet Beckermann und Kenkmann also Schützenhilfe.

Auch der niederländische Soziologe Martin Sijes hat sie unterzeichnet. Sein Vater, Historiker und Shoa-Überlebender, hatte Calmeyer 1967 in Osnabrück für das Amsterdamer Institut für Weltkriegs-, Holocaust- und Genozidstudien (NIOD) befragt. „Als er aus Osnabrück zurückkam, haben wir das am Abendbrottisch diskutiert.“ Er fühle sich als Mörder, hatte Calmeyer zu Protokoll gegeben, könne wegen seiner Schuldgefühle nicht schlafen, gehöre eigentlich auf eine Anklagebank.

Unberechenbar und willkürlich

„Einerseits sind da seine Rettungsentscheidungen“, sagt Martin Sijes. „In ihnen war Calmeyer unberechenbar, willkürlich, geprägt von Stimmungen, persönlichen Vorlieben. Andererseits lag ihm daran, als NS-Beamter systemkonform Effizienz zu zeigen, später auch bei der Deportierung niederländischer Zwangsarbeiter nach Deutschland.“ Würde Calmeyer zum Namensgeber, wäre das, so Sijes, „ein Schlag ins Gesicht aller Opfer des Holocaust“.

Es wäre auch ein Schlag ins Gesicht der Amsterdamer Auschwitz-Überlebenden Femma Fleijsman-Swaalep, der Calmeyer nicht half, obwohl er es gekonnt hätte. Auch sie hat die Petition unterzeichnet.

Die niederländische Historikerin Els van Diggele zeichnet in ihrem im April erschienenen Buch „Das Rätsel Femmas. Opfer eines Menschenretters“ Fleijsman-Swaaleps Leben nach. Alfred Edelstein hat über sie, in Koproduktion mit van Diggele, eine Filmdokumentation gedreht; Anfang Mai lief sie im niederländischen Fernsehen. Am Ende des Films stehen Fleijsman-Swaaleps Nachkommen in Osnabrück, auch vor der Villa Schlikker. Sie demonstrieren, mit Plakaten und Handzetteln. Ihre Forderung: „Keine Ehre für Calmeyer!“

Auch der Osnabrücker Ratsbeschluss von Ende 2017 sieht die nicht vor. In ihm steht, es gelte, die Villa Schlikker „im Sinne eines 'Hans-Calmeyer-Hauses’“ zu entwickeln.

Die CDU leitet daraus hauptsächlich eine Namensverpflichtung ab, die HCI verlangt zudem, dass Calmeyer konzeptionell im Mittelpunkt stehen müsse. Thomas Klein, Ratsmitglied der Grünen, dagegen: „Inhaltlich ist dazu damals gar keine Diskussion erfolgt, daher war diese Bezeichnung nur ein Arbeitstitel. Es war immer klar, dass es am Ende auf eine Empfehlung des Beirats hinausläuft.“

„viel zu emotional“

Ein „Calmeyer-Haus“ habe im Rat keine Mehrheit; die Diskussion darum sei derzeit „viel zu emotional“. Auch Heiko Schlatermund, Sprecher der SPD-Ratsfraktion, stellt sich den Lernort als ein „Haus für 'Demokratie und Widerstand’“ vor, rät, die Namensgebung „kritisch zu diskutieren“.

Derweil wirft Joachim Castan, Vizevorsitzender der HCI, in einer HCI-Erklärung van Diggele und Edelstein vor, „Aspekte eines manipulativen Gesinnungsjournalismus“ zu bedienen. Entstünde ein „Friedenslabor“, kein „Calmeyer-Haus“, würde das, findet er, „Calmeyers Einmaligkeit wie auch seine Tragik verwässern und wäre eine lauwarme Provinzposse, die vergeblich auf Besucher warten würde“.

Offenbar halte Castan Fleijsman-Swaalep „für eine Spielverderberin“, sagt Edelstein, die den „Bemühungen um ein Calmeyer-Museum einen Makel aufdrückt“. Er wünscht sich „nüchternes Denken“. So sagt es auch Els van Diggele: „Für mich ist nur gute historische Forschung wichtig.“ Calmeyer charakterisiert sie so: „Während er sich mit der Verfolgung und Rassentrennung von Juden beschäftigte, schrieb er seiner Frau, welch 'ergötzliche Arbeit’ er habe.“

1992 ehrte die israelische Gedenkstätte Yad Vashem Calmeyer mit der Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“. Derzeit prüft sie diese Entscheidung. Die Petition dazu bewertet sie als „angemessen“.

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