Musikerin über heilige Elisabeth: „Diese Mildtätigkeit bis zur Selbstaufgabe war extrem“
Sie kehrte dem Adel den Rücken, um ganz für die Armen da zu sein: Warum die heilige Elisabeth zum Weltfrauentag passt, erklärt Sophie Werkmeister.
taz: Frau Werkmeister, wer war diese heilige Elisabeth, der Franz Liszt in den 1860er Jahren ein Oratorium gewidmet hat?
Sophie Werkmeister: Sie war die Tochter eines ungarischen Königspaares und wurde aus machtpolitischen Gründen nach Thüringen verheiratet. Mit vier Jahren kam sie in ein ihr ganz fremdes Haus und mit 14 Jahren heiratete sie den ihr zugedachten Ludwig. Als sie mit nur 24 Jahren völlig entkräftet starb, da war sie bereits verwitwet und hatte drei Kinder geboren. Die Biografie der Elisabeth lässt einen aufhorchen und genauer hinsehen. Es findet sich viel Legendenbildung um sie und es ist nicht so leicht vorzudringen bis zur historischen Figur.
taz: Vermutlich auch, weil seitens der Kirche die Stiftung eines Narrativs relativ zügig losging nach ihrem Tod, also die Heiligsprechung. Das Wort von allerlei Wundern machte schon zu ihren Lebzeiten die Runde.
Werkmeister: Es gab ihren geistlichen Fürsprecher, Konrad von Marburg, der sie unter seine Fittiche genommen hat – und sie radikalisierte. So sehr, dass sie sich im Weiteren von ihrer Familie und ihren gesellschaftlichen Pflichten vollständig löste und sich nur noch ihrer geistlichen Aufgabe verpflichtet sah. Nachahmenswert waren für die kirchlichen Würdenträger in erster Linie ihre Selbstaufopferung. Diese Form der Mildtätigkeit bis zur Selbstaufgabe war extrem – aber aus heutiger Sicht natürlich auch mutig.
taz: Wie präsent war der Stoff zu der Zeit, als Liszt sich damit beschäftigt hat, also rund 600 Jahre später?
Werkmeister: Die heilige Elisabeth war im 19. Jahrhundert außerordentlich populär. Die 800-Jahr-Feier der Wartburg bot Anlass, sich intensiv mit ihr als Bewohnerin der Burg zu beschäftigen. Und Liszt hat sich intensiv beschäftigt mit ihr und dem zum Wartburgjubiläum entstehenden Freskenzyklus, der Elisabeths Leben in Bildern erzählt. An diesen Stationen entlang hat er die Musik ausgerichtet, die so ganz anders ist als seine Klaviermusik.
taz: Aufgeführt wird das Oratorium nun aus Anlass des Weltfrauentags. Wie gut passt das zusammen? Ist Elisabeth eine starke Frauenfigur?
Werkmeister: Ich mag das Wort starke Frauenfigur nicht, aber sie war in jedem Fall eine ganz Besondere! Eine Frau, die zwar als Kind verkauft wurde, später aber zielstrebig gegen die Widerstände der Ständegesellschaft dem Reichtum entsagte und so die bestehenden Verhältnisse auf den Kopf und infrage stellte. Ich glaube, an der heiligen Elisabeth lässt sich ganz viel zeigen, was wir auch heute nicht aus dem Blick verlieren dürfen: dass Hingabe und Nächstenliebe erst mal etwas Gutes und Nachahmenswertes sind, weil wir Menschen sind, aber in der Radikalität extrem werden können.
taz: Man muss diesen Stoff aber kontextualisieren.
Werkmeister: Wir hatten im Ensemble heftige Diskussionen zur Aufführung. Man kann die Haltung haben: Wir führen bestimmte Werke gar nicht mehr auf. Aber damit vergibt man eine riesige Chance, im weitesten Sinne aus Geschichte zu lernen, abgesehen davon, dass es großartige Musik ist. Und es ist ja gerade interessant zu fragen, was uns heute daran beschäftigt. Ich sehe unsere Aufgabe als CPE.Bach.Akademie auch darin, uns solchen Fragen zu stellen und sie in einen Kontext zu setzen. Es ist mir als Intendantin wichtig, mit den Beteiligten darüber zu reden, was wir singen – und warum.
„Franz Liszt: Die Legende von der heiligen Elisabeth“: So, 8. 3., 20 Uhr (Einführung 19 Uhr), Hamburg, Elbphilharmonie
taz: Warum?
Werkmeister: Weil ich glaube, dass es die Musik qualitativ tausendmal besser macht, wenn man nicht nur Noten singt, weil sie schön sind, sondern weiß, was man da singt. Sodass man mit einem anderen Background auf die Bühne geht und dann eine wirkliche Aussage treffen kann.
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