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Musik zu Gottes Ehre„Die Kirchenmusik ist doch etwas ganz Besonderes“

Pascal Kaufmann ist Kantor in Augustusburg. Mit dem Musiksommer stemmt er in der sächsischen Stadt ein Festival. Er weiß: Musizieren braucht Freiheit.

Interview von

Leonore Kogler

taz: Herr Kaufmann, Sie sind Kantor in der Kirche in Augustusburg. Was macht man eigentlich als Kantor?

Pascal Kaufmann: Den Begriff Kantor nutze ich selbst gar nicht so häufig, weil er eigentlich nur einen Teil des Berufes abbildet. Kantor kommt vom lateinischen Wort cantare für singen. Aber dieser musikalische Aspekt ist eben nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Außerdem stellen sich viele unter „Kantor“ eher einen älteren strengen Herrn mit dicker Hornbrille vor.

Im Interview: Pascal Kaufmann

Der Mensch

Pascal Kaufmann, Jahrgang 1993, ist Kirchenmusiker in der Kirche St. Petri im sächsischen Augustusburg. Aufgewachsen ist er in Lichtenstein bei Chemnitz, wo er gemeinsam mit seinem Bruder Markus Kaufmann den ersten Klavierunterricht bekam. In Dresden hat er Kirchenmusik studiert.

Das Festival

Im Sommer 2019 initiierte Pascal Kaufmann den 1. Augustusburger Musiksommer. Die diesjährige Ausgabe des Festivals, bei dem er die organisatorische wie auch künstlerische Leitung innehat, dauert noch bis 26. Juli.

taz: Ich denke da auch an Johann Sebastian Bach, der ja lange Kantor in der Thomaskirche in Leipzig war. Vielleicht der bekannteste Kantor überhaupt.

Kaufmann: Ja, das ist ein gutes Beispiel. Aber ich sage lieber einfach „Kirchenmusiker“. Das umfasst auch das ganze Spektrum als Organist in Gottesdiensten und bei Hochzeiten, Trauerfeiern, beim Einsegnen. Meine Aufgabe ist es hier erst mal, mit Fingerspitzengefühl zu jedem Anlass die passende Musik auszuwählen. Und dann gibt es natürlich die Probenarbeit mit Ensembles. In unserem Ort umfasst das einen Jugendchor, die große Kantorei und einen Posaunenchor. Klar gibt es dann auch noch administrative Aufgaben, Organisation sowie die Pflege aller großen Instrumente. Die künstlerische Leitung des großen Musiksommers, den wir 2019 ins Leben gerufen haben, ist eine Besonderheit der Kirchenmusikstelle hier in Augustusburg.

taz: Wie sind Sie denn in Augustusburg gelandet? Vorher haben Sie in Dresden gearbeitet. Wieso hat es sie in diese kleine Stadt im Erzgebirge gezogen?

Kaufmann: Zu Augustusburg habe ich schon immer einen emotionalen Bezug. Früher war ich mit meinen Großeltern in den umliegenden Wäldern zum Pilzesuchen oder wir waren auf der Sommerrodelbahn. Als ich mich vor acht Jahren auf die Stelle als Kirchenmusiker beworben habe, war ich der einzige Bewerber. Es war nur eine kleine Stelle und ich habe sie als Ergänzung zu meiner Stelle als Assistenzorganist an der Dresdner Frauenkirche übernommen. Irgendwann habe ich mir aber gedacht: „Du machst lieber eins und das richtig.“ Inzwischen ist diese Stelle etwas aufgewertet worden und ich unterrichte auch einmal in der Woche am Gymnasium in Augustusburg das Fach Musik.

taz: Es klingt, als wären Sie in der Stadt verwurzelt.

Kaufmann: Ja, das sind natürlich große Synergieeffekte, wenn man als Kirchenmusiker am Ort arbeitet, eine große Konzertreihe organisiert und gleichzeitig noch die Gesichter der jungen Leute kennt, die auch in der Stadt unterwegs sind. Aber das musste sich auch erst mal entwickeln.

taz: Wie meinen Sie das?

Kaufmann: 2018 habe ich eine erste, noch viel kleinere Konzertreihe als Probelauf ins Leben gerufen. Ich weiß noch, dass beim ersten Konzert nur rund 30 Leute da waren. Damals war ich maßlos enttäuscht und habe mich gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe. Aber dann habe ich mich nicht abhalten lassen. Und das war im Nachhinein gut so! Man braucht ein bisschen Mut und Kontinuität, dann wird das bei den Menschen im Erzgebirge auch wertgeschätzt.

taz: Wie sind denn die Leute im Erzgebirge?

Kaufmann: Natürlich kann ich nicht für alle Menschen hier sprechen. Aber ich denke, dass man sich Vertrauen anfangs durchaus hart erarbeiten muss. Wenn man dann aber diese Schwelle gemeistert hat, sind die Menschen sehr herzlich.

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taz: Augustusburg ist eine wirklich kleine Stadt mit nicht einmal 5.000 Einwohnern. Hatten Sie es zu Anfang dort schwerer, weil Sie kein Augustusburger sind?

Kaufmann: Obwohl ich ja selbst am Fuße des Erzgebirges aufgewachsen bin, hat es etwas gedauert, hier Fuß zu fassen. Vielleicht kam es mir entgegen, dass ich nichts Bewährtes fortgeführt habe, sondern vieles neu aufbauen und gestalten konnte. Damit gab es für vieles nicht die Option: „Aber so haben wir es schon immer gemacht!“ Inzwischen haben wir einen großen ehrenamtlichen Kreis von 80 Helfern für unsere Veranstaltungen zum Musiksommer. Da backen Leute Waffeln, verkaufen Tickets, sammeln Spenden … Die Konzerte sind gut besucht, von Alt und Jung. Es gibt auch 150 Dauerkartenbesitzer, die sich fast jedes Konzert der Reihe anhören.

taz: Der Augustusburger Musiksommer hat sich in den letzten Jahren zu einer festen Größe in der Region entwickelt. Was ist das Erfolgsrezept?

Kaufmann: Ich denke, das Erfolgsrezept hat mehrere Zutaten. Natürlich braucht man zuerst Geschick, sein potenzielles Publikum richtig einzuschätzen. Dann braucht man eine raffinierte Programmgestaltung mit einem roten Faden. Vor großen Bravourstücken positioniert man gern einen Ruhepol. Jeder Konzertgast hat zu jedem Zeitpunkt im Konzert Erwartungen – bewusst wie unbewusst. In der Dramaturgie spielt man mit diesen Erwartungen – man bestätigt, man bricht, man überrascht.

taz: Was führen Sie denn zum Musiksommer auf?

Kaufmann: Für die Konzertreihe habe ich mich bewusst für die Instrumentalmusik entschieden, mit einem Fokus auf die Romantik von Chopin bis Tschaikowski. Ich mag auch Chormusik total gerne, aber diese Konzertreihe soll die große Vielfalt an Klaviermusik, Kammermusik und Orchestermusik präsentieren. Deswegen habe ich auch das Steigerlied für unser Orchester, die Junge Philharmonie Augustusburg, neu vertont. Das originale Steigerlied kann schon fast als sächsische Hymne bezeichnet werden und hat im Erzgebirge eine unglaubliche Verbreitung. In der Vertonung beginnt die Musik sanft und demütig, steigert sich, bis schließlich die Melodie als Hymne erklingt. Ich durfte erleben, dass im Konzert 800 Gäste in der Kirche aufgestanden und ihnen Tränen über die Wangen gelaufen sind. Das war schon fast surreal.

taz: Das hört sich nach einem sehr verbindenden Erlebnis an. Schaffen Ihre Musikprojekte Verbundenheit?

Kaufmann: Ja, schon! Gerade Heimatverbundenheit ist auch nichts Schlechtes. Dass man einen Bezug zu seiner Herkunft aufrechterhält, ist etwas sehr Schönes. Die Frage ist, in welchem Moment das Ganze ins Ungesunde umschlägt. Und das ist in dem Moment der Fall, in dem andere Menschen ausgegrenzt werden.

taz: Wie sind Sie zur Musik und zu Ihrem Instrument, der Orgel, gekommen?

Kaufmann: Wir, also mein Bruder und ich, hatten einen untypischen Weg zur klassischen Musik. Unsere Eltern hatten nichts direkt mit Musik zu tun. Irgendwann war in der Wohnung über uns ein altes Klavier übrig, das wir in unsere Wohnung gestellt haben. Mein Bruder und ich haben dann beide Klavierunterricht bekommen und hatten großes Glück mit unserem Lehrer. Er hat uns unsere Stücke immer selber aussuchen lassen. Das, was wir ausgesucht haben, war oft viel zu schwer, aber das hat uns dann auch motiviert. Er war auch Organist, und über ihn haben wir Zugang zu den Instrumenten in den Dörfern im Umland bekommen. Irgendwann durften wir auch die große Orgel bei uns im Ort spielen. Das war die Erfüllung eines großen Traums.

taz: Warum machen Sie Musik, was begeistert Sie daran?

Kaufmann: Der Hauptgrund ist einfach, dass ich Menschen etwas Gutes tun will. Und mit der Orgel in der Kirche kann man nicht nur Begeisterung stiften, man kann zum Beispiel auch Trost spenden. Und die zweite Motivation, für mich als Kirchenmusiker, ist natürlich das „Soli Deo gloria“, Gott allein sei die Ehre. Kirchenmusik mache ich also auch zur Ehre Gottes. Das hat Bach übrigens unter seine Kompositionen geschrieben. Und zum Dritten, das gebe ich gern auch zu, ist es auch die Begeisterung für die Virtuosität. Aber die Kirchenmusik ist dann doch etwas ganz Besonderes. Mir hätte es nicht gereicht, in einem Theater oder als Freiberufler Musik zu machen. Ich möchte meine Musik in den Dienst für etwas Größeres stellen.

taz: Meinen Sie damit auch die Stadt Augustusburg?

Kaufmann: Ja, vielleicht auch die Stadt. Augustusburg war früher der tagestouristische Hotspot Sachsens. Das war seit der Wende lange nicht mehr so. Und jetzt versuchen wir, diesem Ort wieder neues Leben einzuhauchen. Ich denke, er hat das verdient! Der Musiksommer wird auch nicht unerheblich durch die Stadt gefördert. Die Stadt erkennt das Potenzial des Projekts und man merkt auch an der Frequentierung der Cafés, der Parkplätze, der Hotels, dass auch andere davon profitieren können. Leider erhalten wir im Gegensatz zu anderen vergleichbaren großen Festivals keine institutionelle Förderung. Als Kirche sind wir da nicht antragsberechtigt.

taz: Würden Sie sich wünschen, dass das anders wäre?

Kaufmann: Es ist eigentlich nicht Sinn von Kultur, dass man eigenwirtschaftlich funktionieren muss. Kultur ist ein Gut, das sich eine Gesellschaft leisten können muss. Das hat Richard von Weizsäcker mal gesagt, der Altbundespräsident. Ich bin sehr dankbar für die Kulturförderung, gerade in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Mit jedem Euro müssen wir verantwortungsvoll umgehen. Und vielleicht sollten wir auch nicht nach „mehr“ rufen, sondern öfter fragen, wie wir die knapper werdenden Gelder so verteilen können, dass sie langfristig besser wirken.

taz: Da würden viele Kulturschaffende aber widersprechen.

Kaufmann: Ich finde es total wichtig, dass Kultur eine große Zugänglichkeit erfährt. Wir brauchen unbedingt kreativen Musikunterricht und Musikschulen. Wir brauchen gerade im ländlichen Raum Menschen, die andere Menschen anleiten, gemeinsam zu musizieren oder Kunst und Kultur zu genießen. Momentan nehme ich eher wahr, dass vor allem Hochkultur extrem stark subventioniert wird. Es wäre toll, wenn der Fokus stärker auf das gemeinsame Musizieren in der Kleinstadt oder auf dem Dorf gerichtet wird. Konkret: auf Musikschulen, Vereine, Kirchgemeinden.

taz: Sie sprechen gerade über kulturpolitische Maßnahmen. Die AfD, die in Sachsen hohe Umfragewerte erzielt, propagiert, dass es eine „patriotische Kulturpolitik“ brauche. Wie denken Sie darüber? Macht Ihnen das Angst?

Kaufmann: Erst einmal: Es macht Sinn, öfter und genauso intensiv über Kultur zu diskutieren wie über Sport und alle anderen Themen, die dieses Land bewegen. Die politische Agenda der AfD sehe ich als Mahnung und Ansporn, zukünftig noch deutlicher zu artikulieren, welchen Wert die Freiheit der Kultur hat. Ohne diese Freiheit gäbe es heute viele Meisterwerke nicht, die wir so schätzen und lieben.

taz: Halten Sie Ihren Job, Ihre Musik und Ihre Projekte für politisch?

Kaufmann: Musizieren ist für mich eine Einladung an jeden. Musizieren braucht Freiheit – auch Freiheit von politischen Richtungspfeilen. Ich glaube, dass es in diesen so erhitzten Zeiten Orte geben muss, wo die Politik mal draußen bleiben darf. Wo ich mich einfach den wunderbaren Klängen hingeben kann. So sollte es ja auch beim Sport sein – der Anruf von Donald Trump zur Überprüfung einer Roten Karte hinterlässt ja wohl bei jedem von uns Kopfschütteln!

taz: Diese Situation gerade bei der Fußballweltmeisterschaft mit der Einmischung Trumps war wirklich absurd, da gebe ich Ihnen Recht. Aber trotzdem hängen Sport und Kultur doch immer mit politischen Entscheidungen zusammen, oder?

Kaufmann: Ja und nein – die Politik gibt natürlich die Mittelverteilung vor und kann damit Vorhaben fördern oder eben auch verhindern. Aber die Motivation und die Kreativität: Das lassen sich die Kulturschaffenden niemals nehmen, zu keinem Zeitpunkt. Kultur und Musik finden immer ihren Weg, es kommt nur auf den richtigen Impuls und starke Taktgeber an.

taz: Sie haben den Orgelneubau schon angesprochen. Neben dem Musiksommer ist das Ihr anderes großes Projekt in Augustusburg, oder?

Kaufmann: Genau. Die Idee dazu ist 2020 geboren. Und nach einem sehr langen Weg durch Genehmigungen und Finanzierungen bauen wir aktuell tatsächlich neue Orgeln in der Augustusburger Stadtkirche. Wir bauen sie so, dass Orgelpfeifen in der ganzen Kirche verteilt sein werden: hinterm Altar, auf der Empore, an den Seitenwänden. So sitzt man in der Kirche und hat ein 360-Grad-Klangerlebnis. Vor acht Jahren, als ich in Augustusburg angefangen habe, hätte ich mir nicht in meinen kühnsten Träumen erträumt, dass wir so etwas realisieren können. Das passiert einem Organisten meistens so im 65. Lebensjahr, nach dreißig Jahren Querelen, Frust und nicht genehmigten Fördermittelanträgen. So gesehen sind sechs Jahre vielleicht gar nicht so lang. Ende September können wir dieses europaweit einzigartige Vorhaben einweihen.

taz: Was ist das Besondere an einer Orgel?

Kaufmann: Wenn man Orgel spielt, kann man mit seinen eigenen Möglichkeiten den ganzen großen Raum einer Kirche füllen. Was gibt es Schöneres? Ich spiele auch mit meinem Bruder ganz verschiedene Werke auf der Orgel. Da ist natürlich die Orgelmusik von Bach, wenngleich ich dazusagen muss, dass das nicht mein Hauptfokus ist. Ich übertrage gerne Orchesterwerke auf die Orgel, die ich dann mit meinem Bruder vierhändig und vierfüßig spiele. Orchestermusik ist viel vielseitiger angelegt. Da gibt es verschiedene Stimmen, verschiedene Varianten, die gleiche Stimme unterschiedlich zu artikulieren und so weiter. Wenn ich das dann für Orgel umschreibe, ist das Ergebnis sehr vielseitig und das gefällt uns.

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