Mundart-Punk von Ziller: Zum Glik muass i huit nina hi
Der Punkliedermacher Ziller prokrastiniert mit Mundart seine alte Heimat im Allgäu. Versteht man die Musik jenseits des Weißwurst-Äquators?
Es gibt diesen Moment, wenn man langer Zeit in der Fremde ins alte Zuhause zurückkehrt und merkt, wie der Dialekt sich von selbst einschaltet. Matthias Ziller kennt diese Begebenheit gut. Dass man ihn in Rezensionen über seine Punk-Band Akne Kid Joe gelegentlich als Vertreter des „typisch fränkischen rollenden Rs“ beschreibt, findet er leicht amüsant. Sein R rollt zwar tatsächlich, aber es kommt nicht aus Franken. Es kommt aus dem Allgäu, ganz im Süden Bayerns, hunderte Kilometer entfernt von Nürnberg.
Ziller ist seit Langem in Nürnberg verwurzelt, aber sein R sitzt anders tief. Wenn er mit seinen Eltern telefoniert, klingt er plötzlich wieder nach dem Dorf in den Allgäuer Alpen, in dem er aufgewachsen ist. In Nürnberg, wo er seit dem Studium der sozialen Arbeit lebt, das Kneipenkollektiv Arsch & Friedrich mitbegründet hat und jetzt im soziokulturellem Zentrum Z-Bau arbeitet, sofern er nicht auf Tour ist, käme ihm das Oberallgäuerische kaum über die Lippen.
Mundartmusik hat ihn schon seit Kindertagen fasziniert. Zuerst der Singer-Songwriter Hubert von Goisern, als Teenager fand Ziller dann den rebellischen Liedermacher Hans Söllner gut, den er inzwischen wegen seines Wandels zum Rechten politisch mehr als fragwürdig findet. Schließlich hat Ziller ein Faible für das österreichische HipHop-Duo Attwenger, das Dialekt als lebendiges, experimentelles Medium einsetzt und nicht als Heimatfilm-Kulisse. Den letzten Anstoß gab ein Konzert dieser Kultband in Nürnberg. Danach war klar: Musik mit Mundartgesang, das will er selbst auch mal ausprobieren.
Überlieferter Namen des Bauernhofs
Unter dem Projektnamen „Ziller“ – dem Hausnamen seiner Familie, einem alten Allgäuer Brauch, wonach Familien unabhängig vom offiziellen Nachnamen einen überlieferten Hausnamen tragen, veröffentlicht er vor Kurzem sein Solodebüt. Es heißt „Oh Büe“. Beim Komponieren für das neue Akne-Kid-Joe-Album blieben Ideen übrig, die zum brachialen Sound der Band nicht passten. Zu leise, zu persönlich, zu anders. Nun hat er vier Songs veröffentlicht. Das Label Kidnap Music, Heimstatt von Akne Kid Joe, sagte: Machen wir.
Ziller: „Oh Büe“ (Kidnap Music/Bandcamp)
Kein Bergpanorama, kein Heimweh im Kitschgewand. Der Sound klingt handgemacht und glaubwürdig: Bass, Schlagzeug, Gitarre als Basis, dazu Bläser, Orgel, ein Akkordeon. „Oh Büe“ ist, als würde Jack Kerouac mit Gitarre in der Hand unterwegs sein, nicht auf dem Highway, sondern einen Bergpfad hinunter, mit einem Akkordeon im Gepäck und keinem Plan außer dem nächsten Vers. Selbst Zillers Spezl Murphy, der Mundartpoesie eigentlich scheiße findet, ist davon vollends überzeugt.
Der Titeltrack könnte ein Sommerhit werden: leicht, schwebend, gute Laune tätowiert, wie sein Schöpfer. „Weisch was, i hob scho viel zlang gnüa / I mecht kui Läscht, i mecht bloß a Rüeh“ – Weißt du was, ich hab schon viel zu lang genug. Ich möchte keine Last, ich möchte nur meine Ruhe. „Gschieder isch, i pack ming Zuig und gang furt vo doa“ – Besser ist, ich pack mein Zeug und geh.
Griabig und Glik
„Griabiga Dag“ ist eine Liebeserklärung an die absichtsvolle Prokrastination: „Zum Glik muass i huit nina hi / i blib uifach doa, doa wo i bi / dahuim üfm Kanepee / flak i n gonze Dag – des wird schi“ – Zum Glück muss ich heute nirgendwo hin, ich bleib einfach da, da wo ich bin. Daheim auf dem Sofa lieg ich den ganzen Tag, das wird schön. Wenn die Post kommt, macht er sie nicht auf. Wenn die Sonne rauskommt, geht er nicht raus. Wenn die Welt untergeht, kriegt er’s nicht mit. Zuhausebleiben als Haltung, nicht als Versagen.
„Schad eigendle“ erzählt von einer guten Runde im Schwimmbad, die einer ruiniert, mit der lapidaren Weisheit, dass immer irgendwer dabei ist, den man lieber nicht dabeihätte. „Uin Depp hosch halt allat drbie“ – Einen Depp hast du halt immer dabei. Der Bademeister greift am Ende persönlich ein. Schade eigentlich.
Und dann ist da „Du fälsch mir“. Trauer, die sich nicht in Lautstärke entlädt, sondern in Gesang voller Sehnsucht. „An minam Finschter hock i allat no / und wart umasis – du bisch numma doa“ – An meinem Fenster sitz ich immer noch und warte umsonst. Man kann beim Hören weinen. Man kann gegen die Wand schlagen. Der Sound trägt einen wie eine Hängematte, in der man das Gefühl hat, der geliebte Mensch liegt noch daneben. Unter Palmen. Das Meer rauscht. Die Eiswürfel klimpern im Cocktailglas. Und das Leben ist eine Zitronenscheibe auf dem Glasrand.
Ob man jedes Wort versteht, spielt dabei eine kleinere Rolle, als man denken würde. Sprache, die aus der Kindheit kommt, aus dem Dorf, aus einem Dialekt, den die Lehrkräfte einst für hinderlich hielten, trägt sich hier selbst. Man hört, dass jemand in seiner ureigenen Stimme singt.
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