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Müttersterblichkeit in Somaliland„Meine Klinik ist unter einem Baum“

In Somaliland hat Ifrah Yousuf schon viele Frauen sterben sehen. Die Hebamme arbeitet daran, das zu verändern.

„Dass die Gesellschaft und dass Männer Frauen sterben lassen, das muss aufhören“, sagt Ifrah Yousuf aus Somaliland Foto: privat

Als wir im Januar zum ersten Mal mit Ifrah Yousuf sprechen, wissen wir nur, dass sie Hebamme ist und in Somaliland lebt. „Ifrah muss unbedingt in dieses Netzwerk“, hatte die Abtreibungsaktivistin Ana Cristina González Vélez in Bogotà über ihre Freundin gesagt. „Ifrah ist unglaublich.“ Also kontaktieren wir sie und schilderten unser ambitioniertes Anliegen: Wir, eine Gruppe Journalistinnen aus Deutschland, wollten ein Netzwerk der Solidarität um die Welt spannen – und sie solle Teil davon sein.

„Viele schwangere Frauen auf dem Land erhalten weder eine Vor- noch eine Nachsorge“, erklärt Yousuf bei unserem ersten Telefonat. Somaliland habe eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt. Seit vier Jahren fahre sie zweimal wöchentlich raus aus der Hauptstadt Hargeisa, wo sie mit ihrer Familie wohnt. In den Dörfern setze sie sich neben ihr Auto und warte.

„Ich sage immer: Meine Klinik ist unter einem Baum“, erzählt Yousuf. Alle Mütter und Kinder, die zu ihr kommen, versucht die 41-Jährige zu behandeln – immer kostenlos. Eine medizinische Behandlung könnten sich diese Frauen aus dem ländlichen Somaliland sonst nicht leisten, sagt Yousuf. Das Land im nördlichen Winkel des Horns von Afrika hat hohe Armutsraten und eine niedrige Lebenserwartung.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Yousuf wird 1985 in unruhige Zeiten hineingeboren. Nach dem Ende der britisch-italienischen Kolonialherrschaft im Jahr 1960 wird Somalia autoritär regiert. Der damalige Diktator führt einen brutalen Krieg gegen die Bevölkerung im Norden. Viele Menschen flüchten in den Kriegswirren oder sterben, Yousuf und ihre Familie bleiben in Hargeisa. Als Somaliland 1991 einseitig seine Unabhängigkeit erklärt, ist sie sechs Jahre alt. Sie beendet die Schule und lässt sich zur Hebamme ausbilden. Eigentlich wollte sie Ärztin werden, wie viele in ihrer Familie, doch das war damals nicht möglich. „Also war Hebamme das Nächstbeste.“

Manchmal habe ich nur mein Wissen

Ifrah Yousuf

Ausgerechnet Minnesota

Nach dem Studium heiratet Yousuf, bekommt sechs Kinder, lässt sich scheiden. 15 Jahre arbeitet sie als Hebamme, als sie 2019 Harvard-Studierende trifft und diese sie auf neue Gedanken bringen. Aus Neugier bewirbt sie sich auf ein Stipendium für einen zweiwöchigen Harvard-Intensivkurs und wird angenommen. In Boston überzeugt ein Professor sie, weiterzustudieren, und so beginnt Yousuf 2020 mit einem Stipendium ein Masterstudium in Globaler Hebammenhilfe – wegen Corona erst online aus Hargeisa, dann vor Ort in Boston. Es folgt ein Leadership-Kurs an der Harvard Kennedy School, dort lernt sie auch Ana Cristina González Vélez kennen.

Für ihre Masterarbeit beschäftigt sich Yousuf tiefergehend mit Müttergesundheit in Somaliland. Sie beginnt die ehrenamtliche Arbeit, die sie bis heute weiterführt. Von Anfang ist das ein Kraftakt. Vieles fehlt – Medikamente, Ausrüstung, auch Benzin, um überhaupt auf die Dörfer zu fahren. „Manchmal habe ich nur mein Wissen“, sagt Yousuf. Aber die Verbindung, die sie dafür mit anderen Frauen habe, sei etwas wirklich Gutes.

„Wir müssen unbedingt eine Reportage über Ifrah Yousuf machen“, beschließen wir nach diesem Telefonat. In den nächsten Wochen wird alles in die Wege geleitet, Reporterin und Fotograf sind organisiert. Doch dann kommt es anders. Wegen eines Krankheitsfalls in ihrer Familie muss Yousuf in die USA reisen. Und so bleiben uns nur weitere Telefonate.

Das nächste Mal, als wir mit Yousuf sprechen, ist sie in Minnesota, USA. Ausgerechnet. Zu dieser Zeit Mitte Februar sind die brutalen Übergriffe des Immigration and Customs Enforcement (ICE) noch in vollem Gang. Während wir uns zu einem Telefonat über Solidarität verabreden, werden draußen Menschen aus ihren Autos gezogen, zwei werden erschossen. Doch auch auf den Straßen Minnesotas gibt es Solidarität: Menschen, die mit Trillerpfeifen an Straßenecken stehen und ihre Nach­ba­r:in­nen warnen.

Eine Weltkarte mit Stecknadeln, die ein Netzwerk markieren
Solidarisch vernetzt

Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.

„Das muss aufhören“

Yousuf wohnt bei ihrer Cousine. „Ich habe Angst rauszugehen, wenn ich nicht im Krankenhaus bin, bleibe ich zu Hause“, sagt sie am Telefon, sie klingt abgekämpft. Gegen Menschen wie Yousufs Cousine hetzt Donald Trump, bezeichnet somalische Mi­gran­t:in­nen als „Müll“.

Bei unserem dritten Telefonat sprechen wir wieder länger. Auch über das, was sich nicht so leicht erzählen lässt. Darüber, wie sie sich finanziert. Dreimal habe sie Spenden einer philanthropischen Organisation erhalten, doch richtig nachhaltig sei das nicht. Im Moment überlege sie, wie sie ihre Arbeit auf sichere Beine stellen kann. Auch die in Ostafrika vormals weitverbreitete weibliche Genitalverstümmelung kommt zur Sprache. Alle Frauen über 30 Jahren, die sie behandle, seien genital verstümmelt, sagt Yousuf. Ihre ansonsten ganz ruhige Stimme wird aufgebracht: „Das ist wie jemanden umbringen, sie schneiden alle Nerven weg, jegliches Gefühl.“ Die Situation werde langsam besser, statt wie früher 90 Prozent seien heute 30 bis 40 Prozent der Mädchen betroffen.

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In der Leitung wird es kurz still, im Hintergrund sind Stimmen zu hören. Schließlich reden wir noch darüber, was Yousuf antreibt. „Ich habe so viele Frauen sterben sehen, die sechs, acht Kinder zurücklassen. Ich will nicht, dass das so weitergeht.“ In ihrer Stimme ist Wut und Nachdruck. „Dass die Gesellschaft und dass Männer Frauen sterben lassen, das muss aufhören.“

Ende März will Ifrah Yousuf nach Somaliland zurückkehren.

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