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Müllproblematik in BerlinMüll macht mehr Müll

Müllmeldungen und illegale Ablagerungen nehmen zu. Der Senat reagiert mit höheren Bußgeldern und mehr Mitteln für die Stadtreinigung. Doch das reicht nicht aus.

Trotz höherer Strafen: Illegal entsorgter Müll in Kreuzberg Foto: Britta Pedersen/dpa
Lilly Schröder

Aus Berlin

Lilly Schröder

Es regnet Ketchup, Döner und Pommes. Plastiktüten- und Dönerfleischtornados versperren Pas­san­t*in­nen den Weg, Fluten von Plastikflaschen schwemmen den U-Bahnhof und überrollen ihn, wie eine Lawine. Auf dem Bahnsteig wischen Mit­ar­bei­te­r*in­nen der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) in orangefarbenen Westen den Müll weg, bis er blitzeblank ist. „Müll ist keine Naturgewalt“, prangt es in einem Werbevideo der BVG zur Sauberkeitskampagne.

Doch so fühlt es sich für Ber­li­ne­r*in­nen manchmal an. Die Stadt verwahrlost immer mehr, so ein gängiges Narrativ. Wie viel Gefühl steckt darin, wie viel Realität? Die subjektive Wahrnehmung hat zuletzt eine Online-Bürgerbefragung der Berliner Senatskanzlei ermittelt. Die Ergebnisse werden in Kürze erwartet. Die Zahlen sprechen indes für sich: Seit 2019 sind die online übermittelten Müllmeldezahlen beim Ordnungsamt deutlich gestiegen.

Waren es 2019 noch rund 93.000, lag die Meldezahl 2024 bei etwa 170.000. Auch die Mengen illegaler Ablagerungen haben von 2020 bis 2024 enorm zugenommen. In den Bezirken Neukölln und Mitte sind sie am höchsten, dicht gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg. Ob die Zunahme auf einen höheren Bekanntheitsgrad der App oder eine Zunahme von Müll zurückzuführen ist, ist unklar. Eine Zunahme gibt es auch bei den Abfallmengen im öffentlichen Raum. Waren es 2020 noch etwa 40.000 Kubikmeter, waren es 2024 54.000. Die Kosten der BSR dafür verdoppelten sich zwischen 2020 und 2024 von 5 auf 10 Millionen Euro.

Soziologisch lässt sich das Phänomen der zunehmenden Vermüllung mit der „Broken-Windows-Theorie“ erklären. „Wenn ich viel Müll sehe, inferiere ich eine geringe Sanktionswahrscheinlichkeit und werfe eher selbst Müll dazu als in einer sauberen Umgebung“, erklärt Marc Keuschnigg. Er ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig und forscht zu sozialen Normen, sozialer Ungleichheit und kulturellen Dynamiken. Die Folgen sind gut belegt: „Man fühlt sich im Viertel weniger gut aufgehoben und hat weniger Vertrauen in Mitmenschen“, sagt Keuschnigg. Dieses Gefühl hinterlasse – oft unbewusst – psychische Spuren.

Müll ist Wahlkampfthema

Die politische Bedeutung des Themas ist längst erkannt. Die Linke stellte beim Bundestags-Haustürwahlkampf fest, dass Müll eines der Kernthemen ist, das die Ber­li­ne­r*in­nen umtreibt. Auch die Konservativen gingen mit dem Thema Sauberkeit bei der letzten Abgeordnetenhauswahl auf Stimmenfang und konnten punkten.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sagte im Sommer: „Für mich ist klar: Berlin muss sauberer, ordentlicher und lebenswerter werden.“ Der Senat hat sich dem Thema seit 2018 verschrieben. Mit der Gesamtstrategie „Saubere Stadt“ wurden gemeinsam mit den Bezirken, der BSR und zahlreichen Trägern verschiedene Maßnahmen initiiert, um die Stadtsauberkeit zu verbessern. Dazu gehören: die BVG-Reinigungsstreife, die Kieztage der BSR für Sperrmüll sowie ein verschärfter „Bußgeldkatalog für Ordnungswidrigkeiten im Bereich des Umweltschutzes“, der seit November 2025 gilt.

Wer etwa seine Zigarette auf den Boden fallen lässt, muss nun 250 Euro bezahlen. Der bisherige Katalog aus dem Jahr 2019 sah dafür eine Strafe von 80 bis 120 Euro vor. Die illegale Entsorgung von Sperrmüll kostet statt 150 Euro nun mindestens 1.000 Euro, bei größeren Mengen sogar bis zu 10.000 Euro. Die Senatsverwaltung für Umwelt weist zudem darauf hin, dass auch „Zu verschenken“-Kisten eine „bußgeldbewährte Ordnungswidrigkeit“ darstellen.

CDU und SPD erhoffen sich von den höheren Bußgeldern zumindest einen Anreiz, Straftaten zur persönlichen Bereicherung zu mindern. Zugleich könnte man mit den Einnahmen Maßnahmen zur Überwachung bekannter Müllablagestellen finanzieren, etwa mithilfe von Kameras, so das Argument.

Etat für die Stadtreinigung wächst

Grüne und Linke hingegen sind skeptisch, ob höhere Bußgelder allein für mehr Sauberkeit sorgen. Entscheidend sei vielmehr der Kontrolldruck, betonen auch die Bezirke – und damit die personelle Ausstattung der zuständigen Ordnungsämter. Die umweltpolitische Sprecherin der Linken im Abgeordnetenhaus, Franziska Leschewitz, fordert deshalb eine Evaluation der Maßnahmen. Zielführend sei aus ihrer Sicht eine Kombination aus Ansprache, Einsicht und gegebenenfalls angemessenen Bußgeldern.

Während der Senat in nahezu jedem Bereich kürzt, wurde der Etat für die Stadtreinigung im aktuellen Doppelhaushalt sogar aufgestockt: Nach 152 Millionen Euro im Jahr 2025, erhält die BSR 2026 knapp 173 Millionen und 2027 rund 179 Millionen Euro. Im Sommer startete die Stadt zudem eine neue Sauberkeitskampagne unter dem Motto „Sauber geht nur gemeinsam“. Die Kampagne soll das Bewusstsein dafür schärfen, dass ein sauberes Berlin eine Gemeinschaftsaufgabe ist – „und zwar nicht nur von BSR, Ordnungsbehörden und Politik, sondern auch von allen Berlinerinnen und Berlinern“.

Überall in der Stadt treten ehrenamtliche Aufräum-Initiativen dem Müllproblem entgegen

Überall in der Stadt treten ehrenamtliche Aufräum-Initiativen dem Müllproblem entgegen: „Sauberer Kiez Spandau“, „Kehrenbürger“, „Wir räumen Westend auf!“, „Moabiter Waldstraßen-Initiative“ oder „Mitte macht sauber“. Die Hoffnung: Wenn Bür­ge­r*in­nen beobachten, wie andere Müll aufheben oder ordnungsgemäß recyceln, neigen sie eher dazu, es ihnen gleichzutun.

Nicht nur beim Müll, auch beim Streusplitt ist Eigeninitiative gefragt. Der Leiter der BSR-Straßenreinigung rief An­lie­ge­r*in­nen und Haus­ei­gen­tü­me­r*in­nen Ende Februar zur Unterstützung auf. Seit Ende Januar wurden über Bezirkshöfe rund 575 Tonnen Splitt ausgegeben – 485 Tonnen davon an die Bezirke. Doch selbst mit zusätzlicher Hilfe wird die Reinigung der Gehwege voraussichtlich bis Mitte April dauern, so die BSR.

Langfristige Lösungen gefordert

Leschewitz begrüßt bürgerschaftliches Engagement. Jede Aktion zeige dem schwarz-roten Senat auf, dass so nicht weitergemacht werden könne – „Das wollen Wegner & Co nur nicht sehen“, so die umweltpolitische Sprecherin. Das Müllproblem sei eine Aufgabe, die Berlin nicht nur während des Wahlkampfs beschäftigen sollte. „Es braucht langfristige Lösungen, dass Berlin lebenswert bleibt und an einigen Stellen wieder lebenswerter wird“, so Leschewitz. Dazu gehöre: eine Stärkung der BSR, die Ausweitung und finanzielle Stärkung der Park- und Kiezläufer-Programme, der Reparaturbonus sowie eine bessere finanzielle Ausstattung der Bezirke, um Müllprävention und Sauberkeit vor Ort nachhaltig zu verbessern.

„Müll ist auch eine soziale Frage“, sagt die Linken-Politikerin. Mit 14 Recyclinghöfen der BSR in 12 Bezirken sei die Dichte „alles andere als hoch“. Das entspreche ungefähr einem Recyclinghof pro 250.000 Einwohner. Zum Vergleich: München hat 12 Wertstoffhöfe bei gerade einmal 1,6 Millionen Einwohnern – also ein Wertstoffhof pro 130.000 Einwohner. Leschewitz kritisiert zudem: „Wer sich kein Auto oder einen Führerschein leisten kann oder es körperlich nicht mehr schafft, hat kaum eine Möglichkeit, seine alten Möbel oder kaputte Elektrogeräte loszuwerden. Gleichzeitig ist der Abholservice der BSR nicht bezahlbar oder kommt erst Wochen später, als er gebraucht wird.“ Sie fordert: „Seinen Müll loszuwerden, muss einfacher und Abholungen im Zweifel günstiger werden.“

Der Umgang mit Müll zeigt auch, wo der Senat Prioritäten setzt: Je nachdem, wie stark Straßen frequentiert werden und wie hoch das Verschmutzungsrisiko durch Verkehr, Geschäfte und Fuß­gän­ge­r*in­nen ist, werden die Einsätze der BSR unterschiedlich häufig angesetzt. Die Reinigungsintervalle legt die Senatsverwaltung fest.

Für Linken-Landeschefin Kerstin Wolter steht fest: Der Tourismus belastet Berlin mit zusätzlichem Müll, während die Einheimischen darunter leiden. Leschewitz ergänzt: „Während bekannte Einkaufsstraßen und prestigeträchtige Orte wie die Kantstraße, Unter den Linden und am Alexanderplatz mehrfach täglich durch die BSR gereinigt werden, sind es insbesondere ärmere Großwohnsiedlungen wie in Charlottenburg-Nord, im Falkenhagener Feld oder Neukölln, die deutlich seltener gereinigt werden, als es wünschenswert wäre.“

Ob diese Prioritätensetzung der Senatsverwaltung richtig ist, stellt sie infrage. Ihr Vorschlag: Berlin könnte die City Tax, etwa die Übernachtungs- oder Touristensteuer, anheben, ähnlich wie in Paris oder Amsterdam. Denn: „Wir wollen eine Stadt, die sich an den Menschen orientiert, die hier wohnen.“

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