Morbide Bezahl-App in China: Lebst du noch?
Eine App gibt Auskunft, ob eine Person noch am Leben oder verstorben ist. Es geht nicht nur um Ältere, sondern auch um isolierte junge Menschen.
Chinas derzeit beliebteste Bezahl-App klingt wie ein morbider Scherz. „Bist du tot?“, fragen sich die rasant wachsende Anzahl an Nutzern der Onlineplattform „Sile ma“. Das Prinzip ist simpel: Man muss täglich einen virtuellen Knopf drücken, der belegt, noch am Leben zu sein. Wenn der User die Deadline zweimal in Folge verpasst, wird eine automatische Nachricht an einen selbst ausgesuchten Notfallkontakt geschickt.
Der Internettrend spiegelt einen ernsten gesellschaftlichen Wandel wider. Die chinesische Gesellschaft altert nicht nur rasant, sondern vereinzelt auch zunehmend. Die Zahlen des nationalen Statistikamts sind eindeutig: Seit mehreren Jahren schrumpft die Bevölkerung Chinas. Und ein Fünftel aller Chinesen lebt momentan in Singlehaushalten, Tendenz steigend.
In ostasiatischen Staaten gibt es längst das Phänomen der „einsamen Toten“, in Japan etwa werden sie „Kodukushi“ genannt. Betroffen sind überproportional ältere Männer, die – nach jahrelangen Depressionen und Alkoholismus – still und heimlich sterben. Ihre Leichen werden oftmals erst Wochen, manchmal Monate später aufgefunden. Nicht selten findet sich kein Angehöriger, der sich um eine Bestattung kümmert.
Doch die chinesische App „Bist du tot?“ richtet sich in erster Linie vor allem an Millennials in prekären Lebensverhältnissen. Diejenigen also, die unter psychischen Ausnahmezuständen leiden, sich nach Jahren vergeblicher Arbeitsplatzsuche aus dem Sozialleben zurückgezogen haben oder in anonymen Kapselwohnungen hausen. „Allein, aber nicht einsam“, heißt es in der Beschreibung der App-Entwickler, „dein Sicherheitsbegleiter.“
Einen Nerv getroffen
Der provokante Titel der App hat ganz offensichtlich einen Nerv bei der chinesischen Jugend getroffen. Mit Ironie und jeder Menge dunklem Humor debattieren die User ihre zunehmend isolierte Lebenssituation. „Meine Eltern sagen mir: Wenn du nicht heiratest, wird es vielleicht niemanden geben, der überhaupt merkt, wenn du stirbst“, kommentiert etwa eine junge Chinesin auf der Onlineplattform Douyin. „Ich habe ihnen entgegnet: Dafür habe ich jetzt diese App heruntergeladen.“
Die chinesische Jugend leidet seit einigen Jahren unter einer rekordhohen Arbeitslosigkeit – und träumt davon, sich aus dem gesellschaftlichen Hamsterrad zurückzuziehen. „Tang Ping“ (zu Deutsch: „flach liegen“) bringt den Zeitgeist der Gen Z auf den Punkt. Das während der Coronapandemie populär gewordene Schlagwort bezeichnet das genaue Gegenteil dessen, was die Parteiführung von ihrem Nachwuchs fordert: den Gürtel enger schnallen und sich für das Wohl der Nation aufopfern.
Offen bleibt, ob „Bist du tot?“ in den kommenden Wochen der chinesischen Internetzensur zum Opfer fällt. Denn natürlich wirft die App kein gutes Licht auf den Ist-Zustand der chinesischen Gesellschaft.
Hu Xijin, Ex-Chefredakteur der Parteizeitung Global Times und nach wie vor der einflussreichste politische Kommentator des Landes, hat vorgeschlagen, dass die Entwickler den Namen der App ändern sollten – von „Bist du tot?“ zu „Bist du am Leben?“.
Bisher ist wenig bekannt über die kreativen Köpfe hinter der Software, deren Registrierung ungefähr einen Euro kostet. Es handelt sich laut lokalen Berichten um drei Chinesen in den Zwanzigern, die in der Stadt Zhengzhou leben.
Die Entwicklung der App soll nur rund 1.000 Renminbi gekostet haben, was weniger als 150 Euro entspricht. Seither ist ihr Wert um ein Vielfaches gestiegen: So planen die Entwickler, 10 Prozent der App für eine Million Renminbi zu verkaufen (etwa 150.000 Euro).
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