Mojo-Gründer Leif Nüske über Clubkultur

„Ein ganz eigenes Soziotop“

Leif Nüske gründete 1989 den Hamburger Mojo Club. Ein Gespräch über Jazz, Bierpreise und Clubs als Wohnzimmer.

Leif Nüske steht vor einer Wand mit Postern

Übernahm lieber die Organisation, als selbst Musik zu machen: Leif Nüske Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Nüske, „Mojo Club“ – ein Name, der in den 1990er- Jahren als Synonym für einen tanzbaren Genremix von Soul, Brasil und Jazz bis hin zu Funk und Disco galt. Den nannte man „Dancefloor Jazz“. Wie kamen Sie auf diese Namen?

Leif Nüske: Der Name „Mojo“ war sofort da – eine Sache von zehn Minuten. Ich habe mich mit meinem Kompagnon hingesetzt und überlegt. Da fiel uns der Songtitel „Got My Mojo Workin'“ ein. Wir wollten etwas Simples, schnell Begreifbares. Genauso wie „Dancefloor Jazz“ – der Begriff kam nicht aus England. Unsere erste Veranstaltung hieß „Mojo Club presents Dancefloor Jazz for Cool Cats“.

Begann Ihre Musikbegeisterung als Teenager mit Erfahrungen in eigenen Bands?

Ich war komplett unmusikalisch, als Einziger in meinem Freundeskreis. Meine Eltern haben erfolglos versucht, mich im Gitarrenunterricht unterzubringen. Und dann spielten plötzlich alle um mich herum in Bands. Um irgendwie mitmachen zu können, habe ich die Organisation übernommen. Das war der Anfang von allem.

Waren Sie denn Jazz-begeistert, als Sie dann eine kleine Plattenfirma gründeten?

Wir haben 20 Platten auf eigenem Label veröffentlicht. Mod und Garage, später dann Soul. Dadurch entstand der Wunsch, tiefer in den Jazz einzutauchen. Jazz zum Feiern, nicht zum Zuhören! Tanz-Soul-Allnighter! Das kannte man nur in England. Dort baute der DJ Eddie Piller gerade sein legendäres Acid-Jazz-Label auf. Von dem bekam ich eines Tages ein ganzes Paket voller Platten. Eher simple House-Tracks, über denen jemand ein Saxophon-Solo dudelte. Aber das funktionierte in England.

geboren 1964 in Hamburg, eröffnete 1989 zusammen mit Oliver Korthals den Mojo Club an der Hamburger Reeperbahn. Der Club wurde schnell europaweit bekannt für die Auftritte gefragter DJs und Livebands. 2003 schloss er, zehn Jahre später eröffnete der Club im Untergeschoss des Neubaus Tanzende Türme an selber Stelle wieder.

Wie funktionierte es in Deutschland?

Damals fing man in der Szene an, Räume zweckzuentfremden und als Club zu nutzen. Wir brauchten 2.000 Mark für die erste Auflage unserer ersten Single auf dem Label. Also veranstalteten wir unseren ersten Soul Allnighter. Das war der Gründungsmoment für den Mojo Club: zwei Abende in einem Kachelraum unter dem Holthusen-Schwimmbad in Eppendorf, mit katastrophaler Akustik. Junge Typen, die DJ-mäßig Jazzplatten auflegten – das wirkte damals, 1983, ziemlich skurril. Aber es war von Anfang an gut besucht.

Wann trafen Sie Ihren Kompagnon Oliver Korthals?

Das war 1988, beim Auflegen im Club Kir. Er war von Anfang die treibende Kraft, was das Kreative und Inhaltliche des Mojo Clubs anging. Wir wollten nicht nur alte Sachen ausgraben, sondern wild mischen. Auch im Hip-Hop entdeckte man gerade Jazz. Wir haben dann erste Veranstaltungen gemacht und im Oktober 1991 den eigentlichen Mojo Club eröffnet.

Der berüchtigte Betonklotz an der Reeperbahn Nummer eins.

Genau. Die korrekte Adresse war Zirkusweg 20. Klang natürlich nicht so gut. Aber gegenüber war die Reeperbahn 3–5. Die „1“ gab es nicht, also haben wir sie uns einfach selbst verpasst. Unten war ein Musikgeschäft, oben die Bowlingbahn, nebenan ein China-Restaurant und dahinter eine Mercedes-Filiale. Bei Mercedes haben wir regelmäßig Alarm ausgelöst, weil die Fensterscheiben zu wackeln anfingen.

Große Namen waren regelmäßig zu Gast: Kruder und Dorfmeister, Moloko, Massive Attack.

Ich habe solche Konzerte nie als besonderen Moment abgespeichert – es war einfach der Normalzustand. Jeden Freitag und Samstag gab es lange Schlangen. Ein Club hatte eine ganz andere Funktion.

Nämlich?

Ein Club war eine Begegnungsstätte. Und er sagte etwas über das soziale Standing aus. Sag mir, wohin du gehst, und ich sage dir, wer du bist! Die Leute hatten das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn sie eine Woche einmal nicht kamen. Die Eintritts-Hemmschwelle war niedrig, Stammgäste kamen sowieso umsonst rein. Für viele war es ein Wohnzimmer, man brauchte sich nicht einmal verabreden. Das war ein ganz eigenes Soziotop.

Immer wieder gab es in den Neunzigern Schließungs-Gerüchte, wirklich abgerissen wurde das Gebäude dann erst 2009. Sie mussten lange um eine Akzeptanz als Kulturort kämpfen.

In den Nullerjahren entstand nur langsam das Bewusstsein, dass es so etwas wie eine Musikwirtschaft gibt. Bis dahin sprach man nur von „Medienwirtschaft“, bei Treffen saßen Verlagsmenschen mit den Bossen der großen Majorlabels zusammen. Das war völlig losgelöst von jeglicher Clubkultur. Hier die Clubs, da die großen Konzerne, das war kein Miteinander.

Schon vor der Wiedereröffnung im Jahr 2013 wurden Sie mit Vorschusslorbeeren überschüttet. „Die Popkultur kehrt auf den Kiez zurück“, lautete eine Überschrift.

Das habe ich gehasst. Die Erwartungen waren unmöglich zu erfüllen! Jeder hatte damals seine individuelle Erinnerung an den Club. Egal, was wir vorhatten, es konnte nicht funktionieren. Das war einer der Gründe, warum wir alles anders gemacht haben.

Nämlich?

Zum Beispiel ist unser Logo viel weniger präsent: das große „M“ prangt nur auf den Bodentoren, durch die man in den Club kommt. Ansonsten findet man es an nur an sehr wenigen Stellen. Es machte im alten Mojo Spaß und Sinn, diesem abgerockten Gebäude eine eigene Corporate Identity zu geben. Früher war alles mit dem Logo gebrandet. Hinter der Bühne, vor der Bühne, auf dem Rücken der Türsteher. Heute hat jede Imbissbude eine CI. Wenn man in unserer durchdesignten Welt mit einem kräftigen Designauftritt in ein neues Gebäude zieht, kann das wirken wie bei einer Kaffeehauskette. In einem Neubau muss man zurückhaltender sein.

Wurde das neue Konzept gut aufgenommen?

Beim Testbetrieb vor der Eröffnung war der einzige Kritikpunkt der 50 eingeladenen Freunde die mangelnde Beschilderung. Wir hatten also alles richtig gemacht. Das Mojo ist ja kein Flughafen. Die Leute sollen miteinander reden!

Nicht nur der Mojo-Look ist ein anderer …

Auch die musikalischen Vorlieben haben sich geändert. Das neue Mojo ist viel mehr durch Liveshows geprägt. Eine funktionierende Bühne war uns deshalb noch wichtiger als früher. Es gab vor der Eröffnung Kooperationspartner, die sahen den Club schon als Wodka-selige internationale Partylocation – das waren wir natürlich nie gewesen. Keine Ahnung, wo die das her hatten! Bei uns geht’s mit dem Bier durch die Nacht, die Musik genießend.

Auch der Musikkonsum hat sich verändert.

Heute organisieren sich die Leute ihre Freizeit anders. Obendrein gibt es nicht mehr das Hoheitswissen eines DJs. Musik ist immer und überall zugänglich via Streaming, damit ist die originäre Funktion eines Clubs aufgehoben. Geblieben ist der Genuss, die Musik laut hören zu können.

Heute müssen Sie sicher sorgfältiger wirtschaften als noch vor 30 Jahren, oder?

Wir haben eine gewisse Größe und dadurch wirtschaftlichen Druck. Würden wir den Club mit der jugendlichen Intoleranz, mit der wir damals vorgegangen sind, betreiben, würden wir wahrscheinlich für nicht einmal 200 Personen öffnen können. Damals gingen die Schlangen regelmäßig einmal um den Block – heute passiert so etwas nur, wenn besondere Events stattfinden.

Den Begriff „Dancefloor Jazz“ hört man kaum noch. 2019 treten im Mojo Club auch Rockbands und Singer/Songwriter auf.

Wir wollen immer Neues machen, wir schauen nicht zurück. Eigentlich ist es so: Im alten Mojo spielte die Hülle keine Rolle, der Inhalt umso mehr. Heute ist die Hülle spektakulär, der Inhalt hängt aber sehr stark vom jeweiligen Künstler ab. Wir haben noch immer eine Linie und erlauben uns auch, Künstler abzulehnen, die bei uns spielen wollen. Die Bandbreite ist allerdings viel größer geworden.

Die Zahl der Touristen in Hamburg wächst ständig. Ist es schwerer geworden, die angesichts der Musical- und Elbphilharmonie-Konkurrenz in den Club zu kriegen?

Touristen sind für uns kein Thema. Die Elbphilharmonie betrifft uns, weil sie ein neuer, hochsubventionierter Player ist. Es gibt etliche Konzerte im Jahr, die bei uns laufen würden, wenn es das Konzerthaus nicht gäbe. Unsere Auflagen sind enorm, die unterscheiden sich kaum von denen von Theatern – und wir sind komplett privatwirtschaftlich finanziert. Was wir alles bewegen könnten, wenn wir einen Bruchteil der Unterstützung hätten, die die Elbphilharmonie bekommt!

Vor einem Jahr wurde das Problem der Kiosk-Trinker viel diskutiert. Viele Nachtschwärmer haben nicht mehr die Bereitschaft, Geld für Drinks im Club zu auszugeben.

Irgendwas ist immer. Früher war der Preisunterschied zwischen einem Bier am Kiosk und einem Bier im Club nicht so groß. Aber heute müssen die Clubs eine viel umfangreichere Struktur bereithalten! Der Bierpreis trägt somit auch zur Struktursicherheit bei.

Den Charme des Mojo machen die Details aus. Zum Beispiel eine eigene Cola und eine Toiletten-Kabine, in der manchmal DJs auflegen.

Ein Club ist eine Spielwiese, die bedient werden will. Es muss uns Spaß machen, und wir suchen immer nach neuen Möglichkeiten. Die Rezeptur für die Cola haben wir auf Basis der alten Afri-Cola-Rezeptur entwickelt. Wir haben dann das Maximum an Kohlensäure hinzugefügt. Auf dem Klo hat übrigens schon Jan Delay aufgelegt.

Sie gehörten im Jahr 2004 auch zu den Gründern der Interessensgemeinschaft der Hamburger Musikwirtschaft (IHM).

Hamburg ist nicht nur Hafen und Airbus. Eine funktionierende Stadt braucht Popkultur. Heute ist die IHM der größte örtliche Musikverband. Musik wird als Faktor wahrgenommen, das war vor 15 Jahren nicht der Fall. Da hängt nicht nur Musik dran, der Bereich Games wird zum Beispiel immer größer. Alles hängt zusammen – hast du keine Clubs, hast du irgendwann auch keine Programmierer mehr. Alles befruchtet sich gegenseitig. Die Politik hat das mittlerweile verstanden.

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