Mögliche Covid-19-Impfung für Kinder: Aber die Jüngsten!

Immer häufiger infizieren sich Kinder und Jugendliche mit Corona. Impfstoffe sind für sie noch nicht zugelassen. Die Forschung läuft aber bereits.

Kinder mit Masken in einer vollbesetzten Grundschulklasse

Bisher können sie sich nur mit Masken schützen: Viert­kläss­le­r*in­nen in Kiel Foto: Gregor Fischer/dpa

BERLIN taz | Kinder galten zu Beginn der Pandemie als quasi unverletzlich. Sie gehörten nicht zu den Risikogruppen, und es sah zunächst sogar so aus, als würden sie sich nur in seltenen Fällen überhaupt infizieren. Dass die Corona-Impfstoffe erst ab 18 beziehungsweise 16 zugelassen sind: kein Problem.

Doch inzwischen haben sich die Erkenntnisse verändert. Und es machen auch Nachrichten über schwerwiegende Folgeerkrankungen bei Kindern die Runde. Die Frage, ob und wann Kinder und Jugendliche gegen Covid-19 geimpft werden sollten, muss neu gestellt werden.

Zwei Aspekte spielen dabei eine zentrale Rolle: der individuelle Schutz von Kindern und Jugendlichen und der Schutz der gesamten Bevölkerung. Dazu zunächst ein kleines Rechenbeispiel. Von 83,2 Millionen Deutschen sind 85,4 Prozent 16 Jahre und älter. Nicht alle wollen sich impfen lassen: Nach Umfragen des RKI und des Sinus-Instituts lehnen rund 20 Prozent der befragten Erwachsenen eine Impfung ab oder sind noch unentschieden. Dennoch: Eine Impfquote von weniger als 70 Prozent schien bislang ausreichend, um die sogenannte Herdenimmunität zu erreichen.

Das war vor der Mutante B.1.1.7. Mit der Verbreitung der ansteckenderen Virusvariante rechnen Ex­per­t*in­nen nun eher damit dass eine Durchimpfungsquote von 80 und mehr Prozent nötig ist. „Dieser Wert ist aber eine statistische Größe, die allein nicht aussagekräftig ist“, sagt Berit Lange, Leiterin der Klinischen Epidemiologieam Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Viele Kontakte, aber nicht geimpft

Bei Herdenimmunität geht es um die Wahrscheinlichkeit, dass eine infizierte Person auf ungeschützte Menschen trifft, die angesteckt werden können. Deshalb, sagt Lange, sei es immer problematisch, wenn gerade Gruppen, die viel Kontakt untereinander haben, nicht geimpft sind. So wie die Kinder und Jugendlichen.

Die Epidemiologin hofft auf einen Impfstoff für die Jüngeren und bleibt verhalten. „Die Impfung für Erwachsene bringt jedem Einzelnen etwas, weil es das nicht unerhebliche Risiko eines schweren Verlaufs gibt.“ Kinder dagegen würden vor allem geimpft, um die Gemeinschaft zu schützen, weil sie selbst seltener schwer erkranken. Dafür müsse der Impfstoff sehr, sehr sicher sein, sagt die Epidemiologin.

Doch werden Kinder und Jugendliche tatsächlich nicht krank? Seit Mitte Februar steigt die 7-Tage-Inzidenz in fast allen Altersgruppen wieder, wir befinden uns in einer dritten Welle. Der stärkste Anstieg ist laut Robert-Koch-Institut bei Kindern zwischen 0 und 14 Jahren zu beobachten: Hier haben sich die 7-Tage-Inzidenzen in den letzten vier Wochen mehr als verdoppelt. Allerdings kommt nur ein Bruchteil der Kinder und Jugendlichen ins Krankenhaus, nur wenige müssen intensivmedizinisch betreut werden. Seit Beginn der Pandemie vor über einem Jahr sind 11 Kinder und Jugendliche an Covid-19 verstorben.

Hinzu kommt: Auch unter Kindern und Jugendlichen gibt es Ri­si­ko­pa­ti­en­t*in­nen – mit chronischen Lungenerkrankungen, geschwächter Immun­abwehr, Herzfehlern oder anderen relevanten Vorerkrankungen. Ex­per­t*in­nen wie der Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin in Mainz, Fred Zepp, schätzen ihren Anteil auf 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen.

Dass sich aus dieser Gruppe trotz Gefährdung aktuell kaum Kinder in den Krankenhäusern wiederfindet, könnte laut Zepp auch daran liegen, dass gerade Kinder mit Vorerkrankungen von ihren Eltern in der Pandemie besonders geschützt werden. Man könnte auch sagen: Manche Kinder leben mitsamt ihren Eltern seit einem Jahr quasi isoliert

Vorerkrankungen spielen eine bedeutende Rolle

Die Daten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, der DGPI, zeigen jedenfalls, dass 30 Prozent der Kinder, die mit Covid-19 ins Krankenhaus müssen, Vorerkrankungen haben. Von denen auf der Intensivstation sind es sogar 70 Prozent. „Gerade für die Gruppe von Kindern mit Grunderkrankungen müssen wir zügig Impfstoffe entwickeln“, sagt Zepp.

Und dann beschäftigt noch eine seltene Folgeerkrankung von Covid-19 die Kinder­ärzt*in­nen. 245 Fälle des sogenannten Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome, kurz PIMS, hat die DGPI bislang erfasst. Es ist eine besonders tückische Erkrankung, denn sie tritt erst Wochen nach einer Covid-19-Infektion auf und kann lebensbedrohlich verlaufen. Betroffen sind fast ausschließlich Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 17 Jahren.

Das „Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome“ (PIMS), auch als „Multisystem Inflammatory Syndrome in Children“ (MIS-C) bezeichnet, ist eine seltene Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen, die im Zusammenhang mit Sars-Cov-2-Infektionen auftritt. Betroffen sind vor allem Schulkinder, Jungen deutlich häufiger als Mädchen. Bei den Pa­ti­en­t*in­nen kommt es zwei bis sechs Wochen nach der Corona-Infektion zu einer überschießenden Immunreaktion, die zu Entzündungen in Organen und Blutgefäßen führen kann.

Die Kinder erkranken so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Sie leiden unter hohem Fieber, Bauchschmerzen, häufig auch Hautausschlägen und Bindehautentzündungen. Gefährlich ist die Erkrankung vor allem deshalb, weil das Herz-Kreislauf-System geschädigt werden kann. Nach entsprechender Diagnose ist PIMS gut mit Antikörpern und Cortison behandelbar. Die überwiegende Mehrheit der bislang 245 Betroffenen wurde als geheilt entlassen, sieben Prozent sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie von Langzeitschäden betroffen. (awe)

Angesichts der steigenden Infektionsfälle in genau dieser Altersgruppe erwarten Kin­der­ärz­t*in­nen in den kommenden Wochen eine Zunahme der PIMS-Fälle. Auch Einzelfälle von Langzeitverläufen bei Kindern, dem sogenannten Long Covid, sind bekannt. „Daher ist eine Impfung von Kindern und Jugendlichen auch zusätzlich zum Gedanken der schnelleren Erlangung einer Herden­immunität für den individuellen Schutz sinnvoll“, sagt die Leiterin der Pädiatrischen ­Pneumologie am Katholischen Klinikum Bochum, Folke Brinkmann.

Bis Kinder geimpft werden können, dürfte es allerdings noch einige Zeit dauern. Vier Covid-19-Impfstoffe sind derzeit in der Europäischen Union zugelassen – keiner davon für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. „Allein schon aus ethischen Gründen“ seien Kinder nicht für frühe Impfstudien vorgesehen, erklärt die Bundesregierung auf ihrer Website.

Bevor ein Vakzin an Kindern geprüft werden können, muss seine Sicherheit in Studien mit Erwachsenen nachgewiesen worden sein. Auch weil kleine Kinder nicht selber in die Studienteilnahme einwilligen können, seien Impfstoffhersteller und Zulassungsbehörden verpflichtet, „eine besondere Vorsicht walten zu lassen“, sagt Johannes Liese, Leiter des Bereichs pädiatrische Infektiologie und Immunologie am Universitätsklinikum Würzburg.

Keine Vorerfahrungen mit mRNA-Impfstoffen

Um Daten zur optimalen Dosierung, Wirksamkeit und Verträglichkeit der Covid-19-Impfstoffe bei unter-16-Jährigen zu gewinnen, müssen die Impfungen für jedes Alter in ausreichend großen Gruppen geprüft werden. Weil es sich bei den bisher zugelassenen mRNA- und Adenovirus-Vektor-basierten Impfstoffen um neue Technologien handelt, könne man etwa bei der Dosierung nicht auf frühere Erkenntnisse zurückgreifen, erklärt Kinder- und Jugendmediziner Fred Zepp, der seit 1998 auch Mitglied der Ständigen Impfkommission ist.

Auch methodisch sind die Kinderstudien herausfordernd: Da Kinder, die sich mit Corona infizieren, selten krank werden, ist die Wirksamkeit der Impfstoffe für diese Altersgruppe schwieriger nachzuweisen. „In diesen Studien muss ich wahrscheinlich regelmäßig flächendeckend die Kinder auf die Virusinfektion testen, um überhaupt festzustellen, ob der Impfstoff wirkt“, erklärt Fred Zepp.

Darüber hinaus sei bei den Kinder- und Jugendstudien eine längere Nachbeobachtung notwendig. Bei Erwachsenen treten Nebenwirkungen in der Regel innerhalb der ersten drei Monate nach der Impfung auf. Bei Kindern ist das anders: „Das Kind ist im Gegensatz zum Erwachsenen ein sich entwickelnder Organismus. Das heißt, ich muss immer auch betrachten: Gibt es Nebenwirkungen, die auf die langfristige Entwicklung des Kindes Einfluss nehmen?“

All das führt dazu, dass Impfstudien mit Kindern und Jugendlichen später beginnen und in der Regel auch länger dauern. Biontech und Moderna testen ihre Vakzine seit Ende vergangenen Jahres an Jugendlichen ab zwölf Jahren. Im März kündigte Moderna zudem eine Studie mit jüngeren Kindern und Säuglingen ab sechs Monaten an. Auch Biontech zieht jetzt nach. AstraZeneca testet seinen Impfstoff laut Medienberichten bereits seit diesem Februar an Pro­ban­d*in­nen ab sechs Jahren.

Israel wartet nicht

Doch nicht überall wartet man die Studienergebnisse ab: Israel hat bereits begonnen, ältere Kinder ab 12 Jahren zu impfen, die zur Risikogruppe gehören. Wie die Times of Israel berichtet, wurden über 600 Jugendliche geimpft, Nebenwirkungen seien kaum aufgetreten. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) warnt allerdings vor einem solchen Einsatz außerhalb der Zulassung.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Für die Jugendlichen werden noch in diesem Frühjahr erste Studienergebnisse erwartet. Wenn es gut läuft, könnten bereits im Herbst Impfstoffe ab für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen werden. Für Kinder im Kindergartenalter rechnet Impfexperte Zepp dagegen erst im Verlauf des kommenden Jahres mit einem Impfstoff.

Ob diese Vakzine dann wirklich an alle Kinder und Jugendlichen verimpft werden, hänge ganz davon ab, „was die Impfstoffe können“, sagt Zepp. Er ist aber zuversichtlich, dass sowohl schwere Erkrankungen bei kleinen Ri­si­ko­pa­ti­en­t*in­nen als auch Virusübertragungen verringert werden könnten. Ob eine Impfung auch vor der seltenen PIMS-Erkrankung schütze, bleibt laut Zepp abzuwarten. Eine umfangreiche Testung und Überwachung der Kinder und Jugendlichen wird uns also noch länger begleiten, sagt Epidemiologin Berit Lange. Und fügt hinzu: „Da wird die Pandemie übrig bleiben.“

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