Modersohn-Becker-Munch-Schau in Dresden: Stehen sie nebeneinander, gibt es keine Ruhe
Das Albertinum Dresden zeigt zu ihrem 150. Geburtstag die Malereien von Paula Modersohn-Becker gemeinsam mit denen Edvard Munchs. Funktioniert das?
Es mutet auf den ersten Blick wie eine ungewöhnliche Paarung an, die derzeit im Dresdener Albertinum zu sehen ist: zum einen Edvard Munch, der norwegische Ausnahmekünstler, der nahezu die gesamte europäische Moderne begleitete. Seite an Seite mit ihm hängt die Malerin Paula Modersohn-Becker, deren künstlerisches Drängen während ihres allzu kurzen Lebens stets vom Ruhm ihrer männlichen Kollegen überschattet wurde. Durch die Nebeneinanderstellung zeigen die Staatlichen Kunstsammlungen Modersohn-Becker zu ihrem 150. Geburtstag in neuem Licht: als Munch absolut ebenbürtig.
„Die großen Fragen des Lebens“ lautet der wuchtige Titel der Schau, die derzeit 151 Werke der beiden Künstler:innen vereint. Die Bilder sind thematisch sortiert, denn trotz ihrer konträren Malweise teilen sich die Zeitgenoss:innen Modersohn-Becker und Munch viele Sujets. Dabei kommt es auch zu interessanten Überschneidungen.
Dass die Dresdnerin den Osloer künstlerisch wahrnahm, lässt sich gut belegen. „Sie hatte 1898 eine Zeichnung angefertigt, die stark an Munchs Madonna aus dem Vorjahr angelehnt ist“, so Ausstellungskurator Andreas Dehmer. Munch wiederum konnte Modersohn-Becker kaum kennen, wurde ihr Werk zu Lebzeiten doch völlig zurückgewiesen und ihre bis dato einzige Gruppenschau in der Bremer Kunsthalle vernichtend verrissen.
„Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens.“ Albertinum Dresden, bis 31. Mai. Katalog (Staatliche Kunstsammlungen Dresden): 25 Euro
Beide wurden verspottet
Auch er musste 1892 harte Kritik einstecken, als sein entfesselter Postimpressionismus in Berlin verspottet und schnell wieder abgehangen wurde. Der Skandal machte den bis dahin unverkauften Norweger über Nacht zur Berühmtheit und ebnete der deutschen Malerei den Weg in die Moderne. Modersohn-Beckers breite Rezeption nimmt hingegen gerade erst richtig Fahrt auf. Zum Festjahr warten neben Dresden auch Bremen und Worpswede mit umfassenden Schauen auf.
Den Fokus beider Œuvres bilden zweifelsohne die Porträts. Modersohn-Beckers Protagonist:innen wirken nicht wie malerische Objekte, sondern plastische Körper mit all ihren Maserungen und Unebenheiten, die aus den Bildern herausragen und der Neuen Sachlichkeit ihren Schatten vorauswerfen. Etwa der „Stehende und kniende Mädchenakt vor Mohnblumen II“, der fast schon ikonenhaft anmutet.
Dass Paula eine Visionärin war, ist heute kunsthistorisch unstrittig. Ihr „Selbstbildnis zum 6. Hochzeitstag“ aus dem Jahr 1906 gilt als erster gemalter Selbstakt einer Frau überhaupt. In ihrem Streben ließ sie viele ihrer Weggefährten, inklusive ihres Maler-Ehegatten Otto Modersohn, künstlerisch im Staub zurück.
Drei gute Bilder
Die Doppelausstellung im Albertinum entwickelt ein vielseitiges Bild der beiden Künstler:innenleben und ihrer Motive. Hier spricht nicht die „Angst“ aus Munch wie etwa in der Chemnitzer Kunstsammlung zum Kulturhauptstadtprogramm, sondern eine Bandbreite an Stimmungen. Von der beschwingten Lebensfreude beim „Tanz am Strand“ bis hin zur fiebrig-farbexplosiven Milieustudie des „Kranken Kindes“.
Ebenso klar erkennbar wird Modersohn-Beckers Ziel, das Leben in all seinen Auswüchsen in ihre Bilder zu bannen. Sie malt das Worpsweder Teufelsmoor mit genauso viel Verve wie die spektakulären Fjorde Norwegens und steigt mit ihren Porträts tief in ihre Protagonist:innen ein, ohne sie sentimental zu verklären.
Deshalb ist es auch keine Ruhe, die aus den nebeneinandergestellten Werken der beiden Avantgardist:innen strahlt, sondern ein ständiges Suchen, Wachsen und Hinterfragen.
Ihre Antwort auf zumindest die letzte große Frage des Lebens hielt Modersohn-Becker schon früh fest: „Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben“, schrieb sie nach einem ihrer Paris-Besuche und wenige Monate vor ihrer Verlobung mit Otto Modersohn in ihr Tagebuch. Die arbeitswütigen Aufenthalte in ihrer Herzensstadt zehrten ihre Kräfte stark auf. Sieben Jahre später wird sie kurz nach der Geburt ihres Kindes einer Embolie erliegen. Hinterlassen hat sie ein großes, malerisches Erbe. Aus dessen Vollen schöpft ihre Dresdner Heimat nun.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert