Mobile Nachrichten in Caracas: Zugestiegen gegen Zensur
„El Bus TV“ heißt eine Initiative in Venzuela, die den Menschen Informationen dort zur Verfügung stellt, wo diese sie auch erreichen – im Bus eben!
Dreißig Leute sitzen im Bus, der durch Caracas brettert. Der Fahrer dreht die Musikanlage auf. Und in der Mitte des Busses stehe ich, als Einzige, die sich während der Fahrt bewegen darf.
Ich fasse die aktuellen Nachrichten der Woche zusammen und halte ein Stück Pappe, als Rahmen vor mein Gesicht. Die Pappe soll einen Fernsehbildschirm imitieren, mit mir als Sprecherin darin.
„El Bus TV“ steht in großen Buchstaben darauf. Wir versuchen so, die Aufmerksamkeit der Passagiere, die an ihren Handys kleben, auf uns zu lenken. „Das ist El Bus TV, ein Nachrichtensender aus (hier nenne ich die Stadt, in der wir uns gerade befinden).“ „Los geht’s mit den Nachrichten!“
Mit dieser Ansage beginnt unsere kurze Show. Drei bis vier Minuten lang informiere ich die Passagiere, über Neuigkeiten, die sie in keiner Zeitung, im Radio oder im Fernsehen hören können. Denn die meisten Medien in Venezuela sind verschwunden, die wenigen, die es noch gibt, werden von der venezolanischen Regierung in ihrer Berichterstattung systematisch eingeschränkt.
Die Leute schauen dich an
Jede Woche informieren daher um die 60 Journalist*innen und Studierende der Kommunikationswissenschaft die Venezolaner*innen während ihrer Busfahrt, um ihnen Informationen an einem Ort zu präsentieren, den viele Menschen aufsuchen.
Ich habe die Nachrichten das erste Mal im Oktober 2019 vorgelesen. Für drei Monate war ich dann Teil des Teams im Bus, seitdem arbeite ich im Social-Media-Team. Ich spürte, wie wichtig es mir war, mit eigenen Augen zu sehen, wenn Leute sich mit Nachrichten auseinandersetzen müssen. Denn genau das passiert auf der Busfahrt: Die Leute schauen dich an, kaum einer kann ignorieren, dass du vor ihnen stehst.
El Bus TV startete natürlich nicht mit mir, sondern bereits im Mai 2017, als drei Journalist*innen in einen Bus in der Hauptstadt Caracas stiegen, um über Nachrichten zu sprechen. Die Gründer*innen Laura Helena Castillo, Abril Mejías und Claudia Lizardo wollten nützliche Informationen bieten, die die Gemeinschaft direkt betreffen.
An diesem Tag erzählten sie von der Schließung des Fernsehsenders Radio Caracas (RCTV) Televisión, die sich 2017 zum zehnten Mal jährte. RCTV erhielt 2007 von der Regierung keine Sendelizenz und war für die Bewohner*innen von Caracas nicht mehr empfangbar.
Zensur immer stärker
Als ich das Projekt auf Instagram sah, als junge Studentin im zweiten Semester, dachte ich: Das möchte ich auch machen! 2019 las ich dann die Nachrichten zusammen mit zwei Uni-Kolleg*innen vor.
Das Verlesen der Nachrichten im Bus zeigte mir, welche Verantwortung damit verbunden ist, zu den Menschen zu gehen, laut vorzulesen und zu versuchen, Fragen an ein Publikum zu stellen, das nicht hinter einem Bildschirm sitzt, sondern direkt vor mir. Sie hörten zu, nickten und reagierten auch mal überrascht auf die Informationen.
Was El Bus TV tut, ist wegen der Zensur der Presse herausfordernd. Aber vor allem ist es eine Anerkennung der Bedeutung von Information. Es ist eine Arbeit, die immer wichtiger geworden ist, weil die Zensur in Venezuela so stark ist – und immer noch stärker wird.
Im Jahr 2019 etwa wurden laut der NGO Espacio Público 61 Printzeitungen und 89 Radiosender im Land geschlossen. Im Laufe der Zeit wurden die „Nachrichtenwüsten“ – Gemeinden und Stadtbezirke, in denen keine Nachrichten mehr ankommen – größer: Bis 2022 lebten laut dem Instituto de Prensa y Sociedad sieben Millionen Venezolaner in solchen Zonen.
Keine Information ohne Quelle
Bis März 2026 berichtete die Organisation Ve Sin Filtro, dass 60 unabhängige Medien weiterhin gesperrt sein, einige davon bereits seit 2014. Bis heute hat die Organisation mehr als 200 gesperrte Webdomains im Land dokumentiert, darunter das soziale Netzwerk X.
Hinzu kommt ein Informationsvakuum, das sich durch Desinformation, Fake News und den Einsatz künstlicher Intelligenz noch vertieft hat. In Venezuela haben viele Menschen keinen regelmäßigen Zugang zum Internet, zu Computern oder zu Mobilgeräten. Vielleicht ist das der Grund, warum die Existenz von El Bus TV oft eine Überraschung für diejenigen ist, die plötzlich mit den Nachrichten des Tages konfrontiert werden.
„Danke“ und „Komm bald wieder“ sind Sätze, die wir oft hören. „Steig ein und bring uns die Nachrichten!“, sagt ein Busfahrer, um Reporter zu begrüßen, deren Gesichter er schon wiedererkennt.
Es gibt aber auch ablehnende Reaktionen: Manche Menschen lehnen bestimmte Themen ab, weil sie die dahinterstehende politische Position nicht unterstützen. Deshalb kommt alles, was wir erzählen, mit einer überprüfbaren Quelle. Manchmal wünscht sich jemand eine Klarstellung, und dass ein Reporter sich die Zeit nimmt, zu erklären, wie die Informationen überprüft wurden. Das ist Teil unserer Dienstleistung. Denn was wir sicherstellen wollen, ist das Recht auf Information.
Konkrete Entscheidungen treffen
Um diese Mission auszuweiten, haben wir unser Informationsmodell um weitere Formate erweitert: Wandzeitungen und „Listening Spaces“, also Gemeinschaftsgespräche in den Stadtvierteln, in denen wir arbeiten.
Im Jahr 2023 würdigte die Deutsche Botschaft in Venezuela die Informationsarbeit von El Bus TV mit dem Sophie-Scholl-Preis für bürgerschaftliches Engagement und demokratische Werte.
Jeder Reporter von El Bus TV hat verstanden, dass es beim Journalismus auch darum geht, Menschen dabei zu helfen, bewusstere Entscheidungen über ihr Leben zu treffen, und dass dies mit einer verifizierten Tatsache oder einer Information beginnen kann, die bei ihnen Anklang findet und etwas klärt, das sie beschäftigt.
Diese Art von Journalismus zu praktizieren, Journalismus, der den öffentlichen Raum betritt und die Bürger um Erlaubnis bittet, ihnen etwas mitteilen zu dürfen, birgt in einem autoritären Kontext immer Risiken.
Vor der Veröffentlichung unserer ersten Wandzeitung bedrohten bewaffnete Gruppen einen der Teilnehmer und seine Familie. Außerdem mussten wir aufgrund von Drohungen auf Social Media unsere Arbeit im Bus und unsere Arbeit im Netz zweimal für wenige Wochen unterbrechen. Diese Vorsichtsmaßnahme ergriffen wir auch nach den Präsidentschaftswahlen im Juli 2024.
Und trotzdem gehen wir nach einiger Zeit wieder raus. Denn wenn wir eines gelernt haben, dann, dass es immer einen Weg gibt, weiterzumachen.
Die Autorin arbeitet derzeit als IJP- (International Journalists' Programmes) Stipendiatin in der taz.
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