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Missbrauchsgesetz verzögert sich Nachlässigkeit und Ignoranz

Simone Schmollack

Kommentar von

Simone Schmollack

Am Mittwoch sollte das Missbrauchsgesetz das Bundeskabinett passieren. Nun wurde der Termin verschoben.

I m Spätherbst vor drei Jahren hatten viele Betroffene die Hoffnung, dass sich für sie manches zum Positiven wendet, zumindest politisch. Denn die Ampelregierung hatte sich in ihren Koalitionsvertrag ein Gesetz geschrieben, das sexuelle Gewalt gegen Kinder stärker im Blick hat. Das sogenannte UBSKM-Gesetz, abgeleitet von der Stelle der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, sollte fest verankert und damit ein/e Missbrauchsbeauftragte/r dauerhaft installiert werden.

Doch nun scheint es, als sei die Hoffnung verfrüht gewesen. Seit der Referentenentwurf Anfang April 2024 die erste parlamentarische Hürde nahm, ist nichts mehr passiert. Bis vor einem Monat konnten sich Länder und Verbände zum Papier äußern, am Mittwoch sollte es zum Regierungsentwurf werden. Doch der Termin fiel aus – und wurde auf den 5. Juni verschoben.

Nun könnte man sagen: So ist es nun mal, wenn Kriege, Haushalt, Angriffe auf die Demokratie Abgeordnete stärker als gewöhnlich beschäftigen. Die Frage ist jedoch, welche Prioritäten man setzt. Klimaschutz, Bürgergeld, Mindestlohn, innere und äußere Sicherheit, Gesundheit – alles wichtige Themen, die die Ampel je nach Per­spektive mehr oder weniger gut umgesetzt hat.

Sie hat aber auch monatelang über die Legalisierung von Cannabis gestritten, sich um ein Zentrum für Legistik (ja, was ist das überhaupt?) gekümmert sowie über Strategie für Vi­deo­spiel­ent­wick­ler:in­nen nachgedacht. Sie hat sich mit Kryptowährungen beschäftigt und über eine erweiterte Definition von Wohlstand nachgedacht.

Alles sicher nicht komplett unwichtig. Das ist aber noch lange kein Grund, sich nicht um Betroffene sexueller Gewalt in der Kindheit zu kümmern, die auf besondere Hilfe auch des Staates angewiesen sind. Man muss hier mindestens Nachlässigkeit und Ignoranz vermuten. Denn finanzielle Gründe können es nicht sein, die Kosten sind – im Gegensatz zur Kindergrund­sicherung – gegenfinanziert. Eine letzte Hoffnung liegt jetzt auf Anfang Juni.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Simone Schmollack

Simone Schmollack Ressortleiterin Meinung

Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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1 Kommentar

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  • Hans - Friedrich Bär

    Wenigstens ein erster Kommentar: Latent und chronisch sind latent und chronisch weil sie latent und chronisch sind. Es ist, in Begriffen von Generationen und Legislaturen noch nicht lange her, dass Missbrauchsdelikte überhaupt Delikte wurden .Die "Ermittlungsfehler" ergänzen das Bild