Minimal-Behausungen für Wohnungslose: Das Dilemma aufgezeigt

Zwei Quadratmeter groß sind die Lesshomes für Obdachlose. Die sind besser als die Straße – und zugleich ein Armutszeugnis. Ein Wochenkommentar.

Obdachloser auf Parkbank in Berlin

Gefährlich besonders bei Minusgraden: Ein Mann schläft auf einer Parkbank in Berlin

Es ist ein Dilemma, vor dem die Obdachlosenhilfe Berlins steht. Die Frage, ob minimalste Behausungen besser sind als gar keine, wurde in dieser Woche von der Sozialgenossenschaft Karuna aufgeworfen. Und selten wurde diese Frage so radikal gestellt: Die ersten drei Lesshomes, Handwagen mit zwei Quadratmetern Grundfläche zum Drin-Wohnen, wollte Karuna in der Weihnachtszeit aufstellen. Nur eine Übergangslösung und besser, als auf der Straße zu vegetieren, sagen die einen. Ein menschenunwürdiges Armutszeugnis dieser Gesellschaft, finden die anderen.

Es ist wie so oft bei einem Dilemma: Beides ist wahr. Eigentlich sollten in Berlin gar keine Menschen auf der Straße leben müssen – jedem unfreiwillig Obdachlosen steht qua Ordnungsrecht eine Unterbringung zu. Im Kontext geltender Grundrechte hat diese menschenwürdig zu sein. Dass in Berlin trotzdem eine wachsende Anzahl von Menschen ohne Obdach lebt, dürfte in den seltensten Fällen mit einem freiwillig gewähltem Lebensstil zu tun haben. Viel mehr hingegen hat es mit einem völlig überspannten Wohnungsmarkt zu tun und mit den Bedingungen in vielen Gruppeneinrichtungen für Wohnungslose.

Auch diese Unterkünfte müssen sich die Frage nach der Menschenwürdigkeit gefallen lassen. Viele Obdachlose steuern sie nur an, wenn Minusgrade aus einem unwirtlichen Leben auf der Straße ein absolut lebensbedrohendes machen. Diese Lücke zwischen Parkbank und Notunterkünften sollen die sogenannten Tiny Houses schließen, heißt es von Karuna. Lesshome statt Homeless.

Aber zwei Quadratmeter Grundfläche, das ist verdammt klein. Die Less­homes sind derart klein, damit man sie per Hand von einem Ort zum anderen ziehen kann. Dass kein Mensch auf Dauer so leben könne, betonen sowohl Karuna als auch der Erbauer. Nur eine Übergangs­lösung könnten sie sein, für ein paar Monate, bis eine richtige Bleibe gefunden ist. Das gilt allerdings auch für die schon erwähnten Wohnungslosenunterkünfte, in denen aber Menschen in Ermangelung bezahlbaren Wohnraums teils Jahre verbringen.

Letztlich gehört auch das zum Wesen des Dilemmas: Dass keine der aktuell verfügbaren Lösungen eine wirklich gute ist. Sie sind eine Mahnung, gegen die Ursachen von Wohnungslosigkeit weiter vorzugehen. Die Lesshomes aber wegen vorauseilender Bedenken nicht in Betracht zu ziehen: Das wäre in hohem Maße zynisch gegenüber den Betroffenen.

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Seit 2010 bei der taz, hat hier volontiert, dann als Chefin vom Dienst gearbeitet und immer wieder über soziale (Un-) Gerechtigkeit geschrieben. Irgendwann hat sie auch mal Journalistik und noch früher Betriebswirtschaft studiert. Seit 2019 ist Manuela Heim die Redakteurin für Soziales in der Redaktion Berlin.

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