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Bundeswehr in der Straße von HormusMinen suchen und Rolle finden

Noch ist unklar, inwiefern die Bundeswehr die Straße von Hormus mitsichern soll. Die Marine präsentiert dennoch schon mal ihre Möglichkeiten.

Aktuell in Kiel, aber wie lange noch? Minenjagdboote der Bundeswehr, rechts im Bild die „Sulzbach-Rosenberg“ Foto: Marcus Brandt/dpa

Vier Minentaucher der Bundeswehr drehen in einem Schnellboot ihre Runden im Kieler Hafenbecken. Die Soldaten in den schwarzen Neoprenanzügen gehören zu einer kleinen und elitären Einheit der Marine und könnten bald im Mittleren Osten gefordert sein – zumindest, wenn man den Ankündigungen der Bundesregierung glaubt. Demnach könnten deutsche Streitkräfte zu einer internationalen Mission zur Sicherung der Straße von Hormus mit einer Minensuchaktion aufbrechen. Wie und ob so ein Einsatz zustande kommt, ist unklar. Das hindert die Marine aber nicht daran, schon mal zu demonstrieren, was sie so kann.

In Kiel hat die Bundeswehr dafür am Donnerstag eine Leistungsschau organisiert, in der sie fast alles auffährt, was sie für die Minenjagd bereithält. Neben den Elite-Tauchern zieht im Hafenbecken auch ein Boot seine Kreise. Es lässt sich ferngesteuert über Wasserminen fahren, um sie auf diese Weise kontrolliert zur Explosion zu bringen. Im Hintergrund liegen an zwei Anlegern fünf Minenjagdboote, die unter anderem Aufklärungsdrohnen für den Unterwasser-Einsatz an Bord haben.

Insgesamt hat die Marine eigentlich zehn dieser 600 Tonnen schweren und aus antimagnetischem Stahl gefertigten Schiffe. Doch die Kommandeurin des 3. Minensuchgeschwaders, Inka von Puttkamer, verweist bei der Frage, wie viele dieser Boote denn einsatzfähig seien, nonchalant auf die „Drittelregelung der Marine“: etwa ein Drittel der Dinge seien immer einsatzbereit. Heißt: Die Marine verfügt über etwa drei startklare Minenjagdboote.

Sowohl von Puttkamer als auch der Chef der Marine, Jan Kaack, wollen deutlich machen, dass man trotzdem bereit sei, wenn es zu einem Mandat für einen Bundeswehreinsatz in der Straße von Hormus käme. Beide sagen jedoch, dass eine solche Mission durchaus für Abstriche an anderen Stellen sorgen würde. „Wenn die politische Leitung entscheidet, dass wir uns dort beteiligen, dann haben wir die Möglichkeiten, uns neu zu fokussieren“, sagt der Marine-Chef. Es gelte, die begrenzten Mittel, über die man verfüge, zu priorisieren.

Bundeswehr soll zur „särksten konventionellen Armee Europas“ werden

Von der Notwendigkeit zur Schwerpunktsetzung war allerdings nicht viel zu hören, als am Vortag Verteidigungsminister Boris Pistorius die Eckpunkte einer neuen strategischen Grundlage für die Bundeswehr präsentierte. Der SPD-Politiker stellte dabei eine Forderung in den Raum, die auch Bundeskanzler Friedrich Merz immer wieder äußert: „Unsere Ambition ist und muss sein, die stärkste konventionelle Armee in Europa zu sein“, sagte Pistorius am Mittwoch.

Er bezeichnete den Nordatlantik und die Straße von Hormus als „die beiden Pole“ möglicher Einsatzgebiete für die Bundeswehr. Im Nordatlantik sei man ohnehin fest in die Strukturen der Nato eingebunden. „Auf der anderen Seite ist die Straße von Hormus für uns von Relevanz, was die Einhaltung der internationalen regelbasierten Ordnung angeht.“ Hiermit bezog er sich nicht etwa auf den völkerrechtswidrigen Krieg Israels und der USA gegen Iran, sondern sagte, man könne nicht zusehen, „wie Meeresengen für die nächsten Jahre zu Mauttrassen“ würden. „Deswegen haben wir auch da natürlich eine Aufgabe zu erfüllen.“

Pistorius betonte erneut, dass die Voraussetzung für einen solchen Einsatz ein entsprechendes Bundestagsmandat und ein Ende der Kampfhandlungen in der Region seien. Das sehen auch Frankreich und Großbritannien so, die den ersten Aufschlag für eine solche Mission gemacht hatten. Bei US-Präsident Donald Trump führte das am vergangenen Wochenende, als die Straße von Hormus kurzzeitig geöffnet war, zu einem Wutausbruch: Er habe den Nato-Staaten mitgeteilt, „sie könnten wegbleiben“, weil sie „nutzlos“ gewesen seien, als man sie im Krieg gebraucht habe.

Dass ein irgendwie gearteter Einsatz der Europäer vor den Küsten Irans auch dazu da wäre, um Trump doch von der Bedeutung internationaler Kooperation zu überzeugen, kommt beim US-Präsidenten wohl nicht an. Zumal jede Mission in der Region auf Aufklärungsdaten der USA angewiesen wäre.

All das spielt beim Pressetermin am Kieler Hafenbecken vordergründig keine Rolle. Die vier Minentaucher pausieren in ihrem Schlauchboot in der Sonne, als unweit von ihnen ein Tross von Jour­na­lis­t*in­nen das Minenjagdboot betritt, um sich von bereitwilligen Marine-Soldat*innen die Geräte zeigen zu lassen.

Der Schiffskommandant erzählt, dass bis zu 44 Sol­da­t*in­nen auf das Schiff passen. Wie die anderen Minenjagdboote der Bundeswehr sei auch die „Sulzbach-Rosenberg“ für Einsätze auf dem gesamten Globus geeignet. An Bord befinden sich Drohnen, die entweder per Kabel gesteuert werden oder einprogrammierte Routen abfahren und so Seeminen entdecken können. Um selbst keine Detonation auszulösen, haben die Jagdboote fast kein Magnetfeld und fahren extrem leise.

Auch die vier Minentaucher gehören zur Standardbesatzung eines Bootes. Sie kommen zum Einsatz, wenn das Wasser etwa zu niedrig für den Einsatz von Drohnen ist. Die Taucher sind dafür ausgebildet, direkt an Minen heranzutauchen, um deren Zünder zu entschärfen. In dieser abenteuerlichen Praxis hat die Bundeswehr tatsächlich jahrzehntelange Einsatzerfahrung – durch die Beseitigung von Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg in Nord- und Ostsee.

Wenn es dazu käme, wären wir bereit

Fabian Scharf, Chef der Minentaucherkompanie

Doch würde das in der Straße von Hormus, an der ganz andere geographische und klimatische Bedingungen herrschen, genauso klappen? „Wenn es dazu käme, wären wir bereit“, sagt Fabian Scharf, Chef der Minentaucherkompanie. Für einen eventuellen Einsatz würde die Bundeswehr nach Angaben von Marine-Chef Kaack ein Minenjagdboot aus einer aktuellen Nato-Mission herauslösen. Aus einem anderen Einsatz in der Ägäis könnte man auf ein Versorgungsschiff zugreifen.

Jenseits der politischen Diskussion, ob es zu einem Einsatz kommt, gibt es unzählige technische Fragen. Kommandeurin von Puttkamer versucht die Kern-Herausforderung mit einer rhetorischen Frage zu verdeutlichen: „Wie viele Minen braucht es, um eine Durchfahrt zu blockieren?“ Die Antwort schiebt sie selbst direkt hinterher: „Keine einzige.“ Eine Schlagzeile, die richtig platziert sei, reiche schon aus, um die Welt von der Gefahr glauben zu machen. „Das ist Minen-Kriegsführung.“

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