Mikrokredite in der Kritik: Risiko von Überschuldung unterschätzt
Bestehende freiwillige Standards bei der Finanzierung von Mikrokrediten reichen nicht aus, um Verschuldung zu verhindern, kritisiert Facing Finance.
Mikrokredite gelten als Mittel der Armutsbekämpfung: Sie sollen Personen Zugang zu Kapital zu ermöglichen, die keine Chance bei konventionellen Banken haben. Häufig verstärken sie aber Armut: Zuletzt wurde die extreme Überschuldung vieler Mikrokreditnehmer in Indien bekannt. Über 200 verschuldete Frauen sollen in Sri Lanka sogar Suizid begangen gaben, in Kambodscha verloren Hunderttausende ihr Land und damit ihre Lebensgrundlage, um Mikrokredite zurückzuzahlen.
Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle, sagt Sophia Cramer, die seit Jahren wissenschaftlich zu Mikrokrediten arbeitet. „Es ist ein strukturelles Problem: Die Branche unterschätzt Überschuldungsrisiken.“ Deswegen hat Cramer Mindeststandards entwickelt, die die NGO Facing Finance am Dienstag veröffentlichte.
Ein Warnzeichen für Überschuldung ist der Markt. In Indien oder auch Kambodscha war dieser bereits deutlich übersättigt, das heißt, es gab unzählige Anbieter von Mikrokrediten. Cramer fordert, dass Investoren die Lage besser analysieren, bevor sie diese anbieten. Sie sollten zudem darlegen können, dass ihre Investitionen bestehende Überschuldung nicht weiter verstärken.
Sophia Cramer, Soziologin
Zweites Warnzeichen sind die Zinsen. Der effektive Jahreszins von Mikrokrediten liegt laut Bericht weltweit bei durchschnittlich 38 bis 45 Prozent, in Mexiko sogar bei über 100 Prozent. Der effektive Jahreszins gibt die Kosten eines Kredits an und enthält neben den Zinsen auch Gebühren. Die Zinsen sind hoch, weil der Arbeitsaufwand hoch ist, weil viele kleine Beträge vergeben werden, die über einen kurzen Zeitraum zurückgezahlt werden müssen.
Freiwillige Standards reichen nicht
Außerdem ist die Wertschöpfungskette oft lang: Investoren wollen Rendite von Mikrofinanzinvestmentanbietern, die Rendite von Mikrofinanzorganisationen fordern, die die Kredite an die Kund*innen vergeben. Bezahlen die Kund*innen dann von den Krediten ihre Nahrungsmittel, wird die Situation besonders volatil, die hohen Zinsen sind für sie häufig kaum aufzubringen. Gleichzeitig lässt das System wenig Spielraum für flexible Anpassung der Rückzahlungsbedingungen.
Cramer fordert daher, dass Mikrofinanzinstitute Grenzwerte von effektiven Jahreszinsen aufweisen, die die zu erwartenden Gewinne der Kreditnehmenden durch unabhängige Studien realistisch einschätzen. Besonders bei Krediten, die für Konsum ausgegeben werden, müssten die Zinsen niedrig sein. Zudem müsse es Bestimmungen geben, die Kund*innen vor dem Ruin schützen, etwa für Schuldenerlasse.
Die vorgeschlagenen Mindeststandards sind auch eine Antwort auf Standards, zu denen sich viele Investoren vor fünf Jahren freiwillig verpflichtet haben, darunter die staatliche Förderbank KfW oder die private ethische Bank Oikocredit.
Cramer hält diese Standards für unzureichend, weil sie sich zu sehr auf Prozesse fokussieren, also etwa ob Schulungen bei den Mitarbeitenden stattgefunden haben und zu wenig an den Ergebnissen, also der Lage der Kreditnehmenden. Ein Beispiel: Banken nehmen häufig Rückzahlungsraten als Indikator dafür, wie stabil der Sektor ist. Cramer sagt hingegen, die Zahlen geben nur einen minimalen Einblick: „Sie verraten nichts darüber, ob die Kreditnehmenden für die Rückzahlung an Nahrung oder Schulgeld gespart haben oder weitere Kredite aufgenommen haben.“ Im Gegenteil, der Indikator erzeuge Druck, den die Kreditfinanzinstitute an ihre Kunden weitergeben.
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