Migration über den Ärmelkanal: Rechte blockieren Hafen von Portsmouth
In Großbritannien protestieren bereits die zweite Nacht rechte Demonstranten gegen Boat People, wenn diese in Häfen an Land gebracht werden.
Foto: Hannah McKay/reuters
In der südenglischen Hafenstadt Portsmouth haben Sonntagnacht hunderte teils vermummte und schwarz gekleidete Personen gegen die dortige Ankunft von Asylsuchenden Menschen protestiert, die auf Schlauchbooten den Ärmelkanal überquert hatten. Es war der zweite Tag derartiger Proteste an diesem Wochenende.
Bereits Samstagmorgen hatten Hunderte ähnlich auftretende Personen einen unangemeldeten Protest vor dem Hafen von Dover inszeniert. Der führte bis zur Mittagszeit zu großen Verzögerungen im dortigen Verkehr, lief jedoch friedlich ab und führte zu keinen Festnahmen.
Beide Proteste wurden von der rechten Gruppe „Patriot Platform“ gesteuert.“ Hinter ihr steht der rechte Aktivist Daniel Thomas alias „Danny Tommo“. Er ist ein Verbündeter des rechten anti-islamischen Aktivisten Tommy Robinson. Thomas, dessen Organisation sich als „christlich-patriotisch“ versteht, war laut der antirassistischen Organisation Hope not Hate bereits bei Protesten gegen Einwanderung in den letzten zwei Jahren immer wieder aktiv und ist für ein gewaltsames Delikt im Jahr 2016 vorbestraft. „Man habe genug der Einwanderung der Burschen aus aller Welt“, sagte er vor den Versammelten. Andere skandierten immer wieder „Stop the Boats.“
Die Ankunft von einem Schlauchboot mit Asylsuchenden in Portsmouth war außergewöhnlich. Das große Schlauchboot mit 140 Personen startete nämlich statt aus der Region um Calais aus dem 280 Kilometer westlich gelegenen Baie de Sein nahe der Hafenstadt Cherbourg. Sowohl dieser Ort, genauso wie die Größe des Bootes, gehen wohl auf die effektivere Kontrolle der Küstenregion durch französische Einsatzkräfte zurück.
Für Nigel Farage kommen die Flüchtlinge wie gerufen
Für die britischen Behörden ist die Entwicklung besorgniserregend, nicht nur, weil die länger dauernde Überquerung lebensgefährlicher ist, sondern auch weil das Aufnahmezentrum der Einwanderungsbehörde in der Region Dover liegt.
Als die Asylsuchenden nach ihrer Rettung in der Marina von Eastney bei Portsmouth an Land kamen, saßen sie dort erst mal fest. Denn sie mussten von dort für die Fahrt in die Aufnahmezentren erst über eine Zugangsstraße abgeholt werden, die Protestierende blockierten. Erst das Eintreffen von Spezialkräften der Polizei aus vielen Teilen Englands und ein amtlicher Platzverweis konnten frühmorgens die Lage wieder sichern. In der Zwischenzeit wurden bei zwei Polizeifahrzeugen Scheiben zerschlagen.
Die britische Regierung verurteilte das Verhalten bei den beiden Protesten als „aggressiv und einschüchternd“. Das Recht friedlich zu demonstrieren sei für die britische Demokratie fundamental, doch dürfe es nicht in Chaos ausarten, sagte ein Regierungssprecher.
Der durch Finanzaffären um ihn und seine Partei lädierte Chef der rechtspopulistischen Partei Reform UK, Nigel Farage, nutze die Gelegenheit, mithilfe des Vorfall von seinem eigenen Skandal abzulenken. Er merkte zynisch an, dass dieses Boot in der gleichen Woche, in der Premierminister Andy Burnham 45 weitere Sicherheitskräfte an der französischen Küste bewilligt hätte, von Baie de Seine an die Strände von Hampshire gekommen sei. Nur seine Partei könne die Boote zurücksenden, so Farage. Zuvor hatte die frühere Tory-Abgeordnete und jetzige Reform-UK-Politikerin Suella Braverman die Flüchtlingsboote in einem Interview als Invasion beschrieben.
Regierung kündigt Ausweitung der Kontrollen an
Die britische Regierung betonte, dass man daran arbeite, die gefährlichen Überquerungen zu verhindern, um „Ordnung an der Grenze zu schaffen.“ Die gemeinsamen Einsätze französischer und britischer Beamt:innen hätten seit Amtsantritt der Labour-Regierung 2024 insgesamt 48.000 Überquerungsversuche und 1.100 Boote verhindert. Die Zahl erfolgreicher Überquerungen sei die niedrigste seit dem Jahr 2020. Man werde dennoch die Kontrollen weiter ausweiten und Frankreich würde künftig 40 Prozent mehr Einsatzboote an der Küste einsetzen.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert