Migration in Südafrika: Warum Südafrikas Ausländerfeinde falschliegen
Südafrika sei von illegalen Migranten überlaufen, und die seien an wachsenden sozialen Missständen schuld, so der Vorwurf. Forscher widersprechen.
rtr | In Südafrika haben Antizuwanderungsaktivisten alle Ausländer ohne gültige Papiere aufgefordert, das Land bis Dienstag zu verlassen. Tausende Migranten aus anderen afrikanischen Staaten haben sich aus Angst vor Übergriffen auf den Heimweg gemacht oder suchen Schutz in Lagern.
Die Organisation March and March, die hinter den Protesten steht, macht Einwanderer für viele soziale und wirtschaftliche Probleme verantwortlich. „Die Südafrikaner haben es satt, in Krankenhäusern Schlange zu stehen, mit illegalen Einwanderern um Plätze an öffentlichen Schulen sowie mit ausländischen Staatsangehörigen um Arbeitsplätze zu konkurrieren, und sie haben genug von Nigerianern, die Drogen an die Jugend dieses Landes verkaufen“, fasste Musa Hlongwa, Präsident der Bürgervereinigung United South Africa, unlängst die Stimmung in der Bevölkerung zusammen.
Umfragen zeigen, dass die fremdenfeindliche Stimmung in der südafrikanischen Bevölkerung zunimmt. Einer Untersuchung des Human Sciences Research Council zufolge ist die Ablehnung so hoch wie nie zuvor. Lediglich jeder sechste Erwachsene gab an, alle Ausländer willkommen zu heißen. Dagegen erklärten 42 Prozent, überhaupt keine Migranten im Land haben zu wollen – im Jahr 2021 lag dieser Wert noch bei einem Drittel.
Sie nutzen Google? Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz als „bevorzugte Quelle“ einzustellen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen. Fertig.
Sie wollen Google meiden? Kein Problem, es gibt zahlreiche Alternativen. Stellvertretend erwähnt seien Ecosia, DuckDuckGo oder Startpage.
Mehr Details zur Funktion „bevorzugte Quelle“ bei Google finden Sie hier.
Einer Umfrage von Afrobarometer zufolge bewerten sieben von zehn Südafrikanern die wirtschaftlichen Auswirkungen von Einwanderung negativ. Zudem forderten 85 Prozent, die Aufnahme von Flüchtlingen einzuschränken oder ganz zu stoppen. Das Meinungsforschungsinstitut Ipsos ermittelte, dass fast drei Viertel der Befragten Einwanderern aus anderen afrikanischen Ländern überhaupt nicht vertrauen.
Wie viele Ausländer leben in Südafrika?
Die Gegner von Einwanderung argumentieren, Südafrika werde von illegalen Migranten „überschwemmt“. Daten der nationalen Statistikbehörde StatsSA aus dem Jahr 2023 zeigen jedoch ein anderes Bild: Demnach lebten rund 3,1 Millionen Migranten im Land mit einer Gesamtbevölkerung von damals rund 63 Millionen. Im internationalen Vergleich ist dieser Wert niedrig. In Deutschland haben etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung einen Migrationshintergrund, in Großbritannien 17 Prozent, in Kanada 22 Prozent und in Australien 30 Prozent.
Kritiker entgegnen, dass die offiziellen Zahlen in Südafrika Einwanderer ohne regulären Status nicht vollständig erfassen. StatsSA betont jedoch, dass die Methodik der Volkszählung darauf ausgelegt ist, auch diese Gruppe zu berücksichtigen. „Es entsteht der Eindruck, dass Massen von Menschen ins Land strömen, aber die Daten sprechen eine andere Sprache“, sagte Anthony Kaziboni, Forscher an der Universität Johannesburg.
Sind Ausländer für Südafrikas Probleme verantwortlich?
Ein weiterer Vorwurf lautet, Ausländer seien für die hohe Kriminalitätsrate verantwortlich. Zwar veröffentlicht die Polizei keine Statistiken zur Nationalität von Straftätern, doch Zahlen des Justizministeriums aus dem Jahr 2017 zeigten, dass damals 11.842 Ausländer in südafrikanischen Gefängnissen einsaßen. Dies entsprach etwa sechs Prozent der gesamten Häftlinge – von denen 1.380 wegen illegalen Grenzübertritts inhaftiert waren. „Alle Belege deuten darauf hin, dass sich Migranten überdurchschnittlich gesetzestreu verhalten“, sagte Loren B. Landau, Professor für Migrationsforschung an der Universität Oxford. „Die meisten ihrer Delikte sind Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht.“
Auch die Behauptung, Migranten nähmen Einheimischen die Arbeitsplätze weg, deckt sich nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Einem Bericht der Weltbank aus dem Jahr 2018 zufolge entstehen durch die wirtschaftliche Tätigkeit für jeden beschäftigten Migranten etwa zwei Arbeitsplätze für Südafrikaner. Einwanderer gäben den Großteil ihres Geldes im Land für lokale Waren und Dienstleistungen aus, erklärte Lauren Gilbert vom Analysehaus GeoQuant.
Zudem wird Migranten ohne gültige Papiere vorgeworfen, die ohnehin knappen staatlichen Leistungen in Anspruch zu nehmen. Dem Experten Kaziboni zufolge ist es jedoch äußerst unwahrscheinlich, dass Menschen ohne Papiere staatliche Krankenhäuser oder Schulen nutzen, da sie dort registriert werden und eine Abschiebung befürchten müssten. Dass das Gesundheits- und Bildungssystem in Südafrika marode ist, führen Ökonomen vor allem auf chronische Unterinvestitionen und Korruption zurück.
Wurzeln in der Apartheid
Die Ursachen für die Fremdenfeindlichkeit liegen auch in der Geschichte des Landes. Während der Apartheid setzte die weiße Minderheitsregierung gezielt billige Arbeitskräfte aus dem afrikanischen Ausland in den Goldminen ein, um die Löhne niedrig zu halten und Gewerkschaften zu schwächen.
Heute leidet Südafrika unter einer der höchsten Arbeitslosenraten weltweit; rund ein Drittel der Bevölkerung ist ohne Beschäftigung. Die mangelhafte staatliche Versorgung führte zudem dazu, dass der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) bei den Wahlen im Jahr 2024 seine absolute Mehrheit verlor.
Die soziale Ungleichheit im Land gilt als die größte weltweit. Diese Faktoren schüren eine Unzufriedenheit, die sich leicht gegen Migranten kanalisieren lässt.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 60 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert