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Michael Brake GeschmackssacheSusi, Bella und eine Liebe für Kokain

Foto: Erik Irmer

Auf Bayerns Weiden lag im letzten Sommer Kokain rum. Jedenfalls manchmal. Dann ist sie wieder aufgestanden und hat ein wenig gegrast. Mindestens drei Milchkühe im Freistaat trugen 2025 den Namen „Kokain“, die Quelle dafür ist quasi amtlich, es handelt sich um die jüngst veröffentlichte Kuhnamenstatistik des „Landeskuratoriums der Erzeugerringe für tierische Veredelung in Bayern e.V.“, kurz „LKV Bayern“.

Diese Statistik listet sämtliche in einem Jahr lebende Milchkühe auf, nicht bloß die neugeborenen. Die Liste ist unfassbar lang, für 2025 umfasst sie 1.973 DIN-A-4-Seiten und fast 100.000 verschiedene Namen. Man muss dem LKV Bayern für diese Arbeit dankbar sein,His­to­ri­ke­r:in­nen werden daran noch viel Freude haben. Zum Beispiel hießen 2025 nur noch 20 Kühe Merkel, 2020 waren es 28 gewesen. Die Anzahl der Kamalas stieg im gleichen Zeitraum von 7 auf 28. Und aus einer Tiktok-Kuh 2020 sind 2025 bereits 19 geworden.

Eine Pflicht zur Namensgebung besteht nicht, und es haben auch nicht alle Kühe Namen. Grundsätzlich ist das eine Sache des Milchviehs, nicht der zum Verzehr vorgesehenen Tiere. Auch geben kleinere Höfe – von denen es in Bayern überdurchschnittlich viele gibt – Kühen eher Namen als Großbetriebe. Durchaus üblich ist, dass Kälber die gleichen Anfangsbuchstaben tragen wie ihre Mütter.

Der beliebteste Kuhname ist seit 1980 Susi, zuvor war es Alma. 2025 gab es 2.778 Susis, es folgen Bella, Heidi, Alma, Emma, Berta, Paula, Anna, Elsa und Lisa. Dabei ist Elsa ein absoluter Trendname, 2015 lag er noch auf Platz 57. Ebenfalls seitdem stark gestiegen: Luna (von Platz 56 auf 26), Ronja (von 78 auf 36) und Greta (von über 100 auf 71). Zu den großen Verliererinnen seit 2015 gehören Dora (von Rang 19 auf 46), Anita (von 27 auf 54) und Silke (von 50 auf 86).

Allerdings hießen 2015 noch viel mehr Kühe Susi (4.590) als heute. Der Grund dafür ist laut LKV nicht die Gesamtzahl der Kühe, sondern, dass mehr unterschiedliche Namen gewählt werden. Die Kreativität kennt keine Grenzen, in Bayern grasen etwa Sexihex, Wellness, Notruf, Erosion oder Netflix, und als Neuzugänge 2025 Abartig, Boxbunny, Fraktur und Oldenburg. Dazu kommen unzählige Fantasiebegriffe wie Abahats, Estellp, Lonilei oder Ospokus und (vermeintliche) Rechtschreibfehler wie Nyhmphe, Erpse oder Satelit.

Dass auch Kuhnamen regional spezifisch sind, zeigt eine vergleichbare Statistik für die Deutschschweiz. Dort ist seit Jahren Bella auf der 1, alle weiteren Namen der aktuellen Top 10 stehen in Bayern auf Platz 24 oder noch tiefer.

Michael Brake blickt jeden Monat auf neue und alte Trends in Restaurants, Küchen, Supermarkt­regalen - und manchmal auch in Kuhställen.

Alles klar? Dann bleibt nur noch die Frage, ob man die Milch der 47 bayerischen Kühe, die den Namen Hafer tragen, auch als Hafermilch verkaufen darf.

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