Mexikanische Regisseurin bei Berlinale: „Diese Jugendlichen wissen viel mehr als ich in ihrem Alter“
Die Filmemacherin Fernanda Tovar spricht über ihr Spielfilmdebüt „Chicas tristes“, innige Freundschaft, lebendige Nachbarschaften und surreale Momente.
taz: Frau Tovar, „Chicas tristes“ (Sad Girlz) ist ihr erster abendfüllender Spielfilm. Auf der diesjährigen Berlinale feiert er im Programm „Generation 14+“ seine Premiere. Produziert wurde das Debüt von „Colectivo Colmena“, einem Filmkollektiv, das Sie vor zehn Jahren in Mexico City mitbegründet haben. Wie hat diese Zusammenarbeit das Filmprojekt beeinflusst?
Fernanda Tovar: An der Filmhochschule wurde früher viel über die Rolle des Regisseurs gesprochen, der keine Zweifel kennt und keine Schwächen zeigt. Für mich ist das Kollektiv zu einem Ort geworden, an dem Zweifel und Unsicherheit willkommen sind. Mit der Unterstützung der Gruppe fühle ich mich viel freier herauszufinden, was wirklich interessiert. Beim Filmemachen gibt es Prozesse, die oft sehr einsam sind, beim Drehbuchschreiben wie beim Schnitt. Deshalb schätze ich die Gruppe, in der wir die Drehbücher der anderen lesen, uns Feedback geben und nach Produktionsstrategien suchen, die es uns ermöglichen, flexibler und mit weniger Geld mehr zu erreichen. So ist José Pablo Escamilla aus dem Kollektiv auch der Cutter des Films.
taz: Worum dreht sich Ihr Film?
Tovar: „Chicas tristes“ handelt von Maestra und Paula, zwei ungleichen Freundinnen. Die Mädchen verbindet Nähe und Vertrautheit. Sie philosophieren über die Welt, schwärmen für die Jungs aus ihrem Schwimmteam und machen sich Gedanken über den ersten Sex. Gemeinsam trainieren sie für die Teilnahme an einem internationalen Wettkampf in Brasilien. Doch auf der ausgelassenen Silvesterparty erlebt Paula ungewollt eine Situation, die alles verändert.
Fernanda Tovar, geboren 1991 in Mexico D.F., Filmstudium am Centro de Capacitación Cinematográfico (CCC). Sie ist Regisseurin, Drehbuchautorin und Mitglied von Colectivo Colmena. „Chicas tristes“ ist ihr Spielfilmdebüt.
taz: Worum ging es Ihnen dabei?
Tovar: Ich wollte nicht allgemein über das Thema sexuelle Gewalt sprechen. Vielmehr interessierte mich in dem Kontext die Freundschaft der jungen Frauen und die Verbindung zueinander. Was passiert, wenn beide uneinig sind, was zu tun ist? Und wenn die reale Situation, die eine Betroffene durchlebt, nicht mit der Theorie im Internet zusammenpasst? Es geht in dem Film nicht darum, was das Richtige ist, sondern eher um die Frage, wie wir einander in unseren Entscheidungen solidarisch begleiten können.
taz: Was während der Party auf der Toilette passiert, davon gibt es im Film keine Bilder.
Tovar: Stimmt. Diese Entscheidung haben wir im Team ganz bewusst getroffen. Wir wollten darüber sprechen, aber ohne die üblichen Bilder zu reproduzieren.
taz: Paula gefällt der Junge, sie nimmt sich vor, in dieser Silvesternacht den ersten Sex zu haben. Erst viel später, als die Freundin mit Fragen insistiert, gelingt es ihr, das Erlebte als Gewalt zu benennen.
Tovar: Das kulturelle und soziale System, in dem wir leben, befördert bestimmte Vorstellungen, wie wir sein sollten. Und in der Pubertät kommt ein Punkt, an dem das Haben oder Nicht-Haben von sexuellen Beziehungen einen bestimmten Status innerhalb der sozialen Gruppe verleiht. Das erzeugt sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen enormen Druck. Es ging mir also auch darum, eine männliche Figur zu porträtieren, die kein Psychopath ist und nicht verrückt, sondern Teil einer Gruppe von Jungen mit dieser Mobbing-Dynamik, in die auch Paula eingebunden ist. Manchmal passieren solche Dinge mit deinen Freunden, mit deinem eigenen Partner. Diese Gewalt ist schwer zu definieren. Auch wenn wir es lange nicht so betrachtet haben, handelt es sich doch um Gewalt. Inzwischen spricht man mehr darüber.
taz: Überzeugend interpretieren die Schauspielerinnen Rocío Guzmán und Daran Álvarez die Hauptfiguren, ihre Art, zu empfinden und zu kommunizieren. Wie haben Sie das komplexe Thema des Films mit den jungen Darstellerinnen entwickelt?
Tovar: Zunächst war ich etwas besorgt, ob wir die richtigen Worte finden würden. Aber diese Jugendlichen wissen viel mehr als ich in ihrem Alter. Eigentlich musste ich ihnen gar nichts erklären. Sie verstanden die Figuren und warum sie wollen, was sie wollen, vollkommen. Ich habe nie eine Hierarchie in der Unterhaltung mit ihnen gespürt habe. Es war ein Dialog, jeder hat seine Sichtweise zum Ausdruck gebracht, und wir haben uns so lange unterhalten, bis wir gesagt haben: Okay, darum geht es in dem Film, das ist es, was die Figuren fühlen. Ihre Perspektive hat mir Hoffnung gemacht.
taz: Wie andere Teenager ihrer Generation nutzen Paula und Maestra digitale Medien und soziale Netzwerke als festen Bestandteil ihres Lebens. Dennoch haben die Freundinnen auch ganz andere Interessen, chillen im trüben Planschbecken auf der Dachterrasse, legen Tarotkarten, lernen tanzen oder malen mit bunter Kreide auf den Asphalt. Was wollten Sie zum Ausdruck bringen?
Tovar: Das ist wohl eher ein Wunsch als ein Abbild der Realität, da wir offensichtlich immer mehr von der digitalen Welt absorbiert werden. Aber ich glaube, es ist wichtig, dass wir weiterhin Geschichten von Menschen erzählen, die reale menschliche Dinge tun und menschliche Erfahrungen außerhalb des Bildschirms machen. Ehrlich gesagt, habe ich lange danach gesucht, wie ich diesen Kontrast darstellen könnte. Man kann sich mit Chat GPT austauschen und Informationen erhalten, die einen bis ins Mark erschüttern. Am Ende bleiben nur Worte auf einem Bildschirm. Oder man kann mit seiner Freundin schweigend dasitzen und den Kontakt einer anderen Haut spüren, mit einem anderen Menschen, der atmet. Das auszudrücken, war meine Absicht.
taz: Maestra wohnt mit ihrem erwachsenen Bruder zusammen. Die Mutter sieht man nie. Paula lebt allein mit ihrem Vater. Mit welcher Absicht haben sie diese Familienkonstellationen gewählt?
Tovar: Ich wollte zwei männliche Rollen besetzen, die eine einfühlsame, verständnisvolle Seite zeigen. Und diese beiden Figuren, Vater und Bruder, bringen viel Liebe und Licht in den Film. Auf der anderen Seite ist die Mutter abwesend. Ich stelle mir vor, dass sie arbeitet, was etwas ganz Normales ist, wenn man sich das Leben immer weniger leisten kann und dann dazu gezwungen ist. Das ist ein Phänomen, das ich auch darstellen wollte, diese Abwesenheit, die nicht aus Vernachlässigung entsteht.
„Chicas tristes“:
16. 2., 10.15 Uhr, Cubix 6
17. 2., 12.30 Uhr, Zoo Palast 1
19. 2., 13 Uhr, Zoo Palast 2
21. 2., 18.45 Uhr, FaF
taz: Plätze eines ehemals modernen Wohnviertels sowie eine verglaste Schwimmhalle, in der die Freundinnen trainieren, sind visuell eindrucksvolle Drehorte. Wofür stehen diese Schauplätze?
Tovar: Ich lebe in Mexiko-Stadt und wollte unbedingt, dass man diese Stadt im Film spürt. Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es eine enge Gemeinschaft unter den Nachbarn, auch wenn das mit der Zeit ein wenig verloren gegangen ist. Solche Viertel mit Wohnblöcken funktionieren wie Ministädte. Die Leute bewegen sich dort immer noch zu Fuß und nehmen an Aktivitäten teil. Im Film beginnt Paula, sich zurückzuziehen und Plätze zu meiden, um einer bestimmten Person aus der Gruppe nicht mehr zu begegnen. Es beginnt also auch ein Streit um den Raum. Wenn wir traurig sind, wünschen wir uns vielleicht, dass die Welt stehen bleibt. Sie ist feindlich, aber bewegt sich weiter und es gibt Aktivitäten auf der Straße. Das wollte ich mit dem Ort darstellen. Diese Szenen haben wir in Coapa, im Süden von Mexiko-Stadt, gefilmt. Das Schwimmbad aber liegt etwa zwei Stunden entfernt, in Chimalhuacán, einer Gemeinde im Bundesstaat Mexiko, die eigentlich als ziemlich gefährlich gilt. Im Wasser treffen und verbinden sich die Freundinnen. Es zeigt eine andere Welt. Auch die Sprache der Kamera verändert sich.
taz: Wenn ein Schwein überraschend durchs Bild läuft, Nachbarn gemeinsam Cumbia tanzen oder Senioren Tai Chi üben, wirkt das im Film fast surreal. Was hat es damit auf sich?
Tovar: Als ich nach einem Jahr in Barcelona wieder nach Mexiko zurückgekommen bin, habe ich etwas zu schätzen gelernt, was mir vorher nicht aufgefallen war. Das ist dieser Surrealismus, der unseren Alltag prägt und manches als das Normalste der Welt erscheinen lässt. So wie dieses Schwein, dem wir bei den Dreharbeiten begegnet sind.
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