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Ende des MetaverseAbschied von der digitalen Utopie

Im Juni wird der Facebook- und Instagram-Konzern Meta seine Virtual-Reality-Plattform „Horizon Worlds“ abschalten. Ein letzter Rundgang.

Misogynie, Rammstein-Fans und viel Frust über Inflation – das alles gibt’s im Metaverse Foto: Brian Finke/NYT/Redux/laif

Das Metaverse teleportiert mich ins Urlaubsparadies. Mein Avatar – schwarzer Hoodie, kurze, graue Hose, weiße Sneakers – steht an einer palmengesäumten Plaza in „Horizon Central“, einer von vielen virtuellen Welten auf Metas VR-Plattform „Horizon Worlds“. In der Mitte: eine hellweiße Säule, die eine UFO-artige Dachkonstruktion stützt. Dahinter: ein futuristischer Betonbunker mit einer gigantischen Leinwand, auf der abwechselnd Videoschnipsel aus Computerspielen und Meta-Werbung laufen.

Links: eine Shopping-Mall („Shop Central“), deren Fassade irisierend wie eine Seifenblase blau und lila leuchtet. Es fühlt sich an, als wäre ich im LSD-Rausch an einem Flughafen in der Südsee gelandet. Alles wirkt smooth und unbeschwerlich. Avatare mit Namen wie Super.Geisha und meme714 laufen umher, ein Avatar im Anzug macht einen Freudensprung. Willkommen im digitalen Utopia!

Das Metaverse galt mal als die nächste große Sache im Silicon Valley. Facebook-Chef Mark Zuckerberg träumte von einem „embodied internet“, in dem man Freunde und Kollegen trifft. Marken wie Nike und Gucci eröffneten virtuelle Stores, Stars wie Travis Scott und Ariana Grande spielten Live-Konzerte vor Millionenpublikum. Doch dann rollte der KI-Zug an, und das Metaverse wurde zum Abstellgleis.

Der Meta-Konzern, der sich eigens umbenannt hatte, verbrannte schätzungsweise 80 Milliarden Dollar. Am 15. Juni wird Meta „Horizon Worlds“ abschalten – die Plattform wird dann nur noch mobil auf Smartphones oder Tablets und nicht mehr auf dem Virtual-Reality-Headset Quest verfügbar sein. Also auf zu einem letzten Besuch – mit dem iPad, damit man schon mal üben kann.

Nichts los hier

Mit meinem Avatar taste ich mich zur Platzmitte vor. Von weitem höre ich eine Gruppe Franzosen, die sich lautstark vor ein paar Reklametafeln unterhält. Ich sage „Bonjour“ und versuche mich in die Konversation einzuklinken, aber die Franzosen wollen lieber unter sich bleiben. Also flaniere ich weiter über den Platz und schaue über die Brüstung. Ein kleiner Kanal trennt die Ankunftsplattform von der gegenüberliegenden Seite. Ich gehe über einen blau markierten Pfeil. Ein kurzes Zischen, dann spuckt mich der Computer vor dem virtuellen Monumentalbau aus.

Das Gebäude wirkt riesig und überdimensioniert: Ein Treppenaufgang führt zu einem tempelartigen Eingang, der gigantische Bildschirm schaut auf einmal noch größer aus. Ich muss den Kopf meines Avatars ganz nach hinten strecken, um die Spitze des Baus zu sehen. Und komme mir plötzlich sehr klein vor. Die Architektur wirkt erdrückend.

Wer designt solche Bauwerke? Ich trete ein paar Schritte zurück, um mir einen Überblick zu verschaffen. Der runde Vorplatz wird von einer Handvoll Geschäften flankiert: Pizza Kitchen, Pets Park, Disney+. Doch an diesem Tag will niemand shoppen. Auch die Bootsanlegestelle („Bobber Bay Fishing“) ist verwaist. Ein Avatar steht etwas ratlos vor dem virtuellen Schild und verschwindet kurz darauf. Nichts los hier. Ich gehe zurück zum Vorplatz.

Ein babylonisches Sprachgewirr

Dort treffe ich Silverstone726. Der afroamerikanische Avatar trägt schwarz-weiße Sneaker, eine olivgrüne Strickmütze und ein enganliegendes Kurzarmshirt über seinem muskulösen Oberkörper. Ich sage ihm, dass ich hier zum ersten Mal und noch etwas orientierungslos bin. „Willkommen im Metaverse“, sagt Silverstone726 und führt mich über den Platz. Der Avatar vom Format eines Türstehers ist jetzt mein Guide und Bodyguard.

„Schau mal, dahinten, da kannst du einkaufen“, sagt Silverstone726 und zeigt mit dem Finger auf den „Central Shop“, die immersive Shopping-Destination in Horizon Central, wo Nutzer Avatar-Kleidung und Accessoires erstehen können. Ich kann nicht sehen, wer hinter der Datenbrille steckt, aber jedes Mal, wenn die echte Person sich streckt oder gähnt, tut es ihr der Avatar dank Body- und Motion-Tracking gleich. Ein wenig unheimlich ist das schon.

Mittlerweile ist der Platz gut gefüllt, und in dem babylonischen Sprachgewirr aus Spanisch, Englisch und Indonesisch verstehe ich nicht alles, was mir Silverstone726 in das Mikrofon seines Headsets sagt. „Komm mit“, sagt er und führt mich zu einer Rotunde. Auf meinem Display erscheint ein kleines Icon für einen Stuhl. Ich klicke darauf, und mein Avatar setzt sich auf die ringförmige Bank. Jetzt sind wir unter uns, die störenden Hintergrundgespräche sind unterdrückt.

Silverstone726 erzählt mir, dass er arbeitslos sei und an der Ostküste der USA lebt. Mehr will er nicht verraten. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz im Metaverse, dass man nicht viel über sein Privatleben preisgibt. Der Sinn und Zweck virtueller Welten besteht darin, die reale Welt hinter sich zu lassen und neue Identitäten anzunehmen.

Eine Art Realitätsflucht

Trotzdem kann man die Realität auch im Metaverse nie ganz abschütteln. Silverstone726 berichtet, wie ihn die Inflation als Arbeitsloser besonders trifft. „Der Preis für eine Gallone Benzin ist jetzt auf 4,90 Dollar gestiegen“, sagt er empört. Das Metaverse ist für ihn eine Art Realitätsflucht: Er verbringt hier seine Freizeit und schließt Freundschaften.

Wir steigen aus der Rotunde, dann trennen sich unsere Wege. Ich ziehe weiter und komme mit Gam3r.33499 in Gespräch, einem bunten Cyborg-Hasen-Hybrid. Dahinter verbirgt sich eine Frauenstimme aus Queensland. Sie komme öfter hier her, erzählt die Frau, sie treffe Menschen aus verschiedenen Nationen. „Du musst nicht fliegen, du kannst über den Globus hinweg reden“, sagt sie. Sie suche derzeit einen Job als Barkeeperin. Die Inflation zieht auch Down Under an, alles wird teurer. „Es ist sehr schwierig, sich ein Haus zu leisten“, klagt sie. Auch für Gam3r.33499 ist „Horizon Worlds“ Reduit.

Doch das Metaverse ist eben nicht nur ein Zufluchtsort, sondern auch ein gefährlicher Ort, zumindest für Frauen. 2022 machte der Fall einer virtuellen Vergewaltigung in „Horizon Worlds“ Schlagzeilen: Die Wissenschaftlerin Nina Jane Patel berichtete, wie ihr Avatar von einer Gruppe Männern bedrängt und sexuell angegriffen wurde.

Meta reagierte mit neuen Sicherheitsstandards und führte einen Mindestabstand („Personal Boundary“) ein, um Nutzer vor Belästigung im Metaverse schützen. Das Metaverse ist trotzdem immer noch eine Macho-Veranstaltung. Ich spüre das nicht direkt, weil mein Avatar männlich designt ist, aber wenn man den Gesprächen lauscht, vernimmt man öfter einen misogynen, sexistischen Ton.

Ein Brasilianer erzählt, dass er Rammstein möge

Auf den Treppenstufen hängen ein paar dunkle Gestalten ab, aus der Ferne höre ich ihren US-amerikanischen Akzent. „You better run away, bitch!“, ruft ein Avatar mit Gangsterklamotten und Dreadlocks. Plötzlich fühlt es sich an, als wäre ich nicht im Metaverse, sondern in der Bronx.

Auf die Frage, ob hier Frauen belästigt werden, ernte ich an anderer Stelle nur Gelächter. Als ich die Konversation eines Männertrios crashe und mich als Deutscher oute, fragt mich ein Nutzer namens Saintzzuxin – laut eigener Aussage Brasilianer –, warum man in deutschen Pornofilmen schwarze Socken trage.

Ich zögere einen Moment, weil ich gar nicht weiß, ob das ein Spezifikum deutscher Pornoproduktionen ist, da offenbart mir Saintzzuxin, dass er die Band „Rammstein“ möge. Sein Lieblingssong: „Du hasst mich.“ Er singt ihn mit seinem brasilianischen Akzent nach und lacht danach. Der Ton ist gesetzt. Und ich bin froh, dass ich das Metaverse am Ende per Knopfdruck verlassen kann.

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