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„MeineGenerationkenntdieGeschichtenkaum“

David Uclés hat einen erfolgreichen Roman über den Spanischen Bürgerkrieg geschrieben, der vor genau 90 Jahren mit einem Putsch begann. In der Schule habe er nichts über diese Zeit gelernt, erzählt der Autor – und fordert echte Aufarbeitung

Von Edith Kresta und Reiner Wandler (Gespräch) und Santi Burgos (Foto)

Wir treffen uns in der kleinen Buchhandlung Sin Tarima im Zentrum von Madrid. Drei Frauen im Laden – um die 50 Jahre alt – erkennen David Uclés sofort und beglückwünschen ihn zu seinem Buch „La península de las casas vacías“ – Die Halbinsel der verlassenen Häuser. Es spielt in einem fiktiven andalusischen Dorf während der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939. Die Protagonisten des Dorfes bewegen sich durch das Land und erleben den Krieg an verschiedenen Fronten. Die Frauen im Laden loben Uclés überschwänglich und erzählen, dass sie ihre eigenen Familiengeschichten im Buch wiedergefunden hätten.

taz: Herr Uclés, Ihr Buch hat in Spanien bereits die 26. Auflage erreicht. Das ist verwunderlich, normalerweise verdrängen viele Spanier den Bürgerkrieg lieber.

David Uclés: Dass so viele Menschen das Buch lesen wollen, hat mich auch überrascht. Ich denke, es liegt daran, dass zum ersten Mal der Krieg in ganz Spanien in einer Geschichte erzählt wird, die Schauplätze sind über das Land verteilt. Es gab auch vorher schon Geschichten aus einer Region, über eine bestimmte Familie, eine Schlacht, eine Belagerung, aber es gab kein Gesamtbild. Ein anderer Grund ist möglicherweise der Stil.

taz: Sie schreiben im Stil des magischen Realismus.

Uclés: Ich erzähle die Geschichten meiner Familie in einem Dorf, in dem sich das Magische und das Reale vermischen. Dieser Stil ist in Spanien im Gegensatz zu Lateinamerika sehr wenig verbreitet, aber er spricht die Menschen offensichtlich an.

taz: Wie kamen Sie auf die Idee für das Buch?

Uclés: Mein Großvater stammt aus einem sehr kleinen Dorf in den andalusischen Bergen, wo viele Oliven wachsen. Er erzählte oft Geschichten von früher, viele spielten in den 1930er Jahren. Über seine Erzählungen erfuhr ich immer mehr über den Bürgerkrieg. Ich dachte: Meine Güte, in der Schule hat mir niemand davon erzählt.

taz: Im Juli 1936, also vor genau 90 Jahren, versuchten Militärs unter General Franco einen Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung. Dieser Putsch führte zu einem blutigen Bürgerkrieg, der knapp drei Jahre dauerte und der die spanische Gesellschaft in zwei Lager teilte, Faschisten und Republikaner. Nach dem Sieg der Faschisten 1939 errichtete Franco eine Diktatur.

Uclés: Meine Generation kennt die Geschichten aus dieser Zeit kaum. Sie hat keine Beziehung zum Bürgerkrieg. Sie weiß nichts darüber, weil wir es in der Schule nicht vermittelt bekommen haben. Über den Krieg wissen in Spanien nur jene Bescheid, die sehr, sehr, sehr politisch sind. Nach den Erzählungen meines Großvaters habe ich angefangen, mich mehr damit zu beschäftigen. Als ich las, was im Land geschehen ist, hat mich das sehr bewegt. Ich fand es unglaublich.

taz: Stimmt es, dass Sie fünfzehn Jahre lang für das Buch recherchiert haben?

Uclés: Ich habe 2009 mit dem Schreiben angefangen. Es waren fünfzehn Jahre Arbeit, aber die Recherche selbst hat nicht so lange gedauert. Ich hatte zwei Forschungsstipendien, die es mir ermöglichten, durch ganz Spanien zu reisen. Ich bin in alle Provinzen gefahren und an all die Orte, wo wichtige Dinge des Krieges passierten, um eine Art anthropogeografische Karte des Landes zu erstellen. Sieben Jahre lang habe ich nur über den Bürgerkrieg gelesen. Essays, Romane, Biografien. Ich suchte die Zeugnisse älterer Menschen. Ich war in allen historischen Museen des Landes. Ich war besessen von dem Thema.

taz: Das klingt intensiv.

Uclés: Es waren fünfzehn Jahre ohne Sozialversicherung, mit vielen Reisen. Ich habe von Straßenmusik gelebt und von Bildern, die ich gemalt habe. Ich hatte Angst und dachte: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Es war anfangs nicht leicht.

taz: In Ihrem Buch benutzen Sie sehr viele, heute fast in Vergessenheit geratene Ausdrücke, eine besondere Sprache.

Uclés: Ich komme aus einer Familie von Olivenbauern, ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr auf dem Land gelebt. Bei uns gab es kein Buch, keine Schallplatte, keinen Film, nichts. Ich hatte nur das Land. Und das Land hat seine Sprache. Die Sprache der Instrumente, mit denen man es bearbeitet, der Landschaft, der Bäume, der Erde. Das ist eine eigene Sprache, und diese ländliche Sprache ist mir vertraut.

taz: Aus dem Jungen vom Dorf wurde ein bekannter Schriftsteller. Wie haben Sie das geschafft?

Uclés: Durch das Lesen. Mein Vater schimpfte mit mir, wenn ich Bücher kaufte, ich musste sie heimlich nach Hause bringen, weil er wollte, dass ich das Geld spare. Für meine Zukunft. Ich weiß nicht, warum ich angefangen habe zu lesen. Ich war schon immer kreativ – ich male, singe, spiele Akkordeon, ich lerne gerne Sprachen. Ich war immer sehr neugierig.

taz: War die Kunst für Sie eine Zuflucht?

Uclés: Ja. Man hat mich wegen meiner Homosexualität beleidigt, geschlagen, das war furchtbar. Aber ich habe das nie als Trauma empfunden. Wenn mich jemand „Schwuchtel“ nannte, habe ich ihn zurückbeleidigt.

taz: Wer hat Sie beleidigt, die Leute im Dorf?

Uclés: Ja. Mein Vater ist Polizeibeamter der Guardia Civil. Er hat mir immer sehr viel Liebe gegeben, er hat mir auch nie wegen meiner sexuellen Orientierung einen Vorwurf gemacht oder mich deshalb beleidigt. Mein Vater hat mal rechts, mal links gewählt, er ist ein seltsamer Vogel. Aber seine Freunde, andere Polizeibeamte, die waren homophob. Auch mein Großvater nannte mich „Schwuchtel“, obwohl wir später sehr gute Freunde wurden. Das rückständige Umfeld war erstickend, und die Kunst war mein Zufluchtsort. Wahrscheinlich kommt meine kreative Sensibilität daher.

taz: Das Buch war Ihr großer Durchbruch. Sie haben mit dem Roman geschafft, dass man über etwas spricht, über das man lange nicht sprechen wollte, das Trauma des Bürgerkriegs.

Uclés: Vierzig Jahre lang erzählte das franquistische System eine Lüge darüber, was passiert ist. Über die vielen Opfer wurde nicht gesprochen. Mit dem Übergang zur Demokratie erzählten dann die Besiegten, die Linken, die Republikaner oder Leute, die aus republikanischen Familien stammen, ihre Sicht auf die Ereignisse des Bürgerkrieges. Sie forderten die Aufklärung der Ereignisse, die Suche nach den Opfern.

taz: Sie erzählen den Roman aber nicht aus der Perspektive der Republikaner.

Uclés: Nein, ich versuche die Ereignisse unvoreingenommen wiederzugeben. In den ersten Monaten mussten sich die Verfechter der Republik verteidigen. Sie wurden von den Truppen Francos angegriffen, das darf man nie vergessen. Es bildeten sich zwei Lager. Es gab zwei Armeen, die republikanische zur Verteidigung der Republik und die Militärs Francos. Daraus wurde ein Bürgerkrieg. Die Republik brach zusammen, es gab keine Polizei, keine Ordnung, keine Gesetze. In den Dörfern nahmen die Leute die Dinge in die eigene Hand, sie nahmen Rache, die oft politisch verbrämt wurde. Es gab schon vorher Konflikte zwischen Nachbarn, zwischen Brüdern und Cousins. Diese Konflikte wurden nun häufig ideologisiert.

taz: Zum Beispiel?

Uclés: Wenn der Bürgermeister sozialistisch war und jemanden schlecht behandelte, brachte der ihn um. Oder wenn der Bürgermeister von der rechten Seite war und einem Homosexuellen versuchte, seine Moral aufzuzwingen, dann brachte der ihn um. Solche ideologisch aufgeladenen Konflikte habe ich in allen Regionen festgestellt. Ich recherchiere, ich gleiche ab und versuche, das in epischer Form aufs Papier zu bringen. Ich vergleiche mich gern mit einem Fotografen. Ich gehe an die Orte, fotografiere und stelle aus.

taz: In Ihrem Buch gibt es viele Protagonisten. Sie machen es einem nicht leicht, die Figuren sympathisch zu finden, man kann sich nur schwer mit ihnen identifizieren.

Uclés: Es ist ein Chorroman mit vielen verschiedenen Stimmen. Es ist kein Roman, bei dem du dich an vier Hauptfiguren hängen kannst, sondern etwas anderes. Man kann es vergleichen mit dem Dorf Macondo in dem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. Die Figuren wechseln.

David Uclés

Der Künstler

David Uclés wurde 1990 im andalusischen Úbeda geboren. Er studierte Übersetzung für Deutsch, Französisch und Englisch in Córdoba, Münster und Granada. Heute ist er Schriftsteller, Musiker und Zeichner.

Das Buch

Ein Soldat, der sich selbst die Haut aufschneidet, um Asche herauszulassen; eine Bäuerin, die alle Bäume ihres Gartens schwarz anmalt: Das Buch „La península de las casas vacías“– „Die Halbinsel der verlassenen Häuser“ – ist David Uclés‘ drittes Buch, ein epischer Roman im Stil des Magischen Realismus. Es wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der Roman wird in zehn Sprachen übersetzt und erscheint demnächst im Secession Verlag auch auf Deutsch.

taz: Und Sie als Autor wollen sich auf keine Seite stellen?

Uclés: Es tat mir beim Schreiben weh, wenn es eine linke politische Figur gab, die Schlechtes beging. Weil man die Welt gerne in Schwarz und Weiß aufteilt, links die Guten, rechts die Schlechten. Aber so einfach ist es nicht. Natürlich war das republikanische Lager viel weniger aggressiv und gewalttätig als das faschistische. Die Faschisten haben den Krieg provoziert. Aber es gibt auch Drama auf ihrer Seite. Der Bürgerkrieg war ein Drama für das ganze Land.

taz: Die Faschisten rissen gewaltsam die Macht an sich. Sie waren die Aggressoren und Profiteure des Bürgerkriegs.

Uclés: Ja, und trotzdem: Dieses Land käme besser voran, wenn zwei Dinge geschehen würden: Wenn die Rechte akzeptieren würde, dass sie den Krieg provoziert hat. Und wenn die Linke akzeptieren würde, dass – sobald die Rechte den Krieg provoziert hatte – sich alle gegenseitig umbrachten. Solange die Linke und die Rechte diese These nicht akzeptieren, wird es Hass auf beiden Seiten geben.

taz: Womit wir bei der Frage der Aufarbeitung wären. Was macht Ihr Buch mit den Menschen, die zu Ihren Lesungen im ganzen Land kommen?

Uclés: Ich habe im vergangenen Jahr mehr als 300 Lesungen gehabt, und die Leute waren überaus bewegt. Sie mögen die Geschichten, die Atmosphäre des Dorfes. Man sagt mir auch oft: Ich kann meinen Großvater sehen. Ich kann meinen Vater sehen. Irgendwie sind wir ja alle vom Dorf.

taz: Spricht das Buch vor allem die Älteren an?

Uclés: Im ersten Jahr waren bei den Lesungen alles Ältere. Aber jetzt kommen die Jungen, weil sehr viele Universitäten und Schulen mein Buch auf den Lehrplan setzen. Viele jungen Leser sagen mir: Danke, denn jetzt weiß ich, was passiert ist.

taz: In diesen Tagen wird an den Beginn des Bürgerkriegs erinnert. Wie steht es um die Aufarbeitung der Schrecken des Krieges?

Uclés: Von einer echten Aufarbeitung kann keine Rede sein. Wir brauchen eine demokratische Aufarbeitung für die Opfer auf beiden Seiten. Stattdessen gibt es eine neue Rechte.

Bei uns gab es kein Buch, keine Schallplatte, keinen Film, nichts. Ich hatte nur das Land. Und das Land hat seine Sprache. Die Sprache der Instrumente, mit denen man es bearbeitet, der Landschaft, der Bäume, der Erde

taz: Nach einer Umfrage sagen 21 Prozent der Spanier, die Diktatur war gut.

Uclés: Die extreme Rechte in Spanien nutzt die sozialen Netzwerke, um die populistische, nationalistische, faschistische Botschaft aus der Zeit des Krieges oder der Diktatur an die Jugendlichen heranzutragen, an die 14- bis 18-Jährigen. Und sie schaffen es. Die Rechte will keine demokratische Erinnerung. Die Linke schon. Bis heute will die Rechte nichts vom Krieg hören.

taz: Laut Schätzungen von Experten existieren in Spanien weiterhin rund 6.000 nicht ausgehobene Massengräber mit über 100.000 Opfern. Im Jahr 2007 wurde das Gesetz des historischen Gedenkens verabschiedet, es verurteilt das Franco-Regime, verlangt die Entfernung faschistischer Symbole und unterstützt die Suche nach den Massengräbern. Ist dieses Gesetz wirkungslos geblieben?

Uclés: Es gibt bislang keine demokratische Erinnerung, sonst würden nicht so viele Jugendliche heute in den Schulen „Arriba España, es lebe Franco“ rufen. Vor allem junge Männer singen das faschistische Kampflied „Cara al sol“. Ich war an einer Menge Schulen, um das Buch vorzustellen. Für die Cadena SER, den ältesten und größten Radiosender Spaniens, mache ich einen Podcast zum Bürgerkrieg. Denn es sind immer die gleichen Erzählungen der Rechten: von Einwanderern, die uns die Arbeit wegnehmen und einheimische Frauen vergewaltigen; von den Arabern, die man doch in der glorreichen Reconquista – der Rückeroberung – gegen die Mauren vertrieben hatte. Wir haben rechte Politiker, die die Stimmung anheizen, um Wähler zu gewinnen. Das ist nicht gut.

taz: Es ist dringend nötig, die historische Erinnerung wachzuhalten?

Uclés: Ja, ich verteidige das bei allen Vorträgen, ich prangere die fehlende Aufarbeitung an. Wenn ich in eine Provinz gehe und dort noch immer Straßen nach Persönlichkeiten der Diktatur benannt sind, dann ist es das Erste, was ich im öffentlichen Fernsehen kritisiere. Ich habe sehr viele Beispiele. Aber es gibt in diesem Land kein Museum des Krieges oder der kollektiven Erinnerung an das, was Spanien erlitten hat. Es gibt kein einziges Museum des Bürgerkriegs.

taz: Es soll eine Gedenkstätte am bisherigen franquistischen Pilgerort, dem Tal der Gefallenen, entstehen.

Uclés: Es wäre ein guter Ort. Aber die Rechte wird das nicht zulassen.

taz: Dass die Rechte wieder so stark geworden ist und auch junge Leute die Diktatur idealisieren: Macht Ihnen das Angst?

Uclés: Ja, auch persönlich, weil ich eine öffentliche Person bin. Ich werde beschimpft und bedroht.

taz: Als Sie bei Ihren Recherchen durch Spanien reisten, hat sich da Ihre Sicht auf das Land verändert?

Uclés: Es ist ein viel reicheres Land, als ich dachte. Unglaublich. Meine beste Freundin schickte mir ein Foto mit Palmen aus Costa Rica. Aber warst du schon mal in Elche?, fragte ich sie. Da gibt es den größten Palmenhain Europas. Warst du in Plasencia, wo es immer regnet, obwohl es in der Extremadura liegt? Warst du in Cuenca, bei den Torcas de los Palancares? Es gibt überall Schönheit um uns herum.

taz: Hat Sie die Arbeit an dem Buch politisiert?

Uclés: Ja, Ich bin heute fortschrittlicher und militanter als früher. Klarer. Mit so vielen Menschen zu sprechen, so viele Zeugnisse zu sehen, bedeutet, die Wunden besser zu verstehen. Am Anfang habe ich nicht viel über Politik geredet. Aber ich habe dann verstanden, dass man in diesem Land immer kritisiert wird. Dann lasse ich mich lieber für meine Haltung kritisieren, ich schweige nicht mehr. Ich sage offen, dass ich links wähle.

taz: Wie bekommt Ihnen der Erfolg?

Uclés: Ich genieße es, nun Geld zu haben. Aber die große Aufmerksamkeit macht mir auch Angst. Es ist manchmal verwirrend. Deshalb nehme ich jetzt eine Auszeit, ich will für anderthalb Jahre ins Ausland gehen.

Edith Kresta war Korrespondentin in Madrid auf dem Höhepunkt der „Mo­vida“, des kulturellen Befreiungsschlags nach Franco ab Mitte der 80er.

Reiner Wandler ist seit den 90ern Korrespondent in Madrid. Er schreibt immer wieder über die Vergangenheitsbewältigung, mit der sich Spanien schwertut.

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