Medizinische Versorgung: Entscheidungen im Notfall auf der Intensivstation
Angehörige müssen manchmal Entscheidungen für andere treffen. Doch entsprechen sie dem Patientenwillen? Das untersucht eine neue Studie.
Auf der Intensivstation dürfen Patient:innen grundsätzlich selbst über die Durchführung der nötigen Maßnahmen entscheiden. Doch was passiert, wenn sie dazu nicht in der Lage sind, etwa weil ihr geistiger oder körperlicher Zustand dies nicht zulässt? In solchen Fällen müssen die Angehörigen die Entscheidung treffen. Dies kann auch Maßnahmen betreffen, die zuvor nicht besprochen wurden – zum Beispiel eine maschinelle Beatmung oder eine Organspende nach dem Hirntod. Im schlimmsten Fall kann es dadurch vorkommen, dass die Angehörigen Entscheidungen treffen müssen, die von Patient:innen nicht gewollt waren.
Die Studie
Die Frage, wie gut Menschen über die Wünsche ihrer Angehörigen auf der Intensivstation informiert sind, haben Wissenschaftler:innen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf untersucht.
Dazu befragten sie Patient:innen auf einer Station sowie deren Angehörige mithilfe eines Interviews sowie einem speziell entwickelten Fragebogen. Dieser enthielt unter anderem Fragen zur Intensivtherapie – etwa, ob sie künstliche Ernährung, ein Kunstherz oder eine Organtransplantation nach dem Hirntod akzeptieren würden. Außerdem ging es um Vorstellungen zur Lebensqualität: Wie wichtig ist die Mobilität? Wäre es akzeptabel, dauerhaft bettlägrig oder vollständig auf fremde Hilfe angewiesen zu sein? Ziel der Studie war es, herauszufinden, inwieweit die Angehörigen die Wünsche der Patient:innen kennen oder in ihrem Sinne entscheiden würden.
Du liest einen Text aus unserem Zukunfts-Ressort. Wenn Du Lust auf mehr positive Perspektiven hast, abonniere TEAM ZUKUNFT, den konstruktiven Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien. Jeden Donnerstag bekommst du von uns eine Mail mit starken Gedanken für dich und den Planeten.
In den meisten Fällen trafen sie dabei den Willen der Patient:innen. Im Durchschnitt stimmten der tatsächliche und der vermutete Patientenwille in 4 von 5 Fällen überein. Je nach Maßnahme gab es jedoch deutliche Unterschiede: Die größte Übereinstimmung gab es bei der Gabe von Antibiotika oder bestimmten Medikamenten, die im Schockzustand gegeben werden – dann, wenn der Körper nicht ausreichend Sauerstoff bekommt. Die geringste beim Kunstherz. Insgesamt war sich nur ein Drittel der Befragten bei der Beantwortung der Fragen sicher. Etwa 60 Prozent der Patient:innen hatten ihre Wünsche vor der Behandlung mit den Angehörigen besprochen.
Was bringt’s?
Die Studie zeigt, wie wichtig die Kommunikation zwischen Patient:innen, Angehörigen und medizinischem Personal ist. Denn falsche Einschätzungen können dazu führen, dass Menschen entgegen ihrem Willen behandelt werden. Die Studienautor:innen betonen, wie wichtig es ist, Information über Prognosen und mögliche Komplikationen medizinischer Eingriffe transparent zu teilen. Zudem bietet die Studie Anknüpfungspunkte für weitere Forschung dazu, welche Methoden am besten geeignet sind, die Wünsche nicht entscheidungsfähiger Patient:innen zu erfassen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert