Medienkritik: Was falsch läuft in Nachrichtenredaktionen
Tagesaktueller Journalismus ist herausfordernd, doch die Qualität nimmt ab. Warum es wieder mehr um Recherche und weniger um Egos gehen sollte.
K rieg, Tod, Pandemien. Siehe da, ein entlaufenes Känguru. „Nachrichtenredaktion“ ist ein Arbeitsplatz, gelegentlich ein interessanter sogar. Ich habe da viel Zeit meines Berufslebens verbracht und das durchaus mit Herzblut. Anteil haben zu können an der öffentlichen Meinungsbildung, ist ja auch eine ganz erhebende Angelegenheit. Vierte Gewalt, gelebte Demokratie, Bundesverdienstkreuz der Herzen. Alles wissen, sortieren, mitteilen.
Aber irgendwann fällt auf, dass dieser doch etwas arrogante Politik- und Welterklärungsmodus auch nur deshalb funktioniert, weil kaum jemand zurückblättert. Ich hatte privat für mich die Definition eines guten Journalismus mal so formuliert: „Wissen, was als Nächstes passiert.“ Die Idee dahinter erschließt sich vermutlich von selbst – genauso, warum ich das Motto bald einschränken musste: „Mit Glück ahnen, welche Fortgänge eventuell plausibel und möglicherweise wahrscheinlich sind.“
Aber selbst das schien zu hoch gegriffen für das hektische Tagesgeschäft. In dem gefangen, kann man selbst daran scheitern, bereits Geschehenes adäquat darzustellen. Auf so einer Nachrichtenwebsite zum Beispiel wird die Welt unter hohem Druck in kleine Häppchen geteilt, verschlagwortet und als reichlich schiefes Puzzle wieder ausgespuckt.
Je nach Tagesform kriegt man das mutmaßlich Wichtigste einigermaßen gerichtsfest abgebildet. Von halbwegs stabilen Prognosen brauchen wir da gar nicht erst zu reden. Die daneben zum genormten journalistischen Programm gehörenden Meinungsbeiträge demonstrieren dann mehr Wunschdenken und Tribalismus denn analytisches Gespür.
Eitelkeit statt Plausibilität
Dementsprechend überzeugen Kommentare der Nachrichtenmedien in der Regel nur jenen Teil des Publikums, dessen bereits bestehende Meinung sie jeweils befestigen. Die mit vielen großen Worten geführte Debatte ist dann keine Übung im öffentlichen Denken, sondern eine Waffenschau. Mensch, ein unangenehm frischer Zug weht hier auf einmal durch mein schickes neues Glashaus.
Klar, so ein bisschen draufhauen hat auch seinen Sinn und seine Zeit. Es interessiert mich nur nicht mehr so sonderlich. Vor allem dann nicht, wenn es von jenen Welterklärern stammt, die ihre Prognosen kaum nach Plausibilitäten, sondern mehr nach Eitelkeit und Opportunität ausrichten.
Ich habe den Typus zur Genüge aus der Nähe erlebt: Menschen (nicht ausschließlich, aber mehrheitlich Männer), die ganz offensichtlich schon sich selbst und ihre unmittelbare Umgebung kaum verstehen, aber ganz genau wissen, wie’s so läuft mit den [hier random Nationalität einfügen: „Russen“, „Israelis“, „Iranern“ usw.]. Das wird alles so weggerotzt. Morgen fragt niemand mehr danach. Ahnungslosigkeit ist zwar keine notwendige Bedingung, aber eben auch kein Hinderungsgrund.
Es ist ein Puma dieses Jahr, oder? Hauptsache, weg aus Sachsen-Anhalt. Fragen Sie mal den dortigen Ministerpräsidenten. Ich glaube, ich weiß, was mit dem als Nächstes passiert.
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