Matthias Mohr über Empathie: „Mehr Dialog als Umarmung“

Der künstlerische Leiter des Berliner Radialsystems setzt in seiner Arbeit auf Empathie gegen gesellschaftliche Spaltung.

Porträt eines Mannes

Matthias Mohr, Künstlerischer Leiter am Radialsystem Berlin Foto: Killa Schuetze

taz: Matthias Mohr, sind Sie immer höflich zu digitalen Assistentinnen?

Matthias Mohr: Das kann ich klar mit Nein beantworten.

Erstaunlich, dass sogar Leute wie Sie die Contenance verlieren, wenn sie statt mit einer Service-Arbeiterin mit einer Maschine sprechen müssen.

Vielleicht wird sich das bald ändern. Die Art des Algorithmengebrauchs ist ja bislang noch rudimentär. Was müssen sie können, damit wir nicht nur die Contenance bewahren, sondern vielleicht sogar eine Beziehung zu ihnen aufbauen?

Um diese Beziehung drehte sich in Ihrem Programm „New Empathies“ die begehbare ­Installation „Pillow Talks“ von Begüm Erciyas.

Matthias Mohr spielte einst in einer Punkband mit drei Frauen, studierte Angewandte Theaterwissenschaften, arbeitete als Komponist und als Dramaturg der Ruhrtriennale an der Seite von Heiner Goebbels. In seiner Zeit als Dramaturg des Choreografischen Zentrums PACT Zollverein in Essen beschäftigte er sich intensiv mit zeitgenössischem Tanz. Als Künstlerischer Leiter des Berliner Radialsystem versucht er, einen Ort der Vielstimmigkeit zu entwerfen und widmet sich seit zwei Jahren dem Begriff der Empathie.

Tatsächlich waren die Algorithmen so schlau programmiert, dass ich mich von ihnen abgeholt fühlte. Am Ende haben wir ein Lied zusammen gesungen und ich konnte fast vergessen, dass mein Gegenüber eine digitale Assistentin war.

Ich war auch dort, habe mich auf ein Lautsprecherkissen gelegt und mein Aggressionslevel steigen gefühlt. Was habe ich falsch gemacht? Im Vorfeld zu oft mit O2 telefoniert?

Ich denke, es ging der Künstlerin nicht um die Aussage, wie toll Algorithmen sind. Vielmehr steht hinter der Arbeit auch die Frage, wie manipulierbar wir sind. Algorithmen sind programmiert und reproduzieren die alltäglichen Stereotypen, die wir mit uns rumtragen. Sie greifen immer zurück auf etwas, was wir schon kennen. Die Gefahr, unseren Alltag durch die Programmierung noch viel mehr auf diesen Vorurteilen und Stereotypen aufzubauen, besteht.

Sie sind seit zwei Jahren künstlerischer Leiter des Radialsystems und setzten seither programmatisch auf Empathie. Gab es einen Schlüsselmoment dafür?

Die Programmreihe „New Empathies“ geht am 29./30. August Wochenende mit den Arbeiten „In Some Sense“ von Tilman O’Donnell & Mikkel Ploug, „My only Memory“ von Juan Dominguez und „Sound fields“ von Wojtek Blecharz in ihre vorerst letzte Runde.

Ich habe mich dem Begriff der Empathie und seiner Wichtigkeit in Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Auseinanderdriftens erst einmal intuitiv genähert. In den letzten Jahren wurde er unglaublich aufgeladen – und oft auch verdammt. Das habe ich versucht zu verstehen. Meist wird er mit Mitleid verwechselt, was ja etwas Unproduktives haben kann: Man leidet mit und das war’s dann. Im Empathiebegriff steckt dagegen mehr ein Einfühlen als ein Mitfühlen, oder, wie der Soziologe Richard Sennett sagt, mehr Dialog als Umarmung. Man bewahrt sich also eine Distanz zum Gegenüber, aus der heraus man handlungsfähig bleibt. Auf dieser Basis kann eine Resonanz entstehen und sich etwas Drittes, ein dritter Raum öffnen.

Wem öffnet sich dieser Raum, welchen gesellschaftlichen Gruppen? Stichwort „Mit Rechten sprechen“ oder wie viel Empathie braucht ein Verschwörungstheoretiker?

Unsere Verantwortung liegt nicht darin, jenen, deren Verhalten sich durch Empathielosigkeit auszeichnet, einen repräsentativen Raum zu geben. Der Verlust von Empathie führt zu Mitteln, die auf den Prinzipien von Macht und Unterdrückung aufbauen. Man kann nun so weit zurückgehen, sich zu fragen, wofür das, was im politischen Raum passiert, das Ventil ist – und feststellen, dass unter Umständen schon im Vorpolitischen ein Mangel an Liebe und Verständnis herrscht, was dann zu Formen von Negativkompensation führt. Der Verlust von Empathie bedeutet, dass wir, früher oder später, zu Tätern werden. Ich benutze hier bewusst die männliche Form, weil ich zum Beispiel an Gewalt gegen Frauen denke, die im Zusammenhang mit der Coronakrise massiver wurde, aber auch an die großen weltpolitischen Konflikte, in denen wir uns befinden. Hass darf nicht mehr Raum bekommen. Die Frage ist: Wie schaffen wir ein gesellschaftliches Klima, das nicht auf falschverstandener Stärke basiert?

Ja, wie? Kunst ist kulturell codiert. Geht es nicht in erster Linie um den fast martialischen Akt des Knacken von Codes?

Oft viel mehr, als wir uns das als Kulturschaffende eingestehen wollen. Beziehungsweise ist es sehr schwierig, uns darüber bewusst zu werden, welche Codices im kunsthistorischen Kanon des Westens vorherrschen und wie stark wir ihn als vorherrschendes System, das alle verstehen, voraussetzen. Dabei ist das Wesen von Kultur per se nicht Homogenität. Ich finde in dieser Beziehung den Begriff der Transtraditionalität wichtig. Schon allein die Berliner Kulturszene beruht auf unzähligen Traditionen. Es wäre – jetzt werde ich ein wenig pathetisch – wunderbar, wenn es uns im Radialsystem gelingt, sie aufeinanderprallen zu lassen und ein Klima zu schaffen, in dem die „Überlegenheit des Eigenen“ ein wenig abblättert.

Ist die vierte Wand, also die Trennung von Zuschauer_in und Bühnengeschehen, die wir inzwischen für altmodisch und teils verzichtbar erklärt haben, nicht eigentlich ideal, um eine Resonanz aus der empathischen Distanz heraus entstehen zu lassen?

Es muss keine vierte Wand sein, aber eine Situation, die es mir als Zuschauer_in ermöglicht, meine Autonomie zu wahren und Distanz einzunehmen, halte ich für produktiv. Das kann sich räumlich beispielsweise auch so niederschlagen, dass ich mich einem Objekt oder Geschehen nähern kann und wieder entfernen. Das kann sich aber auch in einer traditionellen Bühnensituation abspielen, in der ich dann aber nicht nur eine Szene von zwei Liebenden geboten bekomme, deren Umarmung ich rührend oder blöd finde, sondern ein Angebot, das ich als Zuschauer_in selbst verknüpfen kann. Auch diese Distanz, also die Möglichkeit, nicht einfach etwas übernehmen zu müssen, sondern eine Offenheit vorzufinden, in der ich Dinge anders kombinieren und mich unter Umständen sogar verirren kann und vielleicht gar nicht mehr in die sogenannte Normalität zurückfinde, ist mir wichtig.

Ist es die Aufgabe der Kunst, ein gesellschaftspolitisches Nothilfeprogramm bereitzuhalten?

Ich würde es nicht als die Aufgabe der Kunst bezeichnen. Aber sie bietet einen Rahmen, in dem bestimmte Themenkomplexe, die im Gesellschaftlichen marginalisiert werden, reflektiert werden können. Wenn Themen – wie Empathie oder Fürsorge und Aufmerksamkeit – in der Kunst auftauchen, ist das eigentlich immer ein Zeichen dafür, dass sie im gesellschaftlichen Diskurs verdrängt werden und einen Ort suchen, an dem sie wieder gestärkt werden, um so im besten Fall in die Gesellschaft zurückfinden zu können. Das Marginalisierte, Verdrängte findet in der Kunst einen Raum. Zum Glück. Das ist die Kraft der Kunst, nicht ihre Aufgabe.

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