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Massive russische LuftangriffeKeine Aussicht auf Waffenruhe in der Ukraine

Mit mehr als 1.500 Drohnen und 56 Raketen hat Russland am Mittwoch und Donnerstag die Ukraine angegriffen. Landesweit gibt es Tote und Verletzte.

Shchaslyve, nahe Kyjiw, 14. Mai: Aufräumarbeiten an einem Wohnhaus, das während einer Nacht russischer Raketenangriffe beschädigt wurde Foto: Thomas Peter/reuters

Russland hat in der Nacht zu Donnerstag die Ukraine massiv angegriffen. Es war einer der schwersten und längsten Angriffe seit Kriegsbeginn. Besonders stark getroffen wurde die Hauptstadt Kyjiw, aber bereits am Mittwoch waren im Laufe des Tages 800 Drohnenangriffe mit 14 Toten und mehr als 80 Verletzten gemeldet worden. Landesweit wurden 180 Objekte beschädigt, davon 50 Wohnhäuser, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag mit. Allein 23 Angriffe gab es auf Bahninfrastruktur.

Die Angriffe auf Kyjiw begannen bereits am Mittwochmorgen. Den ersten Luftalarm gab es schon früh um sechs, als eine Gruppe von Drohnen auf die ukrainische Hauptstadt zuflog.

Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Die Journalistin Yuliia Shchetyna berichtet: „Ich sollte im Homeoffice arbeiten und war froh, nicht auf die Straße zu müssen. Zuerst dachte ich, dass der Beschuss am stark bewölkten Himmel liegen könne. Die Russen nutzen schlechte Sichtverhältnisse oft für Angriffe – wahrscheinlich, weil es unter solchen Bedingungen für die ukrainischen Luftabwehrsysteme schwieriger ist zu arbeiten.“

Fünfmal Luftalarm in Kyjiw an einem Tag

Doch im Laufe des Mittwochs gab es in Kyjiw dann noch weitere vier Male Luftalarm, sodass die Menschen vor Ort sich auf eine schwere Nacht vorbereiteten. Und dann kamen auch schon die Nachrichten über Drohnen- und Raketenabschüsse über die entsprechenden Telegramkanäle.

Es waren so viele Drohnen, dass ich mir das Ausmaß eines möglichen Angriffs gar nicht vorstellen wollte

Yuliia Shchetyna, Journalistin aus Kyjiw

„Es waren so viele, dass ich mir das Ausmaß eines möglichen Angriffs gar nicht vorstellen wollte“, so Yuliia. Um wenigstens ein bisschen Schlaf zu bekommen, ging sie früh ins Bett. „Doch schon ab drei Uhr nachts hörte man fast ununterbrochen sehr heftige Explosionen. An Schlaf war nicht zu denken. In den Telegramkanälen tauchten Fotos von brennenden Häusern und Meldungen über die ersten Opfer auf.“

Bei dem kombinierten Drohnen-Raketenangriff wurden insgesamt 20 Orte getroffen. Ein Hochhaus wurde komplett zerstört, dabei starben mindestens fünf Menschen, darunter ein 12-jähriges Mädchen. Der staatliche ukrainische Katastrophenschutz meldete mindestens 44 Verletzte, weitere 20 Menschen galten bis Donnerstagnachmittag noch als vermisst. Darum könne die Zahl der Todesopfer auch noch steigen.

Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe wurden bei dem nächtlichen Angriff 56 Raketen und 675 Drohnen auf die Ukraine abgefeuert.

Uschhorod zum ersten Mal angegriffen

Erstmals seit 2022 wurde die Stadt Uschhorod im Südwesten der Ukraine, nahe der Slowakei und Ungarn beschossen. Die Slowakei sperrte daraufhin die Grenze. Ungarns Außenministerin Anita Orbán habe für Donnerstag den russischen Botschafter einbestellt, um ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zu fordern, so Ministerpräsident Peter Magyar bei einer Pressekonferenz am Mittwoch.

Auch andere Städte und Regionen in der Westukraine meldeten russische Luftangriffe. In Iwano-Frankiwsk wurden zwei Menschen bei einem Drohnenangriff auf ein Wohnhaus verletzt. Im Gebiet Riwne, nahe zu Polen, starben zwei Menschen, vier wurden verletzt.

Im nordukrainischen Sumy starb ein Mensch durch die Explosion einer Granate. Drohnenangriffe wurden auch aus Dnipro, Saporischschja, Charkiw und Odessa gemeldet. In der Stadt Cherson im Süden des Landes wurden am Donnerstagvormittag eine Frau getötet und ein Mann verletzt. Auch Fahrzeuge einer humanitären Mission der Vereinten Nationen wurden angegriffen. Verletzt wurde dabei niemand.

Yuliia Shchetyna aus Kyjiw ist nach diesem Luftangriff extrem erschöpft: „Heute möchte ich keine Nachrichten mehr lesen“, sagt sie gegenüber der taz. „Ehrlich gesagt hält mich im Moment nur die Arbeit aufrecht. Und ich glaube fest daran, dass Russland eines Tages als Staat von der Weltkarte verschwinden wird und die Ukrainer nicht mehr leiden müssen.“ (mit Agenturen)

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