Maskenskandal in Österreich: Made in Austria? Von wegen

In Österreich sollten FFP2-Masken unbedingt aus heimischer Produktion kommen. Doch heimlich wurden chinesische Produkte umetikettiert.

Masken liegen auf einem Stapel in einem Supermarkt

Made in Austria oder doch Made in China? Skandal durch falsch etikettierte FFP2-Masken in Österreich Foto: Georges Schneider/imago

WIEN taz | Kauft österreichisch! Das war vor allem im Lockdown der von der Regierung ausgegebene Aufruf zum kommerziellen Patriotismus. Dieser mündete darin, dass in zwei Produktionsstätten der Firma Hygiene Austria Schwarzarbeiter chinesische FFP2-Masken kurzerhand als österreichische Produkte umetikettierten. Fahnder hatten davon über abgehörte Telefongespräche Wind bekommen und am Dienstag die Räumlichkeiten durchsucht.

Für österreichische Betriebe lag es in der Pandemie nahe, angesichts vorhersehbar stabiler Nachfrage in die Produktion von Mund-Nasenschutz-Masken einzusteigen. Zwei Vorzeigeunternehmen taten sich zusammen: der Faserhersteller Lenzing und der auf Dessous spezialisierte ehemalige Familienkonzern Palmers AG. Das Kind dieser glücklichen Verbindung heißt Hygiene Austria und fertigt statt unterschiedlicher Körbchengrößen nun FFP2-Masken in Einheitsgröße an.

Offenbar hat man allerdings die Nachfrage unterschätzt. Denn seit Ende Januar müssen in öffentlichen Verkehrsmitteln, öffentlichen Gebäuden und jeder Art von Läden diese als sicherer geltenden Masken getragen werden. Die Regierung ließ allen Einwohnern über 65 zehn solche Masken postalisch zustellen, alle größeren Supermärkte bieten sie zum „Selbstkostenpreis“ von 59 Cent an oder verteilten sie in den ersten Tagen gratis an die Kundschaft.

Die Umetikettierung von chinesischen Produkten entwickelt sich jetzt zu einem Politskandal. Denn wie jetzt bekannt wurde, hat die Bundesregierung nicht nur fleißig Werbung für den österreichischen Betrieb gemacht – Besuch von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) inklusive – sondern auch ohne Prüfung alternativer Angebote exklusiv dort eingekauft.

Das Argument: Man habe Wert auf eine Produktion in Österreich gelegt. Die Firma sei „derzeit der einzige österreichische Anbieter“, schrieb eine hohe Beamtin Ende November an die Kabinettschefin von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Dass Tino Wieser, der Geschäftsführer von Hygiene Austria, mit der Büroleiterin von Kanzler Kurz verschwägert ist, dürfte sich auch nicht nachteilig ausgewirkt haben.

Mangelhafte Hygiene bei Made in Austria

Nach heftigen Dementis gab die Firmenleitung angesichts eindeutiger Beweislage zu, dass tatsächlich größere Mengen der begehrten Ware bei chinesischen Partnern in Auftrag gegeben worden seien. Andernfalls hätte man die Abnehmer nicht rechtzeitig beliefern können.

Prompt nahmen die Supermärkte die Masken von Hygiene Austria unter Vorbehalt weiterer rechtlicher Schritte aus den Regalen. Die Bundesbeschaffungsgesellschaft BBG, die Parlament, Bundesbahn, Spitäler und andere öffentliche Einrichtungen mit Masken des Musterbetriebs beliefert hatte, suspendierte ihren Vertrag mit der Firma. Die Palmers-Aktie stürzte um zehn Prozent ab.

Dass die Qualitätsstandards bei der chinesischen Ware laut Beteuerungen der Firmenleitung geprüft und den heimischen Kriterien entsprechend sei, half da auch nicht mehr. Betrug ist schließlich Betrug. Ironie der Geschichte: Möglicherweise sind die chinesischen Produkte sogar besser als die österreichischen. Darauf deutet eine Materialprüfung hin, die die Firma Swano-Tex vornahm.

Auf der Suche nach heimischen Lieferanten hatte sich Hygiene Austria an diesen Textilbetrieb gewandt, ob er für sieben Cent pro Stück liefern könne. Swano-Tex Geschäftsführer Harald Fischl sah sich außerstande, zu heimischen Lohnkosten so billig zu produzieren. Außerdem habe das von Hygiene Austria vorgelegte Filtermaterial zu 15 Prozent nicht den Normen entsprochen.

In den sozialen Medien machten gleichzeitig Berichte über ekelerregende hygienische Bedingungen bei Hygiene Austria die Runde. „Also falls jemand noch FFP2-Masken von Hygiene Austria hat, würde ich sie an eurer Stelle endgültig entsorgen“, rät die Tweeterin ana_nym. „Nicht wegen China, sondern wegen Austria“.

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