Maschinenhamlet in Hannover: Abschied von den letzten Menschen
Mit Robo-Hund und lebenden Sexpuppen transponiert „De Warme Winkel“ Hamlet in Hannover in die Zeit nach der KI-Revolution. Die erweist sich als misogyn.
Zum Schluss kommen die Saugroboter. Von links fahren sie weiß leuchtend auf die abgedunkelte Bühne des Hannoverschen Schauspielhauses, auf der die acht Darsteller:innen und ein elektrischer Hund mit seltsam verwinkelten Gliedmaßen liegen, wie abgeschaltete und in der Bewegung erstarrte Elektrogeräte. Immer mehr anthrazitfarbene Hartplastikscheiben gleiten rein. Ganz vorne, die muss Fortinbras sein.
Mit dieser Invasion endet die Produktion „Hamlet: R2D2 or not 2B2“. Uraufführung war am Samstag am Staatstheater Hannover. Die dem Technik- und Marketingsprech abgelauschten Numeronyme des Titels weisen darauf hin, dass der Shakespeare-Text allenfalls fragmentiert zugegen ist.
Zugleich macht er klar, dass die Produktion des niederländischen Theaterkollektivs „De Warme Winkel“ Hamlet mit dem Menschen-Automaten-Thema kurzschließt, ähnlich wie fast 50 Jahre zuvor schon Heiner Müller mit „Die Hamletmaschine“.
Die unbegreifliche Existenz des Menschen
Mit der scheint die Winkel-Performance zumindest unterirdisch verbunden. Das Motiv beziehen beide Theatertexte aber direkt vom Original. In Hamlets Liebesbrief an Ophelia, den Polonius, ihr Vater, abgefangen hat und dem verbrecherischen Königspaar vorliest, hatte Shakespeare den Dänenprinzen die mehrdeutige Metapher der Maschine wählen lassen. Sie steht darin für seinen Leib, sein Herz, oder vielleicht gar seine ganze unbegreifliche Existenz.
„Hamlet: R2D2 or not 2B2“, De Warme Winkel am Staatstheater Hannover, Schauspielhaus, wieder am 6. und 12.3., jeweils 19.30 Uhr
Das Unverständliche des Menschseins machen „De Warme Winkel“ sichtbar, indem sie ausnahmslos – und mit atemberaubender Meisterschaft – Androiden darstellen, die sich das aneignen, was Large Language Modelle wie ChatGPT recht zuverlässig als das Gipfelwerk schlechthin der westlichen Theatergeschichte ausweisen: Die Roboter spielen „Hamlet“, was denn sonst.
Also wiederholen sie die grobe Handlungsfolge – eine Geistererscheinung offenbart Hamlet die Ermordung des Vaters durch Onkel und Mutter, er sinnt auf Rache, alle sterben und die Norweger marschieren ein. Dabei reproduzieren sie auch – naturgemäß – die konventionellen menschlichen Posen, mittels derer Schauspiel Gefühle behauptet: „Ich sitze rechts in der Ecke, um zu betonen, dass ich mich isoliert fühle“, sagt Byeongsu Lim daher als fantastisch ausdrucksloser Hamlet.
„Ich bewege meinen Kopf zurück zur Mitte, stütze meinen Ellbogen auf mein Knie, meine Hand wird zur Faust“, sagt seine per Computer remodellierte Stimme. Lim kann seine Bewegungen wirken lassen, als würden sie von einem beeindruckend gelenkigen Automaten vollzogen, statt von einem Menschen. „Ich öffne den Mund und seufze, um zu zeigen, wie depressiv ich mich fühle“, spricht’s. Dann seufzt er.
Frauen werden Sexpuppen
Diese so souverän dargestellte verständnislose Nachahmung, die Verwechslung des psychischen Zustands mit seinem gestisch- mimischen oder sprachlichen Ausdruck ist ein großer Spaß. Und als Zusatz-Schmankerl wackelt auch ein echtes Roboterhündchen über die Bühne. Der Abend erschöpft sich aber nicht im Witzigsein: Ihm gelingen eingängige Bilder für die Probleme und Missbrauchsanfälligkeit von Künstlicher Intelligenz und Bewusstsein simulierenden Maschinen. Sie sind unterhaltsam, kompakt – und teils schmerzhaft drastisch, wo es um die dem Text eingeschriebene und mit ihm tradierte Frauenfeindlichkeit geht.
So verwandeln sich Marieke de Zwaan, Rosie Sommers und Anne Stein, die sich die Rolle der Mutter und Witwe teilen, in Sexpuppen. Auf weißen Podesten platziert werden sie in den Saal gefahren. Überflüssig ist hier der Imperativ „Mach’ die Beine auf Mama“, der in Müllers Hamlet-Reprise aus den 1970ern noch als wütige Provokation vorgetragen worden war.
Diese Gertruds recken, komplett nackt, im Schwebesitz alle Leibesöffnungen weit aufgerissen dem Publikum entgegen. So fungieren sie als stumm schreiende Zeichen dafür, dass die Automatisierungs- und KI-Revolution in das von der britischen Feministin Laura Bates prognostizierte neue Zeitalter des Sexismus zu münden droht.
Höhepunkt des Abends ist aber, wie fast in jeder guten Hamlet-Inszenierung, die Theater-im-Theater-Szene: Drei der Humanoidendarsteller:innen wählen dafür aus dem Publikum per Scan drei passende Unfreiwillige aus. Sie werden auf die Bühne beordert. Die Maschinenmenschen teilen ihnen ihre Rollen im Stück vom Königsmord zu.
Dann werden sie durch die Szene navigiert: „Es ist Zeit, den König zu töten“, wird der Mörder aktiviert. „Flößen Sie das Gift in das Ohr des schlafenden Königs. Sie können dabei das Mittel der Pantomime nutzen.“
Es ist erstaunlich, wie reibungslos und wie unpeinlich diese Zuschauer:innenaktivierung hier funktioniert. Vielleicht liegt es daran, dass diese Hamletmaschinen so selbstverständlich leblos wirken, als hätten sie wirklich keine Organe, oder doch wenigstens kein Herz und keine Seele. Ohne einzuschüchtern, übernehmen sie sanft, aber bestimmt die Regie, was ja auch nur ein mildes Wort für Herrschaft ist.
„Applaus für die letzten Menschen“, ruft die Robo-Spielleiterin, sobald alle tot sind und schickt sie zurück. „Thanks for dying. Wir brauchen Sie nicht mehr.“ Die Maschinen machen das Weitere nun ganz unter sich aus: Selbst in der reinsten Dystopie wohnt noch Gelächter, und sei es das des Wahnsinns. Und der Rest? Ist Saugen.
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