das ding, das kommt: Mann werden im Wilden Westen
Der eine kann es nicht erwarten,, seine provinzielle Herkunft los zu sein, „das Erbe von Yorkshire“, und Dichter zu werden – dabei hasst er die Dichter: „Er sah sie als Schreckbilder, wehrlose Wesen, gebeutelt von Liebe und Hass und Visionen, vergiftet von Laudanum und Hysterie. Dichter fühlten und fühlten und fühlten.“ Der andere, im so viel wilderen Land weit westlich, jenseits des Atlantiks, soll zur Mannwerdung selbst einen Mann erschießen, da ist er noch ein Kind. In den Taschen des erschossenen Landvermessers findet er nur ein Buch – Byrons Gesammelte Werke, Band 2.
Der eine, Douglas Fortescue, wird zum berühmtesten Shooting-Star der englischen Dichtkunst nach Byrons Tod avancieren – und muss nach einem Skandal nach Nordamerika fliehen. Dort fällt er bei einem Postkutschenüberfall dem anderen in die Hände, Joshua Jenkyns. Dass diese beiden einander lieben werden, ist ein schönes Beispiel für das Universum von Christine Wunnicke, einer Autorin, „deren Œuvre im besten Sinne queer ist“, so formuliert es der Berliner Albino-Verlag. An diesem Samstag nun bekommt Wunnicke in Braunschweig den diesjährigen Wilhelm-Raabe-Literaturpreis, vergeben von der Stadt sowie dem Deutschlandfunk. Technisch gesehen für ihren jüngsten Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ – aber wie stets soll dieser Preis ausdrücklich das gesamte bisherige literarische Schaffen der Ausgezeichneten würdigen.
Rechtzeitig zur Preisverleihung (zu hören am Samstag, 20.05 Uhr, Deutschlandfunk) ist ihre frühe Erzählung „Missouri“, deren Stoff aufging im Roman „Fortescues Fabrik“, nun wieder verfügbar: ein transatlantisches Spiel mit Wildwest- und Männlichkeitsbildern. Beziehungsweise „bei aller parodistischen Verdrehtheit“, so Wunnicke selbst, „eine zutiefst romantische Geschichte“.
Alexander Diehl
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