Manipulationsskandal in der Türkei: Wenn die Börse zur Parteikasse wird
Ein Fondsskandal erschüttert die Türkei. Kleinanleger bangen um ihr Geld, während im AKP-Umfeld hohe Gewinne gemacht werden. Wer steckt mit drin?
Foto: Umit Bektas/reuters
Seit Tagen wird in den Talk-Runden im türkischen Fernsehen über nichts anderes mehr geredet als über den sogenannten Fonds-Skandal. Es ist der größte Börseneklat in der jüngeren türkischen Geschichte. Über hundert Investmentfonds, gebündelt bei sieben Vermögensverwaltern, haben mit illegalen Methoden einzelne Aktien in schwindelerregende Höhen getrieben und damit einige wenige Menschen im Umfeld der Regierungspartei AKP reich gemacht und rund eine halbe Million Kleinanleger vermutlich um ihre Ersparnisse gebracht.
Eine spektakuläre Gewinnerin bei diesem Spiel ist die frühere Familienministerin und enge Vertraute von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, Fatma Betül Sayan Kaya. Sie hat mit den Fonds in wenigen Monaten rund 100 Millionen Euro verdient. Ihr Mann ebenso. Sie ist inzwischen als stellvertretende Parteivorsitzende zurückgetreten, wurde aber bislang nicht angeklagt.
Am Montagabend verkündete Oppositionsführer Özgür Özel, die Yeni-Parti wisse, dass ein amtierender Minister 200 Millionen Euro verdient habe. Finanzminister Mehmet Şimşek versucht zu beruhigen und betont, die Finanzlage sei insgesamt stabil. Doch Şimşek und etliche andere sind in erheblicher Erklärungsnot.
Erste Ungereimtheiten waren offenbar seit Monaten sichtbar. Schon im Juni thematisierte der internationale Indexanbieter MSCI (Morgan Stanley Capital International) ungewöhnliche Kursbewegungen bei kleinen türkischen Aktien. Es handele sich um geringe frei handelbare Aktienbestände und mögliche koordinierte Transaktionen im Zusammenhang mit bestimmten Fonds. Auch Şimşek deutete an, dass er Probleme sehe, handelte aber nicht.
Neue Regeln – mit Schonfrist?
Am 19. August schickte die Istanbuler Generalstaatsanwaltschaft ein Schreiben an die Kapitalmarktaufsicht SPK. Die reagierte prompt mit neuen Regeln. Plötzlich floss Geld in großem Stil ab, anscheinend abgehoben von Leuten aus dem Umfeld der Fondsmanager oder politischen Personen, die vorgewarnt worden waren. Am 15. September mussten erste Vermögensverwaltungen einräumen, dass sie nicht mehr liquide sind und verkaufswillige Anleger nicht mehr auszahlen können. Rund eine halbe Million Anleger bangen nun um ihr Geld, die ersten prominenten Fondsmanager wurden festgenommen und sitzen in Untersuchungshaft.
Finanzprofessor Özgür Demirtas beschreibt das System, mit dem die Fonds ihr Geld einsammelten, als leicht modifiziertes Schneeballsystem, das nur so lange funktioniert, wie immer neue Anleger Geld nachschießen. Nur dass es bei den Geschäften um reale Aktien ging, die allerdings künstlich aufgebläht wurden: Die Fonds kauften nach und nach Aktien von kleinen Firmen auf, die nur in geringen Mengen frei gehandelt wurden – hier können schon kleine Kaufaufträge für große Kursausschläge sorgen. Tatsächlich verteuerten sich die Aktien um teils mehr als 100 Prozent. Das zog immer mehr Anleger an, die auch Geld mit diesen „Superfonds“ verdienen wollten.
Die ersten dieser Fonds wurden 2021 aufgelegt und die frühen Anleger machten tatsächlich hohe Gewinne. Aktien, die zu Beginn 100 Lira wert waren, stiegen auf bis zu 2.000 Lira. Das betroffene Fondsvermögen wurde zuletzt auf mehr als 18 Milliarden US-Dollar beziffert. Für den Kreis der Eingeweihten kam es darauf an, die Anteile wieder zu verkaufen bevor die große Menge der Anleger bemerkte, dass sie einem Betrug aufgesessen waren.
Fressen für die Opposition
Mittlerweile sitzen mehrere prominente Fondsmanager in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Marktmanipulation, Betrug, Geldwäsche und Bildung einer kriminellen Organisation.
Die Opposition fragt nun, warum man diese Fonds so lange hat gewähren lassen. Und wie es sein konnte, dass es nach dem Vorstoß der Kapitalmarktaufsicht im August bis Mitte September immer noch etlichen Insidern gelingen konnte, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, sprich: riesige Gewinne ins Ausland zu transferieren.
Ein Blick hinter die Kulissen der Vermögensverwalter bietet eine Menge Sprengstoff für die Regierung: Der Chef der größten Vermögensverwaltung, Tera, ist Emre Tezmen. Das Wachstum seiner Fonds war spektakulär, die Tera-Aktie legte zeitweilig um 40.000 Prozent zu. Er soll zu den Leuten gehören, die größere Summen ins Ausland transferiert haben. Tezmen ist einer der so genannten AKP-Prinzen. Sein Vater Oguz Tezmen war eine Zeit lang unter Erdoğan Verkehrsminister.
Wer zu so einer Familie gehört, wird in der Türkei nicht so schnell von der Justiz angegangen. Auch Finanzminister Şimşek muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er die Fonds aus diesem Grund weiterlaufen ließ. Erdoğan versucht die Empörung nun einzufangen, indem er den Kleinanlegern, die nicht mehr als 1 Million Lira (rund 18.000 Euro) angelegt haben, eine Rückzahlung garantiert. Wenn allerdings weitere Verstrickungen hoher Parteimitglieder oder Minister bekannt werden, könnte es auch für den Präsidenten eng werden.
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